Fotoreisen: Himmel für echte Nerds, Hölle für Begleiter

Fotoreisen

Was sind Fotoreisen?

Macht jemand, der im Urlaub leidenschaftlich Fotos knipst, eine Fotoreise? Unserer Meinung nach nicht.

Auch nicht, wenn der Gatte stundenlang die Blüten mit dem Makroobjektiv ablichtetet und sein Bestes gibt, wenn er die Gattin vor den rauschenden Wellen in Szene setzt und mit 2000 Fotos vom Urlaub zurückkommt. Und vor allem nicht, wer mit dem Selfie-Stick Selbstporträts en masse macht.

Denn schließlich steht hier trotz ambitionierter Fotoausrüstung der gemeinsame Urlaub im Vordergrund, die Auszeit vom Alltag, das leckere Fischbuffet. Die Fotos sind letztlich der Beweis, wie schön es war, wie toll der Strand. Die Bilder halten für die Powerpoint-Show für Freunde, früher nannte man das Diaabend, her und fürs online erstellte Fotobuch, vielleicht auch für Facebook.

Nein, das sind definitiv keine Fotoreisenden, zumindest nicht in unserem Sinne. Wenn wir von Fotoreisen reden, dann geht es um ganz andere Kaliber. Bei einer geplanten Fotoreise sind Profis am Werk, oder solche, die es werden wollen. Im Gepäck dabei sind ein Stativ. Nicht ein Objektiv, sondern mindestens drei. Festplatten, Kamerapinsel, alles was das Fotografenherz höher schlagen lässt. Sperrgepäck, kein Problem!

Ein Fotoreisender fährt nicht in den Urlaub, wo der Strand schön weitläufig ist und nimmt dann die Kamera mit. Er reist dahin, wo die besten Fotomotive warten. Finnisch-Lappland für die Nordlichter zum Beispiel.

Das Programm der Reise ist vorgeplant und richtet sich nicht nach historischer Bedeutung oder kulinarischem Angebot, sondern nach Fotomotiven. Wie zum Beispiel Nachtaufnahmen im historischen Stadtkern von Dublin, Sonnenaufgang in Masada in der judäischen Wüste, Sonnenuntergang auf dem Tafelberg in Kapstadt. Je nach Zielgruppe nehmen Theorie und Erklärungen einen größeren oder kleineren Teil der Zeit ein. Aufgaben werden gestellt, jeder gibt sein Bestes.

Vorteile von Fotoreisen

Für Fans von ISO-Zahlen und Belichtungszeiten sind Fotoreisen das Nonplusultra. Sonst drängelt der Partner schon genervt zum Weitergehen, gerade dann, wenn das Licht so schön weich über den Hügel fällt? In diesem Punkt muss sich bei einer Fotoreise niemand Sorgen machen. Hier hat man alle Zeit der Welt, um jeden Grashalm, jede Möwe, jeden Sonnenstrahl im perfekten Licht einzufangen.

Und dann die Gespräche: Statt sich anzuhören, wie unmöglich die Frau am Nachbartisch gekleidet ist, dreht sich hier alles um Kameratechnik, Einstellungen und Einfallswinkel.

Wo ist wann das beste Licht, wo ist die schönste Bucht, wo stehen die berühmten Highland-Rinder? Der Profifotograf und Reiseleiter hilft weiter und bringt einen just zum richtigen Zeitpunkt an den richtigen Ort.

Wer sich nicht sicher ist, wie hoch er nun beim frühen Sonnenlicht die ISO einstellen soll oder ob vielleicht doch das andere Objektiv besser wäre, bekommt kompetente Auskunft. Bei Fotoreisen lernt man noch richtig dazu und kann daheim mit grandiosen Fotos und perfektioniertem Halbwissen protzen.

Die Nachteile von Fotoreisen

Wenn mehrere Fotografen an einem Ort dasselbe Motiv fotografieren wollen, kann es zu Konkurrenz kommen. Wer hat die bessere Ausrüstung, Canon oder Nikon? Wer hat den besten Platz, wer am Ende das bessere Foto? So sehr das gemeinsame Interesse verbindet: Es kann auch zu Reibereien und gekränktem Ego führen.

