Genussreise Naturwein-Trend

Über einen schmalen Fußweg führt Winzer George Wolski durch den Garten zu seinem Haus. Vorbei an üppig blühendem Gewächs und Rebstöcken. Über knorrigen Stämmen recken sich schmale Zweige mit zart grünen Blättern gen Himmel, daran saftige Bündel Trauben hängend. Ein kleiner Vorgeschmack auf Georges Weinberge im Iori Tal. Sein Haus mitsamt Produktionsstätte liegt in dem kleinen Dorf Khashmi, etwa 35 Kilometer von der georgischen Hauptstadt Tiflis entfernt.

Rebstöcke Iori Tal © Depositphoto – Konrad Zelazowski

George zeigt nun seinen Schatz im Haus, den Keller, wo er nach Jahrtausende alter, georgischer Tradition Naturwein produziert. Die Trauben für seinen Wein werden von Hand geerntet, sobald der Reifegrad stimmt und George den Zucker- und Säuregehalt für optimal befindet. Nur die besten Trauben kommen nun in große Tongefäße, Qvevris, die im Boden vergraben sind. So erzielt man stabile Temperaturen und ideale Lagerbedingungen. Die Amphore ist atmungsaktiv so kommt der Wein während seinem Reifungsprozess mit Sauerstoff in Berührung und bildet dadurch ein anderes Aroma, als zum Beispiel in Edelstahl oder in Holz gereifte Weine.

Der Wein fermentiert nun mit Trester und Stielen in der Qvevri. Durch das Bewegen des Tresters verhindert George die Oxidation der Pressrückstände und kühlt dabei außerdem den Fermentersaft ab. Dabei überwacht der Winzer gemeinsam mit seinem Team die Mazerierungstemperatur. Unter Mazeration versteht man das Verfahren der Gewinnung von Inhaltsstoffen.

Alter Steinraum zur Weinbegleitung © Depositphoto – Anastasia Nelen

Mindestens ein Jahr lang reift der Wein in den Qvevris. Das Ergebnis sind wunderbar aromatische Naturweine, die man in seinem Weingut verkosten und als Souvenir für die Daheimgebliebenen erwerben kann. Die meisten Kisten seines Naturweins in einer kräftigen Bernsteinfarbe exportiert George nach Russland und Kalifornien.

Eine kleine Geschichte des Naturweins

Vollkommen zu Unrecht wird Naturwein oftmals als kurzlebiger Trend abgestempelt. Dabei hat diese Art der Weinherstellung eine mehr als 8.000 Jahre alte Tradition. Der Ursprung des Weinbaus soll im Kaukasus liegen, genauer gesagt in Georges Heimat, Georgien. Seit der Antike wird hier Naturwein hergestellt.

Damals wurden im Boden vergrabene Qvevris mit zerquetschen Trauben und Saft gefüllt. Hier vergärte der Inhalt über mehrere Monate bei konstanten Temperaturen und weitgehendem Sauerstoffabschluss.

In Georgien ist, wie bei Winzer George, auch heute noch die Herstellung  von Naturwein in Qvevris üblich. In anderen Ländern und Regionen wurde und wird bei der Herstellung auf andere Produktionsgefäße, wie Fässer oder Tanks, gesetzt. Ob in Ton oder Holz gereift, gemein haben Naturwinzer, dass sie statt Wein zu produzieren, ihn vielmehr bei seiner Entstehung begleiten.

Zu den Vätern des Naturweins gehört der Franzose Jules Chauvet (1907-1989). Er arbeitete in La Chapelle-de-Guinchay im Beaujolais, einer Weinbauregion nördlich der Stadt Lyon. Während seines Lebens als Winzer erwarb er sich zudem umfangreiche Kenntnisse als Chemiker und strebte danach qualitativ hochwertigen Wein herzustellen, ganz ohne chemischen Dünger, Filtration und Schönung. Noch heute gilt er als große Inspiration der Naturwein-Bewegung.

Welcher Wein als Naturwein gilt und welcher nicht, ist bis heute nicht klar definiert und nicht gesetzlich geschützt.

Die Kriterien sind also eher verschwommen. Generell keltern Naturwinzer ihren Wein auf schonendere Weise als industriell produzierte Weine und versuchen dabei mit möglichst wenigen technischen Hilfsmittel auszukommen. Ein weiteres Kennzeichen für Naturweine ist  der Verzicht auf Zusätze, wie Stabilisatoren und Schönungsmittel aus. So entwickelt der Wein nicht nur seine individuelle Note, er gilt auch als besonders verträglich.

Nach einem langen Reifungsprozess wird der Wein unfiltriert abgefüllt, mit gar keiner oder nur geringer Schwefelgabe. Die Flüssigkeit erinnert dadurch an naturtrüben Apfelsaft. Vor dem Öffnen der Flasche empfiehlt es sich, diese etwas zu schwenken, damit sich die Trübstoffe besser verteilen können.

Wie schmeckt Naturwein?

Zahlreiche Mythen und Vorurteile ranken sich um Naturweine. Naturwein schmecke schal, fast schon ranzig, meinen manche. Einige Kritiker verweigern sich dieser Art der Weinherstellung schon aus Prinzip, weil sie klare Richtlinien vermissen oder ihnen der Geschmack, im Gegensatz zu industriell produzierten Weinen, zu unberechenbar erscheint. Tatsächlich ist die Spanne beim Naturwein – genau wie bei herkömmlichem Wein – sehr groß. Manch einer bringt ein recht wildes, rohes Aroma mit sich. Andere sind kaum trüb, sehr klar und haben eine schöne Frucht.

Wein und Käse © Depositphoto – Yulia Grigoryeva

Das Endprodukt hängt letztendlich vom Geschmack und Stil des Winzers ab. Fest steht, kein Jahrgang Naturwein schmeckt wie der andere. Die reine Kraft der Natur eingefangen in einer Flasche. Spätestens beim Genießen des letzten Tropfens stellt sich bei so manchem die Frage, wie viel Natur steckt im vermeintlichen Naturprodukt Wein, wenn er industriell produziert wird.

Wo wird Naturwein hergestellt?

In allen Ländern und Regionen, in denen der Weinanbau eine Tradition hat, ist auch eine Entwicklung der Naturweinszene erkennbar. Besonders ausgeprägt ist die Produktion seit Anfang der 90er Jahre in Frankreich und Italien. Mittlerweile wächst die Szene auch in Spanien und Slowenien.
Exportiert wird er von hier in die ganze Welt. Naturwein kommt an, ob in Tokios Edelrestaurants oder in Berliner Weinbars, wie in dem französisch betriebenen „Maxim“, das auf Naturwein spