Kraftorte, oder: Die Energie des magischen Moments spüren

Kraftorte, Energie, magische Orte

Kapelle der Stille in Helsinki. Mitten im hektischen Zentrum der finnischen Hauptstadt, nur wenige Meter vom riesigen Kamppi-Einkaufszentrum entfernt, ein innovativer Holzbau. Mit der runden Form und dem verwendeten Material ein krasser Kontrast zu den umliegenden Stein-, Metall- und Glasbauten.

Ich laufe darauf zu, fühle mich magisch angezogen und im Inneren von der ersten Sekunde an gefangen genommen. Ich setze mich auf ein Sitzkissen an der Seitenwand, lasse das ganz besondere Licht auf mich wirken und beobachte die Menschen. 90 Prozent von ihnen halten es keine fünf Minuten dort aus. Ein Ort, in dem Stille Pflicht ist, stellt in unserer hektischen Zeit für viele scheinbar eine nicht zu bewältigende Herausforderung dar.

Kraftorte, Kapelle der Stille
Die Kapelle der Stille nahe dem Kamppi-Einkaufszentrum in Helsinki ist der perfekte Ort zum Innehalten.

Für mich dagegen ist die erzwungene Ruhe ein riesengroßes Geschenk, das ich dankbar annehme. Nach wenigen Minuten versinke ich für mindestens 30 Minuten (vielleicht war es auch eine Stunde) in die tiefste Meditation meines Lebens.

Es gibt nur noch mich, meinen Atem und die allumfassende, wärmende Energie des Raumes. Eine Leichtigkeit macht sich in mir breit, sodass ich völlig abschalten und alle Gedanken ausblenden kann.

Die Geräusche der ständig wechselnden Menschen nehme ich nicht mehr wahr. Ich merke: Das ist für mich der top Kraftort schlechthin. Für die anderen vielleicht einfach nur eine schöne Kapelle, die man auf der Sightseeing-Liste abhakt.

Wie definiert man Kraftorte?

Also stellt sich die Frage: Wie definiert man etwas, was sich nicht definieren lässt? Zugegeben: Es gibt diverse Beschreibungen, was ein Kraftort ist, wo Kraftorte zu finden sind und was Kraftorte so besonders macht. Aber wird das der Sache gerecht? Kann und darf man wirklich etwas klassifizieren, was man nicht sieht, hört, riecht und was man nicht anfassen kann, sondern das man nur spürt?

Anders formuliert: Ein Kraftort ist für mich ein Kraftort, wenn man die Energie, die von ihm ausgeht, in dem Moment der Anwesenheit fühlt. Tut man das nicht, ist es kein Kraftort.

Kraftorte, Mann am See, Meditation
Vom Wasser geht eine ganz eigene Kraft und Energie aus.

Ich kann den Einspruch der Menschen hören, die entgegen halten, dass zum Beispiel die Steinkreise von Stonehenge, die Pyramiden von Gizeh, der Ayers Rock in Australien, die Nazca-Linien in Peru und große Kathedralen aufgrund der so genannten „Heiligen Geometrie“ allgemein gültige Kraftorte sind.

Einspruch abgelehnt! Wenn dem so wäre, müssten alle Menschen, die solche Orte besuchen, dieselben Empfindungen haben. Wie soll das gehen? Von jedem Ort geht eine eigene Energie aus, genauso wie von jedem Menschen. Folglich hängt es vom individuellen Empfinden ab, ob man einen Kraftplatz als solchen empfindet oder nicht.

Stonehenge: Nur viele große Steine oder ein Kraftplatz?

Als Achtklässler waren wir mit unserem Englischlehrer in Stonehenge. Was ich dort gesehen habe: Ganz nüchtern betrachtet ziemlich viele große Steine, die in einer Kreisstruktur angeordnet sind. Durchaus beeindruckend, auch die Geschichten, die wir dazu gehört haben.

Wir sind herumgelaufen, haben ein bisschen gestaunt. Und sonst nichts. Zumindest bei mir nichts. Von der besonderen Energie dieses Ortes habe ich an diesem Tag definitiv nichts gespürt.

Kraftorte Stonehenge
Stonehenge: Eine Ansammlung von großen Steinen oder ein Kraftort?

Heißt das jetzt, Stonehenge ist kein Kraftort? Nein! Er ist ganz bestimmt einer. Aber eben nicht für jeden. Einen Kraftort als solchen zu erleben, erfordert zu allererst eine gewisse Einstellung. Eine Bereitschaft, dass mich die Energie dieses Ortes auch erreichen kann. Die besteht darin, all die Wissenschaft und das Rationelle einmal beiseite zu lassen. Denn die können nur das erklären, was messbar und in irgendein Schema zu pressen ist.