Fotoreisen planen sehr viel Zeit für einzelnen Fotospots ein. Schließlich soll jeder an die perfekten Bilder kommen. Doch manchmal ist es einfach zu viel des Guten. Wer nach einer halben Stunde den perfekten Shot hat, der will nicht unbedingt noch zwei weitere warten, bis jeder jeden Winkel bis ins kleinste Details eingefangen hat. Da hilft nur abwarten und Tee trinken.

Raum für individuelle Entscheidungen bleibt kaum. Eine Fotoreise ist wie jede andere Gruppenreise gut durchgeplant. Da heißt es unterordnen und kuschen.

Und schließlich spielt das Wetter eine Rolle. Die Location kann noch so schön sein. Wenn sich über dem Traumstrand gerade ein Monsunregen ergießt, hat es sich mit karibischen Strandfotos. Während man bei einer individuellen Reise einfach am nächsten Tag noch einmal sein Glück versuchen kann, hat man bei der Gruppen-Fotoreise einfach Pech gehabt.

Für wen ist das was?

Wer endlich einmal ganz in Ruhe fotografieren will, ohne das Meckern der Kunstbanausen, der wird bei einer Fotoreise nicht enttäuscht. Hier dreht sich alles um das beste Stück, die Kamera.

Wer sich auf all die Fachgespräche rund ums Fotografieren freut und im Vorfeld schon kaum die leidenschaftlichen Diskussionen abwarten kann, der sollte direkt buchen.

Wer seine Fotokünste perfektionieren will, der bekommt vom fähigen Reiseleiter so einige Tipps mit auf den Weg. Bei Fotoreisen lernt man noch fürs Leben!

Wer gerne bereit ist, alle anderen Aktivitäten wir kulinarische Erlebnisse, faule Strandtage oder spontane Stadtbummel hintenanzustellen, keinen großen Wert auf schicke Unterkünfte oder individuelle Entscheidungen legt, der könnte bei einer Fotoreise glücklich werden.

Und Fotoreisen bedeutet: früh aufstehen, sehr früh. Das Morgenlicht ist bekanntlich das schönste. Dafür muss man nun einmal früh aus den Federn und am besten irgendwo auf einen Berg klettern. Fit sein sollte man also auch noch.

Für wen ist das eher nichts?

Wer nicht unbedingt mit einer guten Portion Geduld gesegnet ist, der könnte auf Fotoreisen seine Schwierigkeiten haben. Auch für alle, für die das Fotografieren nur ein nette Nebenbeschäftigung ist, könnte eine solche Reise „too much“ sein.

Wer nur dem Partner zuliebe mitreist und selbst keine Interesse am Fotografieren hat, der soll um Himmels Willen lieber zuhause bleiben.

Wer nicht gerne läuft, klettert oder sonst wie unterwegs ist, wird es schwer haben. Denn für das perfekte Motiv muss man ein paar körperliche Strapazen in Kauf nehmen.

Und man darf nicht vergessen: Fotoreisen sind Gruppenreisen. Gruppenreisen mit einer ganzen Mannschaft Fotonerds. Wer darauf nicht kann, der fährt lieber alleine.

Wer schreibt über Fotoreisen?

20 Gründe, warum man keine Fotoreisen machen sollte: Was sich nach gefrusteten Kursteilnehmern anhört, ist in Wahrheit ein Artikel mit Augenzwinkern der beiden Fotoreiseanbieter Tine und Matze. Sie wissen schließlich, von was sie reden:
http://blog.tima-foto.de/10-gute-gruende-nicht-auf-einen-fotoworkshop-oder-eine-fotoreise-zugehen/

Biggi und Flo von photravellers verbinden Reisen und Fotografie. Flo bietet auch selbst Fotoreisen an. Sie wissen, was man alles auf einer Fotoreise braucht und was nicht: http://phototravellers.de/2016/06/die-ultimative-packliste-fur-deine-fotoreise/

Foto: Unsplash.com

arrow