Spiegellos, aber nicht planlos!

Im letzten Beitrag ging es um Smartphones, und wir stellten fest, dass man damit fotografisch sehr viel erreichen kann, aber dass es doch Grenzbereiche oder Einsatzgebiete gibt, in denen eine richtige Kamera die bessere Wahl sein kann.

Was ist eine spiegellose Kamera?

spiegellose Systemkamera auf Schreibtisch
Spiegellose Systemkamera – Photo by Andrew Seaman on Unsplash

Eine spiegellose Systemkamera * ist eine Kamera mit Wechselobjektiven, die im Gegensatz zu einer Spiegelreflexkamera (dSLR) keinen Spiegel hat und daher – theoretisch – kleiner und leichter sein kann. Beim Blick durch den Sucher schaut man also nicht durch den Spiegelkasten und dann durchs Objektiv, sondern hat entweder einen elektronischen Sucher, der das Live-Bild das Sensors wiedergibt, oder ein LC-Display auf der Kamerarückseite, das dies ebenfalls anzeigt. Oder beides – das ist eine Frage des Preises und der Größe. Witzigerweise wirken einige spiegellose Systemkameras dank des oben mittig angebrachten elektronischen Suchers, der auch noch in etwas so aussieht wie ein Spiegelkasten, wie kleine Spiegelreflexkameras…

Einige Hersteller wie z.B. Fuji haben auch Kameras im Programm, die identische hochwertige Sensoren wie die Systemkameras aufweisen können, aber nur ein nicht wechselbares Objektiv haben – meist im Weitwinkelbereich. Genau genommen sind es also keine Systemkameras per se, passen aber perfekt in die Modellpalette und sind von der optischen Qualität ihren flexibleren Geschwister-Modellen ebenbürtig und als ReiseZutaten perfekt geeignet, daher bekommen sie in diesem Beitrag auch ihren Platz – auch unser Titelbild zeigt eine solche Kamera.

Besondere Eigenschaften spiegelloser Digitalkameras

Größe und Gewicht

Da der Spiegelkasten bauartbedingt entfallen kann, ist es möglich, kleinere und leichtere Kameragehäuse herzustellen. Dies ist besonders bei den kleineren Sensorformaten wie MicroFourThirds der Fall. Wenn Kameras auch auf einen Sucher verzichten und nur ein hinteres Display zur Kontrolle der Aufnahmen sowie zur Steuerung der Kamerafunktionen haben, spart dies ebenfalls Größe und Gewicht.

Display und Sucher

Darüber hinaus sieht man bei spiegellosen Kameras sofort das vom Bildprozessor in Fast-Echzeit verarbeitete Bild. Bei einer dSLR hingegen ist die Sucherdarstellung eine rein optische Wiedergabe des Motivs. Vorteil für die Spiegellose bei hellem Sonnenlicht: Man sieht nur maximal reines Weiß auf dem Display und kann sich beim Durchschauen nicht wie bei der dSLR die Augen verblitzen – allerdings ist es dem Sensor natürlich nicht förderlich, ihn dauerhaft dem direkten, fokussierten Sonnenlicht durch das Objektiv auszusetzen.

Spiegellose Kamera fotografiert Sonnenuntergang
Hier sieht man nicht heller als reines weiß – © Depositphoto – Krzysztof Zablockideq

Dass im digitalen Sucher oder auf dem Display bereits verarbeitete Bildsignale ausgegeben werden, erlaubt  auch, dass man Filter oder Filmsimulationen wie z.B bestimmte Schwarzweiss-Darstellungen direkt auf das Live-Bild anwenden kann und nicht raten muss, wie es später aussieht.

Je nach Leistung der Kamera sind sowohl Sucher als auch Display unterschiedlich fein aufgelöst und haben eine mehr oder weniger ausgeprägte Verzögerung. Dies wird bei neueren Modellen immer weniger relevant, ist aber ein leichter Nachteil gegenüber Spiegelreflexkameras.

Bei vielen Modellen lassen sich die hinteren Displays klappen und / oder schwenken und erlauben so besondere Aufnahmeperspektiven – wie einen Lichtschacht-Sucher von oben betrachtet, als Selfie-Kamera oder über den Köpfen der Mitreisenden auf die spannende Szenerie!

Auslösen und Verschluss

Beim Auslösen einer Spiegellosen gibt es logischerweise auch keinen kurzen „blinden Moment“ wie bei einer dSLR, wenn dort der Spiegel hochklappt und das Licht durch den Verschluss auf den Sensor fällt. Das Fehlen eben dieses Spiegels ermöglicht auch ein erschütterungs-ärmeres Auslösen, was Verwackelungen, zum Beispiel bei längeren Belichtungszeiten, verhindern kann. Hilfreich ist dies natürlich auch im Hinblick auf unbemerktes Fotografieren – kein lautes Klacken des Spiegels! Absolut ohne mechanische Erschütterungen und Geräusche funktioniert der elektronische Verschluss, denn hier wird nur der Sensor komplett einmal ausgelesen.

Als ReiseZutaten spielen spiegellose Kameras somit eindeutig ihre Stärken aus – handlich, klein und leise sowie mit hervorragender Bildqualität!

Welche Sensorformate gibt es?

Der Sensor einer spiegellosen Kamera
Der Sensor einer spiegellosen Kamera – © Depositphoto – Petr Svoboda

Kurz gesagt: Klein, mittel, groß und extragroß.