Magische Energie oder verrückte Esoteriker?

Alles andere wird gerne wahlweise als esoterisch, sektiererisch, verrückt oder im besten Fall noch als spirituell abgetan. Wer schon einmal die Magie eines Kraftortes erlebt hat, wird müde darüber lächeln, wie man ihn für seine „Spinnerei“ bezeichnet. Als Achtklässler war ich noch nicht bereit für so etwas.

Betrachtet man die Literatur zu Kraftorten, lassen sich drei große Kategorien benennen: Religiöse Stätten, markante Orte in der Natur und alte Kultstätten. Religiöse Stätten beinhalten dabei sämtliche Sakralbauten wie historische Kirchen und Klöster, ganz egal von welcher Religion oder Glaubensrichtung.

Kraftorte Wald Berge
Auch Wälder und Berge beherbergen viele Kraftplätze.

In der Natur sind es vor allem besondere Orte wie Berggipfel, Flussufer, Schluchten, Höhlen, Felsen, alte Bäume und Lichtungen. Alte Kultstätten zeigen sich in den monumentalen Anlagen der vorchristlichen Zeit, wie zum Beispiel Erdställe, Steinkreise, Menhire und Steinreihen. Die Theorie besagt, dass die Menschen früher das Gespür für die besondere Energie gewisser Orte gehabt und deshalb dort die Bauten errichtet hätten.

Mit Kraftorten lässt sich Geld verdienen

Was für die damaligen Erdbewohner eine Frage der Energie war, ist heute oftmals ein guter Anlass zum Geld verdienen. Mit dem Titel „Kraftort“ lassen sich Touristen anziehen, die man an die entsprechenden Stellen führen und ihnen den geschichtlichen Hintergrund erklären kann.

Fraglich ist nur, ob man in so einer Gruppe tatsächlich das spüren kann, was den besonderen Ort ausmacht. Alle sind interessiert und in der üblichen Betriebsamkeit gefangen. Der Tourleiter sagt: „Das ist der  berühmte Kraftort.“ Und alle denken sich: „Aha.“

Müssen wir nicht aus dem Erklären-und-Verstehen-Modus heraus, um im Inneren zu begreifen, was an Kraftorten geschieht? Dass wir dort eine Größe spüren können, die weit über die eigene Vorstellung hinausgeht.

Dass wir beim Innehalten merken, wie wohltuend so ein Ausstieg aus dem Normalbetrieb sein kann, der in der Regel aus rennen, machen, kaufen, streiten, jammern, Probleme wälzen und Angst haben besteht. Wenn wir die Energie des magischen Moments an einem Kraftort spüren, können wir einfach nur da sein und akzeptieren, dass wir als kleiner Mensch in der großen Welt gut aufgehoben sind. Das kann uns Mut machen oder auch nachdenklich stimmen. Auf alle Fälle können solche Orte aufschlussreicher für uns sein, als es 100 kluge Bücher zuvor waren.

Kraftorte Meditation
Was tut man am besten an einem Kraftplatz? Genau, meditieren.

Positiver Nebeneffekt: Einen Kraftort zu erleben, ist in der Regel ein kostenloses Vergnügen. Wer sich darauf einlässt, wird schnell merken, dass es noch viel mehr Kraftorte gibt als die berühmten oder in irgendwelchen Karten eingezeichneten. Niemand muss dafür durch die halbe Welt fliegen.

Kloster in Niederbayern oder nepalesischer Tempel?

Die Kraft des großartigen Moments kann von einem Kloster in Niederbayern genauso ausgehen wie von einem nepalesischen Tempel. Und dann gibt es ja noch die Sandbank am Fluss, die Riesenbuche im Wald, die Düne am Meer, den Lagerfeuerplatz mit Freunden, die Bank vor der Scheune oder für manchen vielleicht auch die Sonnenliege auf dem eigenen Balkon.

Für mich ist ein Kraftplatz jeder Ort, der mich dazu einlädt, zur Ruhe zu kommen und zu meditieren. Das muss mir in dem Moment niemand erklären, das spüre ich einfach. Vielleicht sollte ich Stonehenge noch einmal eine Chance geben …

Bildnachweis:
Titelbild: Unsplash.com
Kappelle der Stille: © Depositphotos.com/Jan Willem Van Hofwegen
Stonehenge: © Depositphotos.com/Leonid Andronov
Restliche Fotos: Unsplash.com

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