Flusskreuzfahrt Kerala – Wo Indien ganz leise ist

Indien ist ein Land, das von allem ein wenig zu viel hat. Zu viel Hektik, zu viel Lärm, zu viele Menschen. Doch Indien kann auch ganz ruhig und gemütlich. Wer auf einem Boot durch die Backwaters in Kerala fährt, der ist ganz weit weg von Chaos und Hektik. Eine Flusskreuzfahrt durch Südindien zeigt das Land von einer ganz anderen Seite.

Früher Reis, heute Touristen: Auf dem Boot durch die Backwaters

In Alumkadavu nahe Kollam geht es noch geschäftig zu. Wie in jedem indischen Dorf fließt ein stetiger Strom aus Karren, Motorrollern und hupenden Autos durch die Straßen. Händler feilschen am Markt, Kinder spielen in den Gassen, Hunde und Kühe liegen mitten auf der Straße.

Das Dorf ist einer der Ausgangspunkte für den Start in die Backwaters. Hier am Hafen wurden die ersten Hausboote aus Reislastfrachtern gebaut. Die Idee, Touristen mit diesen Booten durch die Wasserwelt Kerala zu schippern, war eine gute. Diese Art von Flußkreuzfahrt ist für viele das Highlight ihrer Reise durch Südindien.

Das ist also ein Hausboot? So sehen die eigentümlichen Gebilde namens Kettuvallam aus.

Am Hafen stehend kann man das Boot beim Einlaufen beobachten. Es ist ein eigentümliches Gebilde, ganz anders als die üblichen Hausboote, die man kennt. „Kettuvallam“ nennen sich die bauchigen Touristenboote aus Lastbarken, die aus Holz und Palmfaserstricken gebaut sind. Kein einziger Nagel kommt zum Einsatz.

Sobald das Boot am Hafen angelegt hat, begrüßen die Crew, Kapitän, Steuermann und Koch ihre Gäste. Das Gepäck wird verladen und die Kabine bezogen. In der Regel gibt es einen Wohnraum, ein bis zwei Schlafzimmer, ein Badezimmer und eine Küche. Die größeren Kettuvallam haben zudem ein Oberdeck.

Es ist kurz nach Mittag, als das Boot seinen Motor anwirft und den Hafen verlässt, drei Tage Backwater-Kreuzfahrt stehen auf dem Programm. Die Bootsfahrten gibt es zwar auch als Tagestouren. Doch um einen richtigen Einblick und ein Gefühl für die Wasserwelt zu bekommen, lohnen sich drei Tage oder gar eine ganze Woche.

Flusskreuzfahrt Kerala: Wirtschaftsader und Ausflugsziel

Vom Oberdeck aus lässt sich das Treiben des langsam verschwindenden Dorfes beobachten. Fischer entwirren ihre Netze, Boote werden gesäubert, be- oder entladen. Ein paar Meter vom Hafen entfernt waschen Frauen Kleidung. Kraftvoll schlagen sie die Stoffbahnen auf große Steine und reiben die Wäsche kräftig über die Waschbretter.

Das Treiben des Dorfes, wie hier die Frau mit Waschbrett, lässt sich vom Boot aus gut beobachten.

Für die nächsten Stunden steht Aussicht genießen auf dem Programm. Es ist faszinierend, wie still Indien abseits der bewohnten Gebiete sein kann. Erst dann kann man sich auf die Geräusche der Natur konzentrieren. Zirpen, Zwitschern, Plätschern würden sonst von Menschen und Maschinen übertönt werden.

Die Backwaters sind ein Netz an Wasserstraßen, das sich über hunderte Kilometer durch Kerala zieht, nur wenige hundert Meter vom Ufer des Indischen Ozeans entfernt. 44 Flüsse gehören zu diesem Wassersystem. Die Backwaters sind die Wirtschaftsadern der Region, die Bewohner nutzen diese Wasserstraßen vor allem für den Transport von Lebensmitteln. Der Tourismus nimmt aber eine immer größere Rolle ein.

Manchmal sind die Kanäle so schmal, dass man die Palmwedel berühren kann und manchmal werden Flüsse und Seen so weit, dass man das Ufer nicht mehr erkennen kann.

