Street Photography – oder die Kunst nicht aufzufallen

Was ist Street Photography?

Menschen (und Tiere) in ihrem urbanen Umfeld, ihrem Leben und Alltag

Street Photography ist offensichtlich nicht einfach nur das Fotografieren von Straßen, sondern von Menschen (und Tieren) in ihrem urbanen Umfeld, ihrem Leben und Alltag. Die deutsche Entsprechung „Straßenfotografie“ kommt mir als Begriff aus irgendeinem Grund komisch vor, aber im Prinzip ist es ja auch egal.

Street Photography wird von vielen als herausforderndes, schwierig umzusetzendes Genre der Fotografie angesehen. Und das ist durchaus verständlich, will man doch fremde Menschen bei ihren alltäglichen Besorgungen und Aktivitäten zeigen und dabei vielleicht einen lustigen, nachdenklich stimmenden oder nur interessanten Blick auf die Gesellschaft werfen.

Je nach Kultur, Land und allgemeinem Empfinden der meisten Menschen stört es die Fotografierten mehr oder weniger, wenn sie im Bild eingefangen werden. Die rechtliche Lage scheint hierzulande und in Europa generell etwas komplizierter zu sein als z.B. in den USA. Aber wir geben hier natürlich keine Rechtsberatung!

Wie kann man trotz alldem einen Einstieg in dieses faszinierende Genre der Fotografie finden? Gibt es die perfekte Kamera dafür? Welche fotografische Regeln muss ich beachten?

Den Einstieg finden

Wie kann man mit der Street Photography beginnen? Nun, es gibt viele erfolgreiche FotografInnen, die dieses Genre bestimmt haben und auch zeitgenössische KünstlerInnen, die es ständig neu definieren.

Lernen von den Profis

Sich durch erfahrene Street FotografInnen inspirieren zu lassen – online oder in Fotobüchern. Man entdeckt tolle Motivideen und verschiedene Herangehensweisen dieser FotografInnen, und je mehr gute Fotos und Bilder man sieht, desto mehr profitiert die eigene Kreativität. Am Schluss dieses Artikel gibt es einige Empfehlungen.

Selber beginnen

Wie für viele Bereiche der Fotografie gilt: Aufmerksam durch seine eigene Umgebung gehen und stets eine Kamera dabei haben. Welche das sein kann, schauen wir uns gleich an.

Man kennt ja seine Umgebung, seinen „Kiez“, normalerweise wie die eigene Westentasche. Wie kann man ihn für die Street Photography erschließen?

Es hilft, sich nach Mustern, Strukturen, besonderen Licht- und Schatten-Kombinationen zu verschiedenen Tages- oder Jahreszeiten umzuschauen, nach auffälligen Gebäuden, Plakaten oder nach großen Baustellen.

Foto von Stefan Eckhoff

Wenn man gelernt hat diese Dinge zu sehen, fallen einem fast schon automatisch Fotomotive auf. Menschen oder Tiere, die sich in ihrem Alltag durch solche Szenen hindurchbewegen, oder dort stehenbleiben, können dann das entscheidende Detail sein. Aus einer gewöhnlichen Szene wird damit ein Kandidaten für die Street Photography.

Es erfordert etwas Mut, mit der Street Photography zu beginnen. Aber wenn man zu Beginn mit einem Smartphone ausgerüstet ist, fällt man wenig auf. Schließlich haben viele Leute auf den Straßen ein solches Gerät ständig vor sich. Ob man nun auf Google Maps nach dem Weg sucht, oder mit der Kamera-App fotografiert, ist für Passanten nicht unbedingt erkennbar und man bleibt unauffällig.

