Was wurde eigentlich aus Kompaktkameras?

Kompaktkamera – Photo by Dennis Klein on Unsplash

Digitale Kompaktkameras sind eine bedrohte Art. Von allen Seiten auf dem Markt angegriffen – von Smartphones auf der einen Seite, von spiegellosen Systemkameras und Spiegelreflexkameras auf der anderen. Schon kurz nach Beginn der Ära der digitalen Kameras gab es eine Flut von Modellen aller Preisklassen, aber aktuell sind immer weniger Varianten erhältlich. Smartphones haben immer bessere Kameras, zum Teil sogar mehrere in einem Gerät, um unterschiedliche Brennweitenbereiche abzudecken, und da (fast) jeder eines besitzt, entfällt zunehmend die Notwendigkeit, zusätzlich eine digitale Kompaktkamera zu haben. (Das zeigt sich auch in den Verkaufszahlen: Während 2013 in Deutschland noch 4,56 Mio. Stück verkauft wurden, waren es 2018 nur noch 1,18 Mio – nur noch etwa ein Viertel soviel wie 2013. Quelle: statista.com)

FotografInnen mit höheren Ansprüchen haben schon eh und je zu „richtigen“ Kameras gegriffen – mit hochwertigen, lichtstarken Wechselobjektiven und einer Menge verfügbaren Zubehörs.

Aber wo können Kompaktkameras dennoch punkten? Wir nehmen mal fünf Kategorien von Ihnen in den Fokus!

„Normale“ Kompaktkameras

Kind mit Kompaktkamera
Photo by An Chi Tai on Unsplash

Wie eingangs erwähnt, war das zu lange Zeit der größte Markt der Digitalkameras. Sie waren bezahlbar, einfach zu bedienen und hatten eine größtenteils brauchbare Bildqualität.

Ein Gros der Kameras hatte meist recht handliche Gehäuse, winzige Sensoren und in der Regel einen 3-4fachen Zoombereich, also Brennweiten, deren Blickwinkel auf Kleinbild umgerechnet einem Objektiv mit 35-105mm oder 28-100mm entsprechen. Meine eigene erste Kompaktkamera war eine Kodak DC4800 – 3 Megapixel, Objektiv entsprechend 28-84mm F 2.8-4.5. Die Ergebnisse waren zumindest tagsüber in Ordnung; über Innenaufnahmen im Dunklen reden wir lieber nicht.

Von der einstigen Modellflut sind nur noch wenige übrig geblieben, aktuell finden sich eher Modelle mit einem sehr großen Zoombereich. Schon für ca. 150,- € erhält man z.B. Modelle mit 12fachem optischen Zoom, also z.B. von 25-300mm (Canon Ixus 285 *). Besonders lichtstark sind diese Modelle nicht; dies war bei früheren Modellen mit weniger Megapixeln und kleinerem Zoombereich häufiger anzutreffen. Aber als Kameras, die immer in der Handtasche oder dem Handschuhfach bleiben können, haben sie durchaus ihre Berechtigung.

Interessant für:

  • ältere Menschen auf Reisen, die statt Smartphone lieber ein einfaches Handy und eine kleine „richtige“ Kamera mitnehmen möchten
  • größere Kinder, die die Fotografie kennenlernen möchten
  • Personen mit einem nur leicht ausgeprägten Interesse an Fotografie
  • Fotografie zu Dokumentationszwecken

Bridge-Kameras

Nikon B600 Bridgekamera
Nikon B600 Bridgekamera – Foto: © Nikon Inc.

Eine Spielart der Kompaktkameras sind Bridge-Kameras, die aussehen wie eine Zwischenform zwischen Kompaktkamera und Spiegelreflex. Der Zoombereich ist sehr hoch bis gigantisch. Von Nikon gibt es Modelle, deren Tele bis zu 3000mm Brennweite entspricht. Die Ausmaße dieser Modelle gehen zumindest im ausgezoomten Zustand ins Unhandliche über. Die Frage, die sich mir stellt ist, ob man mit einer Systemkamera oder Spiegelreflex nicht auf lange Sicht besser bedient ist, wenn die fotografischen Ambitionen steigen. Die Bildergebnisse sprechen dann eher für letztere als für Bridge-Kameras, denen teilweise sogar die Möglichkeit fehlt, Aufnahmen im Raw-Format zu machen.

Interessant für:

  • Reisende, die weit entfernte Objekte einzufangen (Tiere, Mond…). Man sollte bereit sein, ein höheres Gewicht und eine gewisse Unhandlichkeit zu akzeptieren.

Kinderkameras

Natürlich könnte man den Kids einfach ein Smartphone mit stabiler Hülle in die Hand drücken. Aber vielleicht möchte man das aus erziehungspädagogischer Sicht eben bewusst nicht tun, damit der Nachwuchs nicht zu früh genauso handysüchtig wird wie man selber. Also schaut man sich auf dem digitalen Marktplatz einmal nach speziellen Kinderkameras (*) um: Hier gibt es ein großes Spektrum an Qualität und Anspruch.

Quietschbunte Kameras mit riesigen Plastikgehäusen und Handgriffen an beiden Seiten sind schon seit längerer Zeit auf dem Markt. Sie haben winzige Sensoren hinter Fixfokus-Objektiven (nur eine einzige Schärfeneinstellung); dazu nur einen Digitalzoom. Außerdem sind oft noch ein paar Spiele und MP3-Player-Funktionen mit drin, und schon ist das Kind glücklich. Man merkt wahrscheinlich aus meiner Beschreibung, was ich von diesen Modellen halte – nichts.

