Reiseziel Deutschland, Berlin, Brandenburger Tor

Darf man unter 40 Jahren oder ohne Kinder überhaupt Urlaub zwischen Ostsee und bayerischen Alpen machen? Ist das Bekenntnis zum Reiseziel Deutschland nicht gleich bedeutend mit der Kapitulation? Bekommt der innerdeutsche Reisende statt des coolen Flughafen-Anhängers mit der Aufschrift JFK oder BKK einen großen Aufkleber auf den Koffer, auf dem steht: „Ich bin langweilig! Bleibt mir bloß weg mit euren Abenteuern!“?

Reiseziel Deutschland, deutscher Wald

Deutschland – ein langweiliges Reiseziel mit viel Wald und Spießigkeit?

Okay, Deutschland ist ein wunderschönes Land mit prima Menschen (um dauerhaft dieser Meinung zu bleiben, sollte man sich allerdings nicht allzu oft auf Facebook herumtreiben) und einer großartigen Infrastruktur. Aber reicht es nicht aus dort herumzugurken, wenn man in Rente ist? Sollten die jungen Jahre voller unbändiger Tatkraft, Energie, Abenteuer- und Entdeckerlust nicht den fernen, exotischen, außergewöhnlichen Regionen dieser Erde gewidmet werden? Den Wüsten und Regenwäldern, karibischen Tauchgängen und Eiskletter-Wänden in Alaska, brüllend-lauten Megacitys und bezaubernden Bergdörfern Patagoniens?

Currywurst oder Gung Phat Prik Thai Dam?

Es muss doch einen Grund geben, dass Freunde und Kollegen stundenlang über thailändische Strände sprechen können und sich dort besser auskennen als am Badeweiher um die Ecke. Wie soll auch die Leberkäse-Semmel am Ettwieser Weiher mit dem Pad Thai auf Ko Samui mithalten können? Wie die Currywurst rot-weiß im Delmenhorster Freibad gegen das Gung Phat Prik Thai Dam auf Phuket. Südostasien, das ist so leicht, sexy, sonnig, günstig. Geballte Lebensfreude.

Und Deutschland? Das ist halt so … deutsch. Ganz ehrlich: Hip ist was anderes, oder?

Urlaub im Land der Gartenzwerge und cholerischen Hausmeister, im Land der Kehrwochen und Wertstoffhöfe, im Land von Schützenvereinen und katholischer Landjugend. Hier, wo alles ein bisschen sauberer, effizienter, schneller, leistungsbereiter, pünktlicher, reservierter, geregelter und humorloser ist.

Das soll ebenfalls sexy sein? Ach kommt, ihr lieben PR-Agenten der Branche, das glaubt ihr doch selbst nicht! Das Reiseziel Deutschland ist mega in. Ja klar! Aber nur, weil das Land vergreist. Die Steigerung der Buchungszahlen sind doch einzig und allein Ausfluss der Bevölkerungspyramide. Die Menschen leben länger, sind länger gesund und haben noch ausreichend Geld, wollen aber im Alter nicht mehr so weit weg. Also verreisen sie nach der Pensionierung öfter in Deutschland – und schwupp, haben wir den Boom.

Und doch nicht, weil jüngere Menschen ernsthaft auf die Idee kämen, ihren sauer verdienten Urlaub in Deutschland zu verbringen. Oder?

Reiseziel Deutschland ist so was von hip aber auch!

Nun, es wird wohl höchste Zeit für eine Klarstellung. Das Reiseziel Deutschland ist hip. Sowas von hip aber auch. Über 400 Millionen Übernachtungen pro Jahr, davon über 350 Millionen von Deutschen im eigenen Land. Tendenz klar steigend. Mehr als 33 Millionen touristische Besuche pro Jahr zwischen Nordsee und Alpen. Damit liegt Deutschland unter den Top Ten der weltweit beliebtesten Reiseziele. Über ein Drittel aller Reisen deutscher Bundesbürger haben das eigene Land als Ziel.

Reiseziel Deutschland, Dresden Altstadt

Warum in die Ferne schweifen? Ein großartiger Blick auf Dresdens Altstadt bei Nacht.

Das können nicht alles Rentner sein, die der Fernreisen müde sind. Es ist ein breiter Querschnitt durch die Bevölkerung.

Kein 35-jähriger Bankangestellter muss mehr Angst haben ausgelacht zu werden, weil er mit seiner Lebensgefährtin den Sommerurlaub auf Rügen verbracht hat. Ist es nicht typisch deutsch, dass wir uns überhaupt darüber Gedanken machen, ob eine Reise im eigenen Land uncool ist?

Die Franzosen würden uns auslachen. Spanier und Italiener auch. Viele von ihnen kämen noch nicht einmal auf die Idee, woanders als im Heimatland Urlaub zu machen. Geschweige denn eine solche Reise irgendwie in Frage zu stellen. Gut, sie werden auch von der Sonne deutlich häufiger besucht und müssen auch ohne Neoprenanzug keine Angst haben, beim Baden im Meer zu erfrieren. Menschen, für die Urlaub nur aus exzessivem Strandliegen und Gegrilltwerden besteht, sind in der Tat mit dem Reiseziel Deutschland nicht optimal bedient.

Reiseziel Deutschland, Mosel, Trittenhemi, Weinberge

Deutschland ist wunderschön. Ein weiterer Beweis: Dieser Blick auf die Moselschleife bei Trittenheim.

Alle anderen schon. Die bemerkenswerte Mischung aus Bergen und Meer, Kultur und Natur, pulsierenden Großstädten und ländlicher Idylle muss sich vor keinem anderen Reiseziel der Welt verstecken. Vielleicht erscheint uns das eigene Land zu vertraut, als dass wir noch etwas Besonderes oder Reizvolles entdecken könnten. So kann man sich täuschen.

Das Land der unendlichen Reisemöglichkeiten

Wie wäre es denn mal mit einer Iglu-Übernachtung am Nebelhorn? Mit einem Surfkurs in Sankt Peter-Ording? Mit einer Klettertour in der Sächsischen Schweiz? Einem Radausflug an der ehemaligen innerdeutschen Grenze entlang? Einer Mehrtageswanderung durch Thüringen? Einer Wein-Erlebnisreise durch die Südpfalz, auch genannt die deutsche Toskana? Einer Bootsfahrt auf dem Königssee? Einer Bier- und Kulturtour durch das malerische Bamberg? Einer Wattwanderung auf Juist? Dem Genuss von sonnenverwöhnten Tomaten auf der Insel Mainau? Einer Hochzeit in Sellin auf der Seebrücke?

Reiseziel Deutschland, Sächsische Schweiz Bastei

Die Sächsische Schweiz, ein Mekka für Kletterer. Hier der Blick auf die berühmte Bastei.

Deutsche Großstädte sind angesichts der Besucherzahlen sowieso über jeden Zweifel erhaben, ob sie hip sind oder nicht. Baden in der Isar in München und danach den Eisbach-Surfern zusehen. Das wildeste Nachtleben Europas in Berlin zelebrieren und am nächsten Tag sich auf dem Tempelhofer Feld ausruhen und ein paar Würstchen grillen. Einen Sonnenuntergang am Elbstrand in Hamburg genießen und danach auf den Kiez zum Feiern, bis die Sonne wieder aufgeht. Das alles ist im Reiseziel Deutschland inklusive. Faszinierend, oder?

Speicherstadt, Hamburg

Deutsche Großstädte sind hip und ziehen immer mehr Besucher an. Hier die Speicherstadt in Hamburg.

Abgesehen vom hohen Erlebniswert sprechen noch andere gewichtige Gründe für einen Urlaub in Deutschland:

  • Klar mag es ein Riesenabenteuer sein, mit einem 50 Jahre alten Bus 17 Stunden durch Schlaglöcher über Nepals Bergstraßen zu hoppeln – immer am Abgrund entlang. Aber ist es nicht wunderbar angenehm, im gut gepolsterten ICE-Sitz einen Film anzuschauen und sich mit 200 km/h in 10 Stunden von Süddeutschland an die Nordsee kutschieren zu lassen – ohne dabei 1000 Tode zu sterben?
  • Klar mag es ein sozio-kulturelles Highlight sein, mit seinem gesamten Wortschatz von 4 Brocken Italienisch einen Neapolitaner nach dem Weg zum Vesuv zu fragen und danach 30 Minuten einem nicht enden wollenden Wortschwall zu folgen, bei dem man rein gar nichts versteht. Aber ist es nicht wunderbar angenehm, jemanden in der eigenen Sprache um Hilfe zu bitten und binnen kürzester Zeit eine qualifizierte Antwort zu erhalten, die einen tatsächlich weiterbringt?
  • Klar mag es ein schier unerschöpfliches Gesprächsthema sein, nach der Rückkehr aus Mexiko bis ins kleinste Detail zu erzählen, was Montezumas Rache mit dem eigenen Magen-Darmsystem angestellt hat – und wie beschissen es einem tagelang dabei ging. Aber ist es nicht wunderbar angenehm, in jedem Lokal die Speisekarte lesen und verstehen zu können. Und das Vertrauen darauf zu haben, dass nicht jeder zweite Eiswürfel Salmonellen verseucht ist?
  • Klar mag es einen auf dem Weg zum bekennenden Buddhisten im Bereich Gelassenheit weiterbringen, wenn man in Thailand mal 3 Tage auf einen Bus wartet, weil gerade wieder politische Unruhen im Gange sind und keiner weiß, wie es weitergeht. Aber ist es nicht wunderbar angenehm, wenn die Abfahrt des Fernbusses von Berlin nach Rügen laut Fahrplan um 10.27 ist und der Bus pünktlich um 10.27 Uhr abfährt?

Vielleicht ist unser Alltag in Deutschland nicht abenteuerlich. Aber die ausländischen Touristen lieben gerade diese Verlässlichkeit, die Pünktlichkeit, die Ordnung und Sauberkeit. Wäre es nicht an der Zeit, uns mal selbst auf die Schultern zu klopfen und uns für unsere Errungenschaften zu loben?

Reiseziel Deutschland, Neuschwanstein, Allgäu, König Ludwig

Alles Neuschwanstein – oder was? Nicht nur, aber der Besuch des Märchenschlosses gehört einfach dazu.

Okay, falscher Ansatz. Das geht nicht. Schließlich ist der Deutsche des Deutschen liebster Kritiker. Wir geißeln uns gerne dafür, was im eigenen Land alles schief läuft, obwohl wir verglichen mit dem Rest der Welt im Paradies leben. Und wehe im Ausland kreuzt ein anderer Deutscher unseren Weg. Dann ist der Urlaub endgültig versaut.

Die hässlichen Deutschen mit ihren käsweißen Beinen

Die können einem aber auch auf den Sack gehen, diese hässlichen Deutschen. Mit ihren käsweißen Beinen in den ollen Trekking-Sandalen (natürlich mit gepflegter Sportsocke), ihrem Tarnfarben-Look (braune Shorts, braunes Shirt, braune Weste, braune Kappe) und ihrem stundenlangen Gestarre in Landkarten und Reiseführer.

Oder noch schlimmer diese Hammelherden von Neckermännern, die sich mal einen Tag von ihrem All-inclusive-Pool wegbewegen und samt ihren Reiseleitern die traumhaftesten Gässchen der schnuckligsten Orte verstopfen. Nicht zu vergessen die Kreuzfahrt-Touristen, die Malle-Assis und, und, und …

Vielleicht wäre es mal an der Zeit, seinen Frieden damit zu machen, dass man als Reisender immer anderen deutschen Reisenden begegnen wird. Ein Urlaub mit dem Reiseziel Deutschland bietet die beste Übungsplattform dazu. Training auf gewohntem Geläuf sozusagen. Komischerweise hört man nach dem Partymachen auf Sylt oder nach der Übernachtung in der Berghütte der Allgäuer Alpen keine Sprüche, wie „Das war echt nervig, wie viele Deutsche da waren.“

Festung Marienberg in Würzburg

Bezaubernde Städte, große Kultur:  Die Festung Marienberg in Würzburg oberhalb der alten Mainbrücke.

Stellt sich also die Frage, ob die Landsleute, die einem in vielen Bereichen ziemlich ähnlich sind, im Ausland plötzlich zu doofen, hässlichen Deutschen mutieren oder uns nur die eigene Einstellung („Das Erlebnis hier soll nur mir allein gehören.“) ein Bein stellt.

Deutschland ist manchmal sogar ein bisschen sexy

Das Zusammentreffen mit Landsleuten dadurch zu verhindern, keinen Urlaub im eigenen Land zu machen, erweist sich kaum als tragfähige Lösung, sondern ist sehr kurzsichtig gedacht. Wer es nicht glaubt, soll einmal mitzählen, wie viele Deutsche einem bei einer Kanutour in Mecklenburg-Vorpommern oder auf einer Rundreise durch Neuseeland begegnen. Selbst in den entlegensten Ecken der Welt lassen sich die Aufeinandertreffen nicht vermeiden. Der einfache Grund: Weil wir doch alle dasselbe wollen, weil wir vielleicht gar nicht so individuell sind. Kurz gesagt: Wir stehen nicht im Stau, wir sind der Stau.

Lüdge im Teutoburger Wald

Wem auf Auslandsreisen zu viele Deutsche begegnen, der soll sich doch einfach eine ruhige Ecke im eigenen Land suchen. Hier die Stadt Lüdge im Teutoburger Wald.

Um zur Eingangsfrage „Ist das Bekenntnis zum Reiseziel Deutschland nicht gleich bedeutend mit der Kapitulation?“ zurückzukehren. Nein! Aus allen genannten Gründen. Deutschland ist hip, modern, angesagt, manchmal sogar ein bisschen sexy. Und dann auch noch diese leckeren Leberkäse-Semmeln …

Bildnachweis:
Titelbild: © Depositphotos.com/Christian Draghici
Deutscher Wald: Unsplash.com
Altstadt Dresden: © Depositphotos.com/Liane Matrisch
Moselschleife: © Depositphotos.com/Joerg Hackemann
Sächsische Schweiz: Unsplash.com
Speicherstadt Hamburg: Unsplash.com
Schloss Neuschwanstein: Unsplash.com
Festung Marienberg Würzburg: © Depositphotos.com/Hirotaka Ihara
Lüdge/Teutoburger Wald: Unsplash.com

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