Fahrradreisen: Übernachten im Millionen-Sterne-Hotel

Fahrradreisen

Was sind Fahrradreisen?

Man benötigt: ein funktionstüchtiges Rad, ein oder zwei Menschen (für alle Tandem-Freunde, die hier mitlesen), stramme Wadeln, ein etwas weiter entferntes Ziel und viel Zeit. Fertig ist die Fahrradreise. Oder nicht?

Kommt wie bei so vielen Dingen im Leben darauf an. Wer die geführte Luxus-Variante mit begleitendem Gepäckwagen gewählt hat, der muss in der Tat keine großen Vorkehrungen treffen. Er radelt fröhlich jeden Tag in der Gruppe, schleppt nur Brotzeit und Getränke mit. Abends steigt er vom Rad, lässt sich im Hotel bekochen, gönnt sich vielleicht sogar eine Massage für die müden Beine und streckt sich im gemütlichen Bett zum Erholungsschlaf aus.

Eine Stufe verschärfter ist der Individualradler unterwegs, der ebenso in Hotels oder Pensionen absteigt, dafür aber sein komplettes Gepäck mit der Kraft der eigenen Beine bewegt. Er plant alles selbst, kann jeden Tag frei über seine Streckenwahl entscheiden. Wenn er sich verfährt, macht ihn kein Tourleiter drauf aufmerksam, sondern nur das nächste Ortsschild, bei dem er feststellt: „Oh, da wollte ich eigentlich gar nie hin.“

Hart gesottene Fahrradreisende pfeifen dagegen auf Verwöhnaroma, sowohl auf der Strecke als auch bei der Übernachtung. Aus ihrer Sicht sieht eine echte Radreise so aus: selbst fahren, selbst schleppen, selbst navigieren, selbst übernachten. Zelt, Isomatte und Schlafsack sind die fahrende Unterkunft, die mal auf einem Campingplatz, mal heimlich in der Prärie gebaut und wieder abgerissen wird. 24 Stunden draußen, was anderes kommt nicht in Frage. Belohnt wird das in klaren Sommernächten gerne mit dem Millionen-Sterne-Hotel. Regentage werden weggelächelt. Zumindest bis auch das letzte Kleidungsstück durchweicht ist.

Vorteile von Fahrradreisen

Wer je einige Tage am Stück geradelt ist, weiß: Irgendwann stellt sich unterwegs eine grenzenlose Zufriedenheit ein. Einfach nur in die Pedale treten, die Landschaft vorbeiziehen lassen und die frische Luft genießen: Das hat schon etwas verdammt Meditatives.

Was braucht es mehr zum Glück als 2 Reifen ohne Platten, gute Bremsen, Bewegung unter freiem Himmel und Naturerlebnisse rund um die Uhr? Dieses großartige Gefühl, sich selbst die Kilometer zu erarbeiten und Ziele zu erreichen, für die andere Busse, Autos, Züge oder gar Flugzeuge brauchen.

Wer auf Radreisen geht, braucht kein Fitness-Studio und schon gar keine Animation in Hotelclubs. Der Sport ist das Ziel – oder mindestens ein angenehmer Nebeneffekt. Jeden Tag ein bisschen fitter, das lässt sich gar nicht verhindern. Die Arbeitskollegen, die gleichzeitig beim Saufen auf Malle waren, werden danach im Büro neidisch schauen, welch gute Figur der Herr Kollege plötzlich macht.

Fahrradreisen bedeuten auch das Zelebrieren des Minimalismus. Der Fokus liegt auf ganz wenigen Dingen: essen, trinken, strampeln, nicht verfahren, schlafen. Das Hirn jubelt auf, so völlig befreit von Stress und Multitasking. Wer das einfache Leben sucht, bekommt es hier geboten.

Weitere positive Nebeneffekte: sehenswerte Orte, bezaubernde Landschaften, interessante Menschen. Seen zum Reinspringen und lokale Köstlichkeiten gibt es quasi im Vorbeifahren zu erleben. Beim Radeln kommt man herum und ist gleichzeitig noch langsam genug, um unterwegs alles entsprechend genießen zu können.

Nachteile von Fahrradreisen

Ach, wenn doch nur der Hintern nicht immer so schmerzen würde! Gibt es wirklich Sattel, die bequem genug für richtig lange Touren sind? Oder ist das Gesäß-Leiden die fühlbare Bestätigung für große sportliche Leistungen? Ein Sportreise-Masochismus der besonderen Art, weil nur der für voll genommen wird, der hinterher von echten Schmerzen erzählen kann?

Wie dem auch sei: Immer draußen zu sein, heißt natürlich auch, jedes Wetter hinzunehmen. Bei Regen einfach mal im Hotel oder Zelt liegenbleiben? Das verbietet die Sportlerehre beziehungsweise das Programm der Gruppentour.

Fahrradreisen sind nunmal keine Gammelurlaube. Geschwächelt wird nicht, schließlich gilt es noch große Ziele zu erreichen. Niemand gibt sich da eine Blöße. Weiter, immer weiter. Vom Liegestuhl am Mittelmeer darf der Radreisende gerne träumen. Von Sonne, Strand, einem Koffer voller trockener Klamotten, davon wie es ist, einfach die Beine hochzulegen. Und zwar im nächsten Urlaub.

Für wen ist das was?

Fahrradreisen sind ideal für:

  • Wetterfeste Menschen
  • Gute Kartenleser
  • Besitzer strammer Wadeln
  • Abnehmwillige
  • Wildcamper
  • Insektenesser (die luftservierten Zwischenmahlzeiten lassen sich nicht verhindern)
  • Genügsame, die 5 Wochen mit 5 Klamotten überstehen
  • Konditionswunder

Für wen eher nicht?

  • Hundephobiker (zumindest bei Touren auf dem Balkan)
  • zartbesaitete Hintern
  • Japaner, die alle Sehenswürdigkeiten eines Landes in 3 Tagen sehen wollen
  • Gegenwindallergiker
  • Bewegunsgmuffel aller Art
  • Langschläfer
  • Ballermänner
  • 5-Sterne-Wellness-Urlauber
  • Orientierungslose
  • Bekleidungs-Ästheten (oder sehen die meisten Radler sexy aus?)
  • Geruchssensible (einfach mal abends an den Schuhen schnuppern)
  • Regen-Daheimbleiber

Wer schreibt über Fahrradreisen?

Martin Moschek ist ganz arg vom Radreise-Virus infiziert. Über 60.000 Kilometer hat er in 49 Ländern zurückgelegt. Auf seinem Blog Biketour Global berichtet er von seinen weltweiten Radabenteuern. Wie wäre es als Anregung mal mit einer Tour durch Patagonien? Hier schreibt er über seine Erlebnisse auf der berühmt-berüchtigten Carretera Austral:
http://www.biketour-global.de/category/patagonien-2017/

Foto: Unsplash.com

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