VW Bus

Kolumne: Geballte Nostalgie trifft endlose Freiheitsträume

In der Kolumne „Meine ReiseZutaten“ philosophieren wir über Gott und die Reisewelt. Also genauer gesagt hauptsächlich über die Reisewelt und alles, was dazu gehört. Welche guten Zutaten braucht eine Reise? Was versalzt uns gerne mal die Reise-Suppe? Was lässt uns vor Hochgenuss jubilieren? Und wann denken wir: „Wer bitteschön hat denn DAS bestellt?“ Immer gewürzt mit einer Prise schwarzen Humors und politischer Unkorrektheit. In Folge 9 dreht sich heute heute alles um den VW Bus.

Meine ReiseZutaten (9): VW Bus

„Kleintransporter“ nennt ihn der Konzern werksintern. Noch sachlich nüchterner geht’s wohl nicht? Ich meine, zu einem Rolling-Stones-Konzert sagt ja auch keiner „Gesangsdarbietung mit Instrumenten vor Publikum“.

Kleintransporter, pfff. Das klingt so nach Schrauben und Werkzeuge von A nach B fahren. Gut, soll ja Zeitgenossen geben, die mit einem VW Bus nichts Fantasievolleres anzufangen wissen.

Wenn schon Transporter, dann ist ein VW Bus ein Großtransporter. Er transportiert große Träume, große Sehnsüchte, große Freiheitsgelüste, große Reisefreude, große Abenteuerfantasien – und vor allem riesengroße Nostalgie.

66 Jahre lang fahren die Bullis schon auf den Straßen und Schotterpisten dieser Erde (manchmal stehen sie auch und warten auf einen fachkundigen Schrauber). 66 Jahre geballte Geschichte und Geschichten von den Modellen T 1 bis T 6.

So gut wie jeder hierzulande hat irgendeine persönliche Erinnerung an den VW Bus: an die erste Passfahrt über die Alpen mit einer Riesenkolonne hinten dran, an das wilde Konzertwochenende, an den italienischen Eisverkäufer mit seiner fahrbaren Verkaufstheke, an lange Grenzkontrollen (je mehr Peace-Zeichen auf dem Bus, desto länger), an die erste Liebesnacht, an Einsätze mit der Feuerwehr.

Oder vielleicht auch nur an die neidischen Blicke. Die eigenen, solange man sich den Traum vom VW Bus noch nicht erfüllt hat. Später die der anderen, wenn sie einen im eigenen Traumwagen herumcruisen sehen.

Ich schwöre, dass ich auf meinen Touren schon Männer gesehen habe, deren Blick unmissverständlich ausgedrückt hat: „Nimm mein Auto, das 30.000 Euro teurer ist als deins und dazu auch gerne noch meine Frau. Und gib mir bitte dafür ganz schnell deinen Bus, damit ich endlich, endlich, endlich meinen Traum ausleben kann.“

Dieser Wagen weckt wie kein anderer das Bedürfnis nach sofortigem Aufbruch, nach dem Losbrausen in die große, weite Welt – und wenn’s zum Start auch erstmal nur der Gardasee ist.

Ein Traum, den viele haben und sich doch so wenige zu leben trauen. Deshalb ist der Bulli ein perfekter Hingucker und Ins-Gespräch-Kommer. Je älter und farbenfroher, desto besser. Hier geht es nicht mehr um ein Fahrzeug, sondern um große Emotionen.

Um das Reisen ohne Plan, mit voller Flexibilität. Um das Übernachten an den schönsten Orten (nein, Campingplätze sind hiermit in der Regel nicht gemeint), um das Leben unter freiem Himmel mit Dach über dem Kopf – immer draußen und trotzdem alles drin, was man zum Leben braucht.

Also immer angenommen, ein VW Bus wird für das gebraucht, wofür ihn der Autogott geschaffen hat: für (lange) Reisen, fürs drin leben und übernachten. Für die mit dem dicken Geldbeutel komfortabel-luxuriös ausgebaut. Für die anderen, gerne im Selbstausbau, mit dem wichtigsten versehen: Schränkchen, Kochgelegenheit, Kühlschrank, Liegefläche, fertig.

Dann wird der VW Bus zum rollenden Zuhause: Gefährt, Wohnzimmer, Küche, Esszimmer, Schlafzimmer und Büro in einem. Hier entstehen Verbindungen zwischen Mensch und Maschine, die es in den Normalo-Ehen von Mensch&Auto nicht geben kann.

Erinnerungen werden in Serie gefertigt: gemeinsam haben Mensch und Bus schwere Gewitter überstanden, sind von Stürmen durchgerüttelt worden, haben Sonnenaufgänge direkt am Meer gesehen, sind unterm Sternenhimmel gestanden, haben mit Fremden gefeiert, bei null Grad im schwedischen Sommer gefroren und bei 40 Grad im litauischen Sommer geächzt.

Als ich einmal tagelang mit Zahnweh im Wagen gelegen bin, habe ich gespürt, wie mein VW Bus mitgelitten hat. Als ich mich nachts ausgesperrt habe, war der beidseitige Schmerz groß. Doch wir haben die Trennung auf Zeit überstanden. Ein Scheidungsrichter hätte allerdings kaum teurer sein können als der Pannenservice in Nordnorwegen.

Die harmonische, ja mitunter romantisch-verklärte Beziehung muss allerdings auch Belastungsproben überstehen: wenn nach 3 Tagen Regen der unvermeidliche Lagerkoller beginnt, weil nichts mehr im Bus trocknet und die Standheizung selbst mit größter Mühe die Scheiben nicht mehr freibekommt.

Oder wenn es nachts hinaus in die Kälte zum Pinkeln geht, weil eben keine Bordtoilette serienmäßig vorhanden ist – und portable Toiletten mitten im Bus definitiv Geschmackssache bzw. Geruchssache sind …

Apropos: In diesen Momenten schaut wohl der selbst der coolste VW-Bus-Fahrer neidisch auf die Tupperschüssel (Wohnmobil) nebenan und würde sich gerne einfach mal kurz auf den Pott setzen, ohne nass oder schockgefrostet zu werden.

Aber ich schwöre (zum zweiten Mal schon): Dieser Gedanke ist spätestens am nächsten Abend Geschichte, wenn ich mir mit meinem Bus einen Stellplatz in der Natur erobere, den die großen, trägen Schlachtschiffe niemals anfahren könnten.

Da zeigt sich der Kleintransporter mal wieder als der Größte. Rock ’n‘ Roll auf Rädern eben. Ob mit oder ohne Groupies kann ja jeder selbst entscheiden.

Foto: Mischa Miltenberger

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