Meer Kolumne

In der Kolumne „Meine ReiseZutaten“ philosophieren wir über Gott und die Reisewelt. Welche guten Zutaten braucht eine Reise? Was versalzt uns gerne mal die Reise-Suppe? Und wann denken wir: „Wer bitteschön hat denn DAS bestellt?“ In Folge 5 dreht sich alles ums Meer.

Meine ReiseZutaten (5): Meer

Geht Urlaub ohne Meer? Jetzt recken sie alle die Finger in die Höhe, die Mountainbiker, Kletterer, Gleitschirmflieger, Wanderer, Kulturfreaks, Städtereisenden und schreien laut „Ja natürlich!“

Ich sage: Geht gar nicht. Sowas von überhaupt nicht. Eine Urlaubsreise ohne Meer ist wie Butterbrot ohne Butter, Tomatensalat ohne Tomaten und Kristallweizen ohne Kristall. Oder Weizen. Ach, ganz egal. Es fehlt die Essenz, der Kern des Ganzen.

Wer jeden Urlaub in die Berge fährt, der ist doch nur zu faul, um am Strand rumzuliegen.

Zu umtriebig, um stundenlang aufs Wasser zu schauen. Zu gesund, um schon mittags an der Strandbar Cocktails zu trinken. Zu wenig romantisch für Sonnenuntergangsglitzern. Zu wellenscheu zum Surfen.

Oder reden wir gar von Menschen mit Salz- und Windallergie? Okay, Google sagt, dass es beides gar nicht gibt. Womit sich die letzten fadenscheinigen Ausreden, nicht ans Meer zu reisen, in Luft aufgelöst hätten.

Apropos Luft: Eine Seebrise kann so fast alles heilen oder bessern. Die Lunge, das Gemüt, das Übergewicht.

Vorausgesetzt, man nutzt das Vorhandensein von zwei Füßen und dem Meer für mehrstündige Strandspaziergänge. Schuhe aus (die zarten Füßchen fallen auch in den kälteren Jahreszeiten nicht sofort ab, ich kann es bezeugen), losstapfen, schauen, staunen, atmen. Sonst nichts.

Wer bitte braucht in so einem Moment ein Museum, eine Kirche, deren Namen man in zwei Tagen schon nicht mehr weiß, einen verregneten Bergwald oder eine von Kuhfladen übersäte Weide, auf denen ängstliche Wanderer den überraschenderweise nicht lila gefärbten Tieren auszuweichen versuchen?

Richtig: niemand.

Am Meer spielt das Leben. Stürmisch, unberechenbar, gewaltig oder auch mal sanft, säuselnd, einschmeichelnd. Erst wenn wir am Meer stehen und Richtung Horizont schauen, können wir unsere eigene Bedeutung einordnen. Die ist schlicht und ergreifend winzig im Verhältnis zu den Dimensionen und der Kraft der Natur.

Diese Demut erdet, ordnet unser Leben ein. Wenn wir nur ein Mini-Menschlein im Verhältnis zu dem riesengroßen Meer sind, wieso sollten wir uns dann den ganzen Tag so viele unnütze Sorgen um unser ach so bedeutungsvolles Dasein machen?

Am Strand (wahlweise in einer Düne, auf einem Hügel, am Schiffsanleger, im Leuchtturm oder wo auch immer) zu sitzen und einfach nur aufs Meer zu schauen, zählt für mich zu den beruhigendsten und wunderbarsten Momenten. Dieses Gefühl ist so tief in mir eingegraben, dass ich nach zu langer Meeres-Abwesenheit richtige Entzugserscheinungen bekomme.

Diese äußern sich in spontanem VW-Bus-packen und Wetterprognosen für potenzielle Ziele durchforsten. Verbunden mit freudig beschleunigtem Puls.

Fühlt sich an, wie bei einer Fernbeziehung am Freitag nach der Arbeit zur geliebten Partnerin aufzubrechen.

Wenn dann das erste kleine Meeres-Fitzelchen in der Ferne zu sehen ist, fange ich vor Begeisterung an, auf meinem Bussitz herumzuhüpfen. Nach Ankunft ist es völlig egal, ob es regnet oder stürmt, ob ich Hunger habe oder aufs Klo muss. Erst einmal Schuhe aus, ab ans Wasser, Hallo zur Geliebten sagen, die Meeresbrise einsaugen und genießen.

Urlaub = Meer. Meer = Urlaub. Mehr sag ich nicht.

Wieso ich noch immer im Allgäu wohne? Gute Frage! Vielleicht weil das schwäbische Meer gleich um die Ecke ist …

Bildnachweis: Unsplash.com

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