Das Smartphone als Reisekamera

In meinem letzten Beitrag habe ich ja grundsätzlich über die Menge des Kamera- und Fotozubehörs geschrieben, das man im Urlaub mitnehmen sollte, oder besser gesagt, was man alles nicht unbedingt mitschleppen muss. Heute soll es nun darum gehen, wie man mit der Minimalausstattung, d.h. nur einem Smartphone als Kamera, möglichst gute Ergebnisse auf Reisen erzielen kann.

Braucht man das neueste und beste Smartphone?

Nein, man braucht natürlich nicht unbedingt das beste „iPhone Xs / 11 / Pro Max / Mega / XL“, oder das pendant von Samsung, Huawei usw. Die Technik in den Smartphone-Kameras, die als Reisekameras genutzt werden können, hat in den letzten Jahren eine solch rasante Entwicklung erlebt, dass einem oft die Spucke wegbleibt, wenn man die Ergebnisse betrachtet und mit älteren Smartphones vergleicht. Wer in den letzten 2-3 Jahren ein Mittelklasse- oder Top-Smartphone gekauft hat, kann – zumindest bei ausreichend Licht – gute bis sehr gute Ergebnisse erzielen. Durch „computational photography“ werden Fotos zunehmend optimiert, da die Software beispielsweise erkennt, dass man höchstwahrscheinlich gerade einen Sonnenuntergang oder ein Porträtfoto aufnehmen möchte, und das Ergebnis dahingehend direkt im Telefon bearbeitet.

Aber natürlich bieten die neuesten Smartphones auch die aktuellste Kameratechnik. Dank mehrerer Kameras werden automatisch auch mehrere Fotos gleichzeitig gemacht und digital verrechnet, wobei auch Rauschen und Verwackelungen reduziert werden oder zusätzliche Details erkennbar werden (interessant ist in diesem Zusammenhang auch die neu vorgestellte „Deep Fusion“-Technik, die im iPhone 11* und 11 Pro* zum Einsatz kommen wird, sobald dieses Feature fertiggestellt und freigschaltet wird).

Es kommt aber hautpsächlich darauf an, die vorhandene Technik richtig einzusetzen, ein paar fotografische Grundregeln zu beachten und – was wiederum am schwersten, aber am Lohnendsten ist – ein gutes Auge für Situationen und Details zu entwickeln.

Das oder die Objektiv(e) des Smartphones

Fast alle aktuellen Smartphones haben mindestens zwei hintere Objektive – der Trend geht zu mehr. Eines der verbauten Objektive ist meist ein Weitwinkel-Objektiv, das einen Bildwinkel hat, der der Brennweite eines 28- oder 29mm-Kleinbildobjektivs entspricht (26mm beim iPhone Xs und 11 (*)), was im Alltag sehr universell einsetzbar ist. Das zweite ist oft ein „Tele“-Objektiv wie beim iPhone 7 Plus / 8 Plus / X / Xs / 11 (*), wobei der Begriff „Tele“ eher in den Marketingbereich einzuordnen ist, denn im Allgemeinen betrachtet man Objektive in diesem Bereich eher als „Normalobjektive“. Dennoch – oder gerade deswegen – eigenen sie sich sehr gut für Porträts, denn man muss dem Modell nicht so dicht auf die Pelle rücken.

iPhone 11 pro
iPhone 11 pro mit 3 Kameras – Photo by Glodi Miessi on Unsplash

Man kann – im Prinzip – das „Tele“ nutzen, wenn man in der Kamera-App auf den „2X“-Button tippt. Wenn die Lichtbedingungen stimmen, wechselt die Kamera auf das „Tele“ und man sieht einen engeren Bildausschnitt quasi vergrößert. Im Android-Lager findet man sogar noch höhere Brennweiten, bei manchen Geräten sind inzwischen sogar bis zu 4 Kameras verbaut, darunter Superweitwinkel-Kameras und Telezoom-Kameras (besonders beim Huawei P30 pro *), bei denen man schon von „echten“ Telebrennweiten sprechen kann. Dort hat Apple meiner Meinung nach noch Nachholbedarf! Auch das neue iPhone 11 *, das Ende September 2019 erschienen ist, hat im Telebereich nichts Neues zu bieten, stattdessen gibt es eine zusätzliche Kamera für den Superweitwinkel-Bereich.

Es wird jedoch bei verschiedenen Smartphones nicht immer auf das „Tele“ geswitcht, denn oft haben diese Objektive eine etwas geringere Lichtstärke (z.B. F 2.8 statt F1.8) als das Haupt-(Weitwinkel)-Objektiv. Wenn nach Ansicht der Kamera-Software zu wenig Licht vorhanden ist, um eine verwacklungsfreie Aufnahme hinzubekommen, wird einfach der Digitalzoom angewendet und auf das Bild der Hauptkamera eine digitale Ausschnittsvergrößerung vorgenommen, die genau dem Blickwinkel des „Tele“-Objektivs entspricht. Bei vielen Smartphones hat die Hauptkamera eine optische Stabilisierung integriert, die dem „Tele“-Objektiv teilweise fehlt.

Moment mal, das ist ja Betrug!

Könnte man meinen, ist aber eher von der Kamera-Software bzw. dem Hersteller „gut gemeint“. Damit wird sichergestellt, dass man trotz ungünstiger Lichtverhältnisse ein verwertbares Bild erhält.