Auch mit einer größeren Kamera ist es gut, nicht auf einen Stil wie Bruce Gilden hinzuarbeiten. Dieser bekannte Fotograf hat sich dadurch berühmt – oder eher berüchtigt gemacht – dass er ganz nah an seine Motive herantritt und direkt ins Gesicht blitzt. Das ergibt tolle Kontraste zum Hintergrund und sehr intime, ungestellte Aufnahmen, kann aber auch mal je nach Umfeld eine Faust im Auge des Fotografen nach sich ziehen.

Photo by Bulkan Evcimen on Unsplash

Behutsam vorzugehen und möglichst darauf zu achten, Menschen nicht identifizierbar darzustellen, scheint hierzulande eine gute Idee zu sein. Deswegen nutzen manche Street FotografInnen wie z.B. Marco Larousse aus Hamburg gerne Szenen mit harten Kontrasten, wo Menschen silhouettenartig ins Motiv treten. Sind Szenen öffentlich und Menschen nur Beiwerk und werden nicht in für sie entwürdigender Weise oder verletzlich dargestellt? Dann sind viele eher bereit, ein Foto von sich zu akzeptieren. Es hilft auch, wenn man „erwischt“ wurde, nach dem Foto ein entschärfendes, dankbares Lächeln einsetzt.

Und wenn man merkt, dass das Subjekt mit einem Foto nicht einverstanden war, sollte man die Größe besitzen, es selbstverständlich wieder zu löschen. (Was natürlich nur bei einer Digitalkamera geht.)

Welche Kamera für die Street Photography?

Die Kunst ist ja, nicht allzu sehr aufzufallen. Dies gelingt mit einer kleinen Kamera oder einem Smartphone besser als mit einer Mittelformatkamera samt Stativ.

Auch schwere Spiegelreflexen mit langen Teleobjektiven („Tüten“) sind eher auffällig. Generell werden in der Street Photography eher kurze bis maximal mittlere Brennweiten bevorzugt. Damit kann man Menschen und ihr Umfeld gut fotografieren. Selber näher dran zu sein am Motiv ist auch viel „direkter“. Wer wie ein Stalker  Personen auf der anderen Straßenseite mit dem Teleobjektiv nachstellt, braucht sich über kritische Fragen nicht wundern.

Smartphones

Auch wenn das Smartphone einen guten Einstieg ermöglichen kann, ist es doch möglich, dass einem mit steigender Erfahrung fotografische Situationen unterkommen, wo eine „richtige“ Kamera mehr von Nutzen sein kann.

Smartphones sind zwar bei gutem Licht ohne Frage eine gute Wahl, aber bei schlechten Lichtverhältnissen hat man mit einem größeren Sensor (wie in APS-C-Kameras) mehr Spielraum was die Empfindlichkeit angeht. (Hier hilft einem auch der beste Nachtmodus eines Smartphones nicht weiter, da dieser längere Belichtungszeiten erfordert.)

Spiegellose Kameras

Solche Kameras haben auch bei höheren ISO-Zahlen wie ab ISO 6400 immer noch genügend Rauscharmut, so dass die Fotos nicht zu körnig werden. Auch analoge Kameras sind bei vielen Street FotografInnen sehr beliebt, da sie sie dazu zwingen, sich etwas zu beschränken und nicht gleich das Ergebnis auf dem Bildschirm abzuchecken.

Spiegellose Kamera
Spiegellose mit Festbrennweite – Photo by Simon Moore on Unsplash

Edelkompakte wie z.B. die Fuji X100 (je nach Modelljahr mit den Buchstaben T/F/V), oder auch die Ricoh GR III sind gute Kandidaten für die Street Photography. Oder man nimmt einen kleinen, leichten Body einer spiegellosen Systemkamera und ein oder zwei lichtstarke Festbrennweiten im Weitwinkelbereich – weniger ist mehr.

Für die Street Photography sollte man Zeit mitbringen. Wenn man dann manchmal stundenlang in der Stadt unterwegs ist, wird das Thema Gewicht wichtig. Die eben genannten Empfehlungen sind eher leichtgewichtig und daher praktisch.

