Menschen, Kolumne Meine ReiseZutaten

In der Kolumne „Meine ReiseZutaten“ philosophieren wir über Gott und die Reisewelt. Also genauer gesagt hauptsächlich über die Reisewelt und alles, was dazu gehört. Welche guten Zutaten braucht eine Reise? Was versalzt uns gerne mal die Reise-Suppe? Was lässt uns vor Hochgenuss jubilieren? Und wann denken wir: „Wer bitteschön hat denn DAS bestellt?“ Immer gewürzt mit einer Prise schwarzen Humors und politischer Unkorrektheit. In Folge 7 dreht sich heute heute alles um Menschen.

Meine ReiseZutaten (7): Menschen

Unsere Mitmenschen. Einfach wundervolle Geschöpfe. Gerade auf Reisen.

Sie kitzeln das Beste aus uns heraus.

Zum Beispiel Mut, wenn ich dem muskelbepackten 2-Meter-Schrank im ICE ganz lieb frage, ob er wirklich weiterhin alle 87 Klingeltöne seines neuen Smartphones in Abteil-Lautstärke ausprobieren will.

Zum Beispiel Lebensfreude, wenn ich mich im Fernbus entschließe, mit den feiernden Jungs auf der Rückbank ein Bier mitzutrinken, anstatt mich über ihr Gegröle aufzuregen.

Zum Beispiel Gelassenheit, wenn ich mir im Flieger sage, dass das Babygeschrei von drei Reihen weiter hinten nur Vorfreude auf den grandiosen Urlaub ist.

Zum Beispiel Geduld, wenn ich auf einem italienischen Postamt warte. Und warte. Und warte.

Zum Beispiel Flexibilität, wenn die bezaubernde junge Schuhverkäuferin in der Bretagne beschließt, dass sie in der Schule niemals Englisch hatte und ich mich sicher erinnern kann, dass ich niemals Französisch gelernt habe.

Wie sagte Laotse so schön:

„Jeder Mensch, der Dir begegnet ist entweder dein Freund oder dein Lehrer.“

Das Großartige auf Reisen: Die Zahl der Freunde und Lehrer steigt im Verhältnis zum „normalen“ Leben zu Hause exponentiell an.

Jeden Tag gibt es unterwegs unfassbar viele Möglichkeiten, neue Sicht- und Lebensweisen kennenzulernen. Manchem Bayern reicht schon eine Fahrt nach Köln, um sich in exotischen Gefilden mit schwer nachvollziehbaren Verhaltensweisen zu wähnen („Wieso trinken die Bier aus einem Fingerhut?“).

Reisen bildet, heißt es so schön. Stimmt, vor allem im Umgang mit anderen Menschen.

Was für ein Geschenk, anderen Reisenden oder Einheimischen zu begegnen, die völlig anders sind als wir. Ich behaupte, dass es fast unmöglich ist, als Vielreisender intolerant, unflexibel und mit Vorurteilen behaftet zu sein.

Wer seine Reisen nicht als Alm-Öhi auf einer einsamen Schweizer Berghütte verbringt, bekommt diese Geschenke jeden Tag.

Mal ehrlich: An was erinnern wir uns am Ende einer Reise häufiger?

  • An den bezaubernden Sonnenuntergang oder den Fischer, der uns morgens mit aufs Meer genommen hat?
  • An die gewaltige Kirche oder den Straßenmusiker davor, der uns Geschichten aus seinem bewegten Leben erzählt hat?
  • An die herrliche Landschaft in der Provence oder den Rennradfahrer, den wir unterwegs getroffen haben und der mit uns auf den Mont Ventoux hochgestrampelt ist?
  • An den schönen Strand oder den Kanulehrer, mit dem wir stundenlang über das Leben philosophiert haben?
  • An das leckere italienische Essen oder La Mamma, die bei jedem Gang mit stolzgeschwellter Brust aus der Küche kam und minutenlang berichtet hat, wie und was sie da gebrutzelt hat?

Bei mir zumindest sind es Menschen, Menschen, Menschen.

Meine Seele geht auf, wenn ich unterwegs auf Gleichgesinnte treffe und wir uns in kürzester Zeit so intensiv unterhalten, wie wenn wir uns ein Leben lang kennen würden.

Gleichzeitig genieße ich unterwegs jede Herausforderung durch Menschen, die anders oder ganz anders sind als ich. Sie sind die perfekte Übung dafür, mich nicht zu ernst zu nehmen und nicht zu glauben, dass mein Weltbild das allein glückselig machende ist.

Ja, ich lege mich fest: Menschen sind die wichtigste Reisezutat. Ohne Wenn und Aber.

Ästhetische Fehlgriffe von nur mit Unterhosen bekleideten Camping-Nachbarn inklusive.

Vielleicht gefällt uns nicht alles auf den ersten Blick. Doch eins ist hinterher klar: Wir haben wieder etwas gelernt.

Foto: Unsplash.com

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.