Meine erneuten Recherchen haben auf einschlägigen Internet-Kaufhäusern weitere, noch günstigere Modelle um die 40,- € zu Tage gebracht, die von den vielen positiven Bewertungen her erstmal so klingen, als sei die Bildqualität in Ordnung. Klein genug für Kinderhände und einfach zu bedienen sind sie. Ihre stabilen Silikon-ummantelten Gehäuse oder beigefügte Hüllen von rosa bis hellblau lassen vermuten, dass sie auch häufigere Stürze überleben. Positiv finde ich, dass nicht so viel Schnickschack dabei ist wie Spiele und MP3-Player – es sollte ja um die Fotografie gehen.

Zweifel an der Bildqualität

Aber auch auf eine große Anzahl positiver Bewertungen kann man nicht unbedingt viel geben. Direkte Testberichte aus seriösen Quellen habe ich nicht gefunden. Man stößt eher auf lieblos zusammengeklöppelte Nischenseiten, die außer Preisvergleichen keine wirklich relevanten Informationen für Interessierte offenbaren. Die zwischendurch auftauchenden negativen Bewertungen, vor allem zur Bildqualität („Schlechte Bildqualität, ohne große Anforderung zu haben … selbst mein Smartphone macht bessere Bilder…“) lassen vermuten, dass es mit der Bildqualität doch nicht so weit her ist.

Wichtiger als die Robustheit der Geräte finde ich, dass die Kameras auch wirklich vernünftige Fotos liefern können. Sonst verlieren die Kinder schnell den Spaß an der Fotografie, und die Kamera liegt nur in der Ecke.

Am oberen preislichen Ende des Spektrums gibt es Kameras von etablierten Herstellern (Nikon, Canon). Sie zielen optisch und von der Robustheit zwar noch auf Kinder ab, liefern aber im Prinzip die Bildqualität , die normale Kompaktkameras haben. Sie gehen auch in ein Marktsegment über, das ich speziell für größere Kinder im Schulalter interessant finde: Outdoor-Kameras.

Outdoor-Kameras

Olympus Tough TG6
Olympus Tough TG6 – Foto: © Olympus

Diese Spielart der Kompaktkameras finde ich am interessantesten, da sie neue Einsatzzwecke ermöglichen, bei denen Smartphones ohne zusätzlichen Schutz versagen und auch nicht die Brennweitenbereiche liefern.

Kameras dieser Art gibt es von Herstellern wie Olympus, Fuji und Panasonic (*). Sie versprechen Wetter-, Staub- und wasserdichten Fotospaß, und auch eine unsanfte Behandlung durch Kinder dürfte ihnen nichts anhaben. Ein Querlesen der Bewertungen (jaja, ich weiß…) zeigt aber auch, dass es bei fast allen Modellen dieser Art immer wieder zu besonderen technischen Problemen kommen kann. Möglicherweise liegt das an dem Grenzbereich, in dem diese Kameras bedient werden. Macken im Bedienkonzept muss man kennen und damit leben können (beispielsweise laute Geräusche beim Videofilmen und gleichzeitigem Zoomen). Wer das aber kann und den etwas höheren Preis nicht scheut, kann mit Outdoor- und Unterwasserkameras in neue fotografische Bereiche vordringen.

In den meisten Testberichten schneiden die Olympus Tough TG-5 (*) und TG-6 (*) am besten ab.

Interessant für:

  • Sportler, Taucher, Schnorchler
  • Kinder / Jugendliche

„Edelkompakte“

Fuji X100 – Photo by zhang kaiyv on Unsplash

Diese Bezeichnung trifft auf höherwertige, stabilere, oft lichtstarke Kompaktkameras zu, bei denen man im Vergleich zu normalen Kompaktkameras größere Sensoren vorfindet (ab 1 Zoll bis zu Vollformat / Kleinbild) und die auch anspruchsvollere Fotografie erlauben. Dank Aufnahmen im Raw-Format können die Fotos später selber digital „entwickelt“ werden.

Für die street photography sind diese Kameras ebenfalls gut geeignet, beispielsweise Kameras mit Weitwinkel-Festbrennweite. Beispiele für diese Art Kameras sind die Ricoh GR III * und die Fuji X100F *.

Videofreunde könnten Geräte ins Auge fassen die gute 4K-Videos aufnehmen können und so eine Alternative zu den besten Smartphone-Kameras darstellen können. Der optische Zoombereich ist in der Regel auch größer als bei Smartphone-Kameras. Beispiel: Sony RX100 VII *

Auch traditionelle Hersteller wie Leica haben Kameras dieser Art im Programm – in Form der Leica D-Lux * 7, die für Leica-Verhältnisse mit ca. 1200 € noch als „günstig“ gelten kann. Noch deutlich weiter oberhalb dieses Preisrahmens finden sich Modelle wie die Leica Q – und für die allermeisten von uns werden diese und ähnliche ein unbezahlbarer Traum bleiben.

Wer an der Nachhaltigkeit interessiert ist, findet auch in diesem Marktsegment interessante Geräte, die immer noch eine gute Bildqualität liefern. Und wenn der Hersteller diese älteren Geräte vielleicht auch noch mit Firmware-Updates versorgt: Umso besser!

Interessant für:

  • FotografInnen mit hohem Anspruch an Qualität
  • Personen mit einem höherem Budget

Fazit

Kompaktkameras haben durchaus noch ihren Platz im Portfolio der Modelle, und gerade im höherwertigen Bereich gibt es Modelle, die dank großem Sensor und hervorragender Optiken in einer Liga mitspielen mit Systemkameras und Spiegelreflexen. Oder man betritt Outdoor-Pfade oder taucht ein in die Unterwasser-Fotografie. Es gibt halt nicht die eine perfekte Kamera für alles und jeden!

Titelbild: Photo by Dennis Klein on Unsplash

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