Wenn man das vermeiden möchte, kann man Aufsatzlinsen auf die Weitwinkel-Hauptkameralinse aufsetzen, die den Blickwinkel halbieren, also auf „Tele“ ändern. Damit hat man weiterhin den Vorteil, dass die optische Stabilisierung weiter aktiv bleibt, und man vermeidet den eher ungünstigen Digitalzoom.

Wo wir gerade beim Thema sind: Den Digitalzoom habe ich bisher immer etwas verächtlich betrachtet – „Wo nichts ist, kann man nichts herausholen“, dachte ich mir. Stimmt auch im Prinzip. Dennoch habe ich in Situationen, wo mir eine „richtige“ Kamera mit Teleobjektiv fehlte, hin und wieder mal genau diesen Zoom getestet und festgestellt, dass man zumindest brauchbare Fotos damit machen kann. Klar, in Photoshop am heimischen Rechner stecken bessere Algorithmen, die aus Pixeln mehr Pixel machen, dabei Vergrößerungsartefakte ausbügeln usw. – aber nicht jeder hat solche Software, schon gar nicht legal (nicht wahr?), und noch weniger hat man Zeit und Lust, am Rechner die Smartphone-Fotos zu optimieren. Oder man vergisst es einfach. Also: Mut zum nicht-Perfekten! Oder man probiert tatsächlich Smartphone-Aufsatzlinsen aus, die auch gerade bei etwas älteren Smartphones die Einsatzmöglichkeiten erweitern.

Und wenn es doch ein neues Smartphone sein soll…

Natürlich sind rein von den technischen Voraussetzungen die neuesten und besten Smartphones auch gleichzeitig die mit den besten Kamerasystemen. Sowohl die Hardware – also die Sensoren, Prozessoren zur Bildverarbeitung, Stabilisatoren – als auch die Kamerasoftware in modernen Betriebssystemen wie Android und iOS tragen dazu bei. Wer also sowie immer das neueste Gerät haben muss, profitiert von alldem.

Aber auch Absatz der (Preis-)Spitze gibt es gute und sogar günstige Geräte, die eine hervorragende Bildqualität liefern können, wenn der wichtigste Teil der Gleichung stimmt – der Benutzer, der ein Auge fürs gelungene Motiv entwickelt hat.

Hier als Besipiel ein paar Geräte, die sich im mittleren Preissegment befinden und eine gute Bildqualität ermöglichen (* = Amazon-Affiliatelinks)

Weiter oben im Preissegment zeichnen sich diese Geräte durch sehr gute Kameras aus:

Auf Reisen

Unterwegs spielt das Smartphone dank seiner Handlichkeit seine Stärken aus. In viele Hosen- und alle Handtaschen passen die Geräte hinein und werden sowieso andauernd wieder herausgeholt. Mal um mit Karten- und Navigations-Apps den richtigen Weg zu finden, oder um die aktuellen Nachrichten abzurufen (was nicht immer ein Vorteil ist… ich hatte selber im Urlaub im März 2011 sehr an den Meldungen aus Fukushima zu knabbern…).

Der Einsatz als Kamera sollte aber der wichtigste Einsatzzweck im Urlaub sein, denn damit kann man die eigene kreative Ader bedienen und fördern!

Vorteile eines Smartphones als Reisekamera:

  • Unauffällig, denn oft haben viele andere Menschen auch ihre Telefon in der Hand. Zusammen mit einer Kopfhörer-Fernbedienung als Auslöser kann man ebenfalls sehr unbehelligt Aufnahmen machen – z.B. im Genre „Street photography„.
  • Orts-„Tagging“ dank GPS – dies erleichtert später die Sortierung der Fotos und das Zusammenstellen von Alben samt Reiserouten.
  • Leichte Bedienung – durch täglichen Gebrauch sind wir mit den Smartphones sehr vertraut und müssen uns im Urlaub nicht auf die selten genutzte Kamera einstellen.
  • Leichtes Teilen der Fotos in sozialen Netzwerken und per Messenger – auf Instagram und anderen Plattformen landen Fotos schon kurz nach der Aufnahme, oder können von den Verwandten und Freunden zuhause betrachtet und kommentiert werden. Ein Wort zur Vorsicht allerding: Vielleicht möchte man auch gerade nicht sofort während der Reise öffentlich seinen Standort im Ausland mitteilen und somit potentiellen Einbrechern signalisieren, dass man wochenlang nicht zu Hause ist…

Fazit

Viele mittel- und höherpreisige Smartphones bieten abwechslungsreiche Möglichkeiten, gute Fotos zu machen und auch mal einige kreative Techniken auszuprobieren. Je nach Ausrichtung – iOS oder Android – kann man mit einem etwas neueren Gerät fotografische Experimente machen, für die man bisher eine größere Kamera mit Wechselobjektiven benötigte. Einen vollwertigen Ersatz für eine gute Systemkamera stellen alle diese Dinge meiner Ansicht nach noch nicht dar, gerade bei schwachem Licht, aber die beste Kamera ist halt die, die man immer dabei hat – und das Smartphone hat fast jeder immer dabei.

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Titelbild: Photo by Burak K from Pexels

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