Kolumne: Sonnengruß unter Beobachtung

Yoga

In der Kolumne „Meine ReiseZutaten“ philosophieren wir über Gott und die Reisewelt. Welche guten Zutaten braucht eine Reise? Was versalzt uns gerne mal die Reise-Suppe? Und wann denken wir: „Wer bitteschön hat denn DAS bestellt?“ In Folge 11 dreht sich alles um Yoga.

Meine ReiseZutaten (11): Yoga

Ich kann den Mann ja verstehen. So was sollte sich ein sechsjähriges Kind nicht aus der Nähe anschauen. Ein Mensch, der Yogaübungen macht. Vor seinem VW Bus. Allein. Auf einem Campingplatz an der Ostsee. Irgendwo is ja auch mal Schluss mit dem guten Geschmack.

Deshalb bekommt der interessierte Sohn auf seine Frage: „Papa, was macht der Mann da?“ keine Antwort. Zumindest keine verbale. Papa reißt den Kleinen, der gerade zwei Schritte in Richtung meiner Yogamatte gemacht hat, am Arm zurück. Bringt ihn auf Kurs. Bevor er in die Hände der brandgefährlichen und weltweit operierenden Yoga-Sekte fällt.

Zum Glück spielen sich nicht überall so hochdramatische Szenen ab wie in Mecklenburg-Vorpommern. Trotzdem ist Yoga in der Öffentlichkeit nicht für jedermann geeignet. Wer selbst bei der Wahl seiner Jackenfarbe schon Angst hat sich zu blamieren oder zur Kategorie „Zugflüsterer“ gehört, für den ist diese Spielwiese tabu.

Denn Yoga im Freien erregt nun mal Aufmerksamkeit. Vielleicht nicht so viel, wie drei 70-jährige Männer, die mit roten Perücken, Leggins und Minirock herumlaufen.

Aber durchaus genug, um sich beobachtet zu fühlen.

Es gibt nunmal beim Sonnenaufgang am Meer keine sichtgeschützte Strandkuhle, in der sich locker flockig herumturnen ließe. Morgen-Yoga in Wassernähe heißt einfach, Gesprächsstoff und Fotoobjekt zugleich zu sein (ob Letzteres in meinem Fall ein wünschenswertes Ziel ist, darf mit einem herzlichen „Nein“ beantwortet werden).

Natürlich ist jeder Yogi voll bei sich und bekommt überhaupt nicht mit, was um ihn herum geschieht. Soweit die Theorie. In der Praxis höre ich natürlich alles und muss immer lachen, wenn jemand beim Strandspaziergang aus sicherer Entfernung zu seiner Partnerin mit wissender Stimme sagt:

„Schau mal, da macht jemand Yoga.“ Okay, immer noch besser, als: „Schau mal, da hinten ist glaube ich gerade ne Vogelscheuche umgefallen.“

Warum überhaupt das Ganze? Liegt das an meiner exhibitionistischen Neigung? Könnte ich meine Yogastunde auf Reisen nicht still, heimlich und unauffällig im Hotelzimmer abhalten? Keine Frage.

Doch meist ist mein Hotelzimmer 4 Quadratmeter groß und auf 4 Rädern. Und bei aller yogischen Fantasie: Ein Sonnengruß im VW Bus dürfte angesichts der Platzverhältnisse nicht ohne bleibende Schäden für Mensch und Maschine ablaufen.

Warum überhaupt Yoga auf Reisen? Wäre es nicht viel sinnvoller, im Stile eines echten Urlaubers sich abends so viele Cocktails in den Schädel zu pressen, dass sich die Frage nach dem morgendlichen Aufstehen gar nicht stellt?

Was soll das hemmungslose Zurschaustellen von katerloser Frühaufsteherfreude?

Keine Ahnung. Möglicherweise ist das eine Mischung aus seniler Bettflucht gepaart mit Begeisterung für die eigene Gesundheit. Nichts geht über den magischen Moment am Morgen, wenn die Sonne am Horizont herauskriecht und ich ihr mitten ins Gesicht lachen darf.

Dazu dem Körper ein bisschen Gutes tun, die Schönheit der Natur aufsaugen. Egal, was danach kommt: Die Qualitätssteigerung dieses Tages kann mir keiner mehr nehmen.

Und die gute Laune des morgendlichen Rollenspiels – mal Hund, mal Krieger, mal Taube, mal Baum und mal Kobra – steckt an. Auf einem Campingplatz in Cambridge blieben regelmäßig andere Camper stehen und freuten sich mit mir über meinen Eifer.

Morgen früh dann alle zusammen unter meiner Anleitung, lautete das Motto. 7 Uhr war aber doch nicht die Zeit für die Engländer. Wahrscheinlich war der Tee noch nicht fertig.

So war ich wieder allein. Vor dem VW Bus. Gefangen in den Händen der Yoga-Sekte. Und glücklich.

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