Weitere Technik-Tipps

Da Motive in der Street Photography oft sehr flüchtig sind, nutzen viele erfolgreiche FotografInnen eine Technik, bei der sie ihre Kameras auf manuelle Scharfeinstellung und Blende (Zeitautomatik) einstellen. (Auch hier hat eine „richtige“ Kamera Vorteile gegenüber einem Smartphone.)

Damit können sie beispielsweise bei Blende 8 oder 11 einen Schärfebereich von 3 Metern bis fast unendlich definieren. In diesem Bereich ist man auch nah genug dran am Motiv für interessante Fotos.

Aus diesem Grund können auch die im vorigen Unterabschnitt genannten höheren Empfindlichkeiten ins Spiel kommen. Um mit Blende 8 (oder noch kleinereren Blenden) noch verwacklungsfreie Aufnahmen ab 1/125 sek. machen zu können, braucht man unter Umständen viel Licht oder eine hohe Empfindlichkeit des Sensors.

Welche Regeln gilt es noch zu beachten?

Wer sich über die Rechtslage konkret informieren möchte, sollte dies bei Rechtsanwälten und einschlägigen Websites zur Rechtsberatung tun. Einige allgemein verbreitete Meinungen dazu, wie man sich in dieser rechtlichen Grauzone verhalten könnte, habe ich hier schon angedeutet. Ich empfehle, sich hier weiter einzulesen – die Stichworte dazu sind das Kunsturhebergesetz und das Recht am eigenen Bild. Auch die Datenschutzgrundverordnung (DSGVO) kann als Stichwort für Personen relevant sein, die beruflich fotografieren.

Photo by Dan Newman on Unsplash

Fotografische Regeln gibt es zwar, aber gerade in der Street Photography kann man diese gerne brechen und seinen eigenen Stil finden. Wer behauptet, dass man in der Street Photography beispielsweise nur schwarzweiss fotografieren darf, oder Personen nicht von hinten fotografieren sollte, stellt meiner Meinung nach zu starre Regeln auf und verkennt die vielleicht schwierige rechtliche Lage in manchen Ländern.

Als allgemeine Regel in der Fotografie gilt wie immer: Respekt vor dem Motiv!

Street Photography in Zeiten von Corona

Photo by Wes Hicks on Unsplash

Zum Zeitpunkt der Niederschrift dieses Artikels befindet sich die Welt ziemlich fest in der Hand des Coronavirus. Jetzt, im März 2020, ist vielerorts ist das öffentliche Leben eingeschränkt. Leute arbeiten von Zuhause, Kinder können nicht in die Schulen oder Kitas und öffentliche Veranstaltungen werden abgesagt. Das ist leider notwendig, und mancherorts ist die Bewegungsfreiheit sogar noch mehr eingeschränkt.

An Reisen in Street Photography-Paradiese wie New York ist im Moment nur schwer zu denken, aber auch diese Zeiten werden wiederkommen.

Aber je nach Ort und aktueller Situation gibt es auch Menschen, die nun zwangsweise Zeit haben. Sie sind draußen im Park oder beim Einkaufen. Deutlich leerere Innenstädte mit wenigen Menschen können auch ein interessantes und dokumentarisch wertvolles Motiv darstellen. Street Photography bildet ja auch eine Momentaufnahme auf die Zeit und die Gesellschaft.

Wichtig dabei: Sich nicht zu sehr auf die Pelle zu rücken ist das Gebot der Zeit! Bleibt gesund, nehmt Rücksicht und helft euch gegenseitig!

Linktipps zur Street Photography

Street Photography vor dem Bundesverfassungsgericht: https://www.fotorecht-seiler.eu/strassenfotografie-street-photography-vor-dem-bundesverfassungsgericht/

Die deutsche Streetfotografie Seite: https://germanstreetphotography.com/de/

Street Photography Berlin (Martin Waltz): https://streetberlin.net/de/

 

 

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