Auf den Starkstromleitungen lassen sich Kingfisher, die indischen Eisvögel, beim Jagen beobachten. Pfeilschnell schießen sie ins Wasser, um kurz darauf mit einem kleinen Fisch im Schnabel davonzufliegen.

Die Artenvielfalt der Backwaters ist einzigartig. Hier ist die Heimat von Wasservögeln wie Seeschwalben und Kormoranen, Ottern, Schildkröten, Fröschen, Krebsen und zahlreichen Fischarten, die den Lebensunterhalt der Bewohner sichern. Eine Großzahl an Mangroven ist in den Backwaters beheimatet und viele Zugvögel aus Europa haben hier ihren Überwinterungsplatz.

Romantik in seine reinsten Form: Sonnenuntergang mit Blick auf die traditionelle Fischerei.

Wenn die Sonne untergeht und den Himmel in warme Orangetöne taucht, ist die Fahrt auf dem Boot besonders romantisch. Das Klappern von Töpfen aus der Küche im Hintergrund untermalt den Sonnenuntergang und macht Vorfreude auf das Essen. An Deck wird im Schein von Gaslampen bereits der Tisch gedeckt. Der Duft von gerösteten Gewürzen liegt in der Luft. Bei Kerzenlicht gibt es ein Candle-Light-Dinner, wie man es nur selten erlebt.

Das Leben am Ufer

Über Nacht legt das Boot an einer Anlegestelle in der Nähe eines Dorfes an. Am frühen Morgen weckt der Hahn Dorfbewohner und Bootstouristen gleichermaßen. Von Bord aus kann man das Dorf beim Erwachen sehen. Als Beobachter aus der Ferne erhascht man Blicke auf das tägliche Waschritual im Fluss und die Morgenhygiene der Bewohner.

Gehen die Vorräte an Bord zu Neige, werden auf dem Markt noch Lebensmittel gekauft. Gackernde Hühner laufen umher, der fangfrische Süßwasserfisch liegt zum Kauf bereit, Fleisch wird in Stücke gehackt. Über allem liegt das aufgeregte Diskutieren der Händler, im Hintergrund schallt Musik aus einem Wohnhaus, Hunde bellen.

Der Rhythmus der Tour beschert irgendwann geradezu meditative Ruhe.

Wer sich auf den Rhythmus an Bord einlässt, der verfällt geradezu in eine meditative Ruhe. Vögel beobachten, das Dorfleben an den Ufern, essen und entspannen. Nach drei Tagen  ist Tiefenentspannung eingetreten – und das in einem Land, das einen an den Rande des Nervenzusammenbruchs bringen kann.

Würde der Koch nicht regelmäßig zu Tisch bitten, man würde das Zeitgefühl gänzlich verlieren. Ein Zustand wie in Watte gepackt. Und das ist in Indien Gold wert. Wer nach ein paar Tagen sein schwimmendes Zuhause verlässt, der ist so entspannt, dass er für den täglichen Wahnsinn auf den Straßen gewappnet ist. Zumindest für eine Weile.

Die große Weite, himmlische Ruhe – und sonst nichts.

Die wichtigsten Infos zur Flusskreuzfahrt Kerala

Touren gibt es als Tagestouren. Sie können aber auch über 3 Tage bis zu einer Woche dauern.

Es gibt größere Boote, die man sich mit anderen Passagieren teilt. Diese kosten ab ca. 70 Euro pro Nacht inkl. Verpflegung. Kleine Boote, die man im Ganzen mietet, sind etwas teuer.

Anreise: Von Kochi aus kann man mit Schiffen nach Süden über den lang gestreckten Vembanad-See fahren. Dort liegt die Stadt Allepey, die Hauptausgangspunkt für viele Schiffstouren ist. Weitere Startpunkte sind neben Kochi und Allepey auch Kottayam, Kumarakom und Kollam.

Bildnachweis:

Titelbild: © Depositphotos.com/Marina Pissarova
Hausboot unter Palmen: © Depositphotos.com/Marina Pissarova
Frau mit Waschbrett: © Depositphotos.com/Jaume Juncadella Olivares
Sonnenuntergang: © Depositphotos.com/Kairi Aun
Schöne Aussicht vom Boot: © Depositphotos.com/Franck Camhi
Weiter Fluss: © Depositphotos.com/Konstantin Kalishko

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