  • Klein: MicroFourThirds *
    Eine Sensorgröße von xx mm Diagonale, deren Kameras hautpsächlich von den großen Marken Olympus und Panasonic hergestellt werden, allerdings gibt es auch kleinere chinesische Marken, die hierzulande schwer zu bekommen sind. Objektive von beiden großen Herstellern passen an fast alle Kameras dieser Bauart, aber es gibt auch Fremdhersteller wie Sigma, Tamron, Samyang und andere.
    • Vorteile:
      • Leichte, günstige Kameras und Objektive erhältlich (aber nicht nur)
      • Große Vielfalt an Objektiven (noch mehr, wenn man Kleinbild-Objektive per Adapter anschließt)
      • Sehr gute Bildqualität
    • Nachteile
      • optisch bedingt größere Schärfentiefe (das kann auch ein Vorteil sein)
      • bei schlechten Lichtverhältnissen höhere Rauschanfälligkeit
    • Preis: Einstieg ab etwa 400 € (inkl. Kit-Objektiv)
  • Mittel: APS-C *
    Der Name erinnert an das alte Filmformat, das in den 90ern aufkam und eine Art Übergangsform von analoger zu digitaler Fotografie sein sollte, das aber nie besonders erfolgreich war. Geblieben ist die ungefähre Sensorgröße. Spiegellose Systemkameras mit Sensoren dieser Größe bekommt man von Fuji, Sony und Canon.
    • Vorteile:
      • Immer noch recht handliche Kameras im Vergleich zu Vollformat-Geräten
      • Sehr gute Bildqualität, auch bei schlechterem Licht (je nach Modell und Geldbeutel)
      • Auch hier lassen sich viele alte Objektive adaptieren
      • geringere Schärftentiefe, was z.B. für Portraits interessant ist
    • Nachteile
      • etwas größer und schwerer als MFT-Kamerasysteme
    • Preis: Einstieg ab etwa 600 € (inkl. Kit-Objektiv)
  • Groß: Kleinbild *
    Auch wenn das wie ein Widerspruch klingt, ist doch die Kleinbild („Vollformat“)-Sensorgröße das größte, was Normalsterbliche als Kamera kaufen werden. Gerade im Kleinbild-Bereich erscheinen aktuell die meisten neuen Geräte – sowohl von Nikon (Z6 * und Z7 *) als auch von Canon (EOS R * und EOS RP *) sind unlängst neue Modelle erschienen, und Sony hat schon seit einigen Jahren diverse Modelle im Programm (α7 * in verschiedenen Varianten). Außerdem ist vor kurzem die neue L-Mount-Allianz entstanden, bei der die drei Anbieter Leica, Sigma und Panasonic ein neues Objektivsystem entwickelt haben, das auf Kameras all dieser drei Hersteller passt. Eine spannende Geschichte – schließlich hat man hier Anbieter, die sowohl im hochpreisigen Segment als auch im eher günstigeren Bereich Objektive anbieten, so dass man interessante Kamera-Objektiv-Kombinationen wählen können wird.
    • Vorteile:
      • „Vertraute“ Brennweitenangaben, denn immerhin werden alle anderen Angaben darauf umgerechnet („18mm – entspricht einem Bildwinkel von 28mm KB“)
      • Hervorragende Bildqualität, auch bei wenig Licht und hohen ISO-Stufen
    • Nachteile:
      • Die geringere Schärfentiefe erfordert präzise Scharfstellung; bei Portraits können schon die beiden Augen unterschiedlich scharf sein
      • Im Vergleich ziemlich große, schwere Kameras und teure Objektive (es gibt wenige Ausnahmen)
    • Preis: Einstieg ab ca. 1.400 € (inkl. Kit-Objektiv)
  • Extragroß: digitales Mittelformat
    Nur der Vollständigkeit halber sei dies erwähnt; hier findet man wenige professionelle Kameras, die ab ca. 8000 € beginnen und eher nicht für Schnappschüsse geeignet sind, sondern in Studios oder bei aufwändigen Shootings verwendet werden, bei denen es auf maximale Auflösung und Detailschärfe ankommt. Hersteller hierfür sind Hasselblad, Mamiya und Fuji.

Für jeden Bedarf etwas dabei

Egal, ob man nun Smartphone-Aufsteiger oder erfahrener Fotograf ist, für jede Zielgruppe gibt es passende Kameras. Sehr kleine, selfie-geeignete Kameras mit ganz wenigen Knöpfen oder an klassische Messsucher-Kameras erinnernde Modelle mit Drehrädern und Blendenring, die die Kamera blind bedienen lassen. Allein der Geschmack und der Geldbeutel entscheiden!

Ich persönlich finde kleinere und leichtere Kameras in Kombination mit dem Smartphone als gelungene ReiseZutat – zum Beispiel in Form einer MicroFourThirds- oder APS-C-Kamera samt lichtstarkem Reisezoom (ca. 28-80 mm Kleinbild-Äquivalent) oder noch schnelleren Festbrennweiten im Normal- oder leichtem Tele-Bereich.

Weitere Tipps

  • Im Beitrag „Ich packe meinen Koffer… oder nicht?“ finden sich allgemeine Tipps zur Menge des Kamera-Zeugs, das man mitnehmen könnte.

Titelbild: Photo by Simon Moore on Unsplash

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