Kolumne: Ein klein wenig Masochismus für den erhabensten Moment des Tages

Sonnenaufgang

In der Kolumne „Meine ReiseZutaten“ philosophieren wir über Gott und die Reisewelt. Also genauer gesagt hauptsächlich über die Reisewelt und alles, was dazu gehört. Welche guten Zutaten braucht eine Reise? Was versalzt uns gerne mal die Reise-Suppe? Was lässt uns vor Hochgenuss jubilieren? Und wann denken wir: „Wer bitteschön hat denn DAS bestellt?“ Immer gewürzt mit einer Prise schwarzen Humors und politischer Unkorrektheit. In Folge 6 dreht sich heute heute alles um Sonnenaufgänge.

Meine ReiseZutaten (6): Sonnenaufgang

Oh Mann. 4.30 Uhr und der Smartphone-Wecker trötet, vibriert, nervt. Im Urlaub? Ich glaub es hackt!

Wäre bitteschön jemand so freundlich, mir den Grund dieses nächtlichen Übergriffs auf meinen geliebten Schlaf zu nennen? Ach so, der Grund bin ich selbst. Genauer gesagt meine Sucht nach Sonnenaufgängen.

Mindestens einmal pro Reise muss das Spektakel sein. Vorausgesetzt, dass mindestens einmal pro Reise überhaupt ein Sonnenaufgang zu sehen ist. Womit Urlaube in Portugal für dieses Vorhaben schon einmal deutlich geeigneter sind als solche in Wales.

4.35 Uhr. Schluss jetzt mit dem Gemaule. Ja, es ist früh. Nein, um diese Zeit stehe ich sonst nicht auf.

Doch ist ein wenig Masochismus nicht eine hervorragende Voraussetzung für ganz besondere Vergnügen?

Also nichts wie raus aus den Federn, Katzenwäsche, alle nötigen Utensilien sind in weiser Voraussicht und eingedenk üblicher morgendlicher Verwirrtheit schon gepackt.

Dann schweift der Blick aus dem Fenster über die Dächer von Antibes, ein erstes leichtes Glimmen ist schon am Horizont zu erkennen. Große Vorfreude mischt sich mit der Erkenntnis: Alles richtig gemacht!

Beschwingt geht’s ins Auto. Alles schläft, einsam wacht, na besser fährt der deutsche Touri zu seinem romantisch verklärten Tagesstart.

Aufwachen, ihr Schlafmützen! Wieso lassen sich fast alle Menschen den großartigsten Moment des Tages durch ihre ausgedehnte Schnarcherei entgehen?

Dann der schmerzhafte Moment der Klarheit: An mindestens 360 Tagen im Jahr mache ich es nicht anders. Okay, ziehen wir mal die 200 Tage ab, an denen im Allgäu morgens die Sonne nicht scheint. Bleiben immer noch 160 verpasste Gelegenheiten.

Ist das vielleicht Schutz vor der Routine? Würde die Erhabenheit des Augenblicks unter der täglichen Übung leiden? Würde ich nach dem zwanzigsten Sonnenaufgang in Folge sagen: „Boah, langweilig! Sonne geht auf, Sonne geht unter – is mir doch egal.“?

Ein Versuch wäre es wert. Vielleicht sollte ich einfach mal einen Fischer fragen, der jeden Morgen hinausfährt. Auf romantisch verklärte Antworten brauche ich dabei wahrscheinlich nicht zu hoffen.

Dabei ist es doch immer wieder sensationell, wenn der Tag die Nacht liebevoll zur Seite schiebt. Das bedrohende Dunkle muss weichen, zurück kehrt das pure Leben.

Wenn die Sonne sich am Horizont gefühlt Millimeter für Millimeter aus dem Meer schiebt, die Farben am Himmel und auf dem Wasser immer bunter werden, begleitet von einer fast andachtsvollen Stille, dann inhaliere ich die Kraft dieses Ortes und möchte die Zeit anhalten.

Der ganze Tag liegt noch vor mir und ich habe das Größte schon erlebt. Angelächelt von den ersten wärmenden Strahlen – und etwas misstrauisch beäugt vom Strand-Säuberungspersonal – packe ich meine Yogamatte aus und recke die Arme zum Sonnengruß.

Hallo Tag! Hallo Leben! Wie kann es jetzt noch besser werden?

Ja natürlich, durch das Bötchen, dass sachte durch den Sonnenaufgang gleitet und damit das perfekte Fotomotiv liefert. Dürfen die Schnarchzapfen-Freunde auf Facebook schon erfahren, was ich Traumhaftes erlebt habe, während sie noch auf ihre Schlummertaste eingehämmert haben.

Für echte Sonnenaufgangs-Freaks stellt sich dabei stets die Frage: In den Bergen oder am Meer? Meine Antwort darauf dürfte spätestens seit dieser Kolumne klar sein.

Für das Meer sprechen zwei gewichtige Faktoren: Die Wahrscheinlichkeit, überhaupt Sonne zu sehen und den deutlichen verringerten Anstrengungsfaktor.

Hut ab vor jedem, der noch zwei Stunden früher aufsteht, um extra einen Hügel hochzukraxeln, aber irgendwann ist auch mal Schluss mit lustig.

Es soll ja Menschen geben, die Stille und andächtige Momente so gar nicht leiden können. Selbst für die gibt es den perfekten Sonnenaufgang: Einfach mal auf der Insel Java das Spektakel am Vulkan Mount Bromo mitmachen und Ellenbogen an Ellenbogen und Kamera an Kamera den hochromantischen Augenblick genießen.

7 Uhr, zurück nach Antibes: Die Jogger zeigen ihre Traumkörper an der Promenade, ältere Spaziergänger setzen sich auf die Bank für die erste Portion Vitamin D des Tages, zwei Morgenschwimmer kraulen hinaus.

Die beste Zeit, um zurück ins Chateau zum Frühstück zu fahren. Und sich danach nochmal hinzulegen. War ja doch ganz schön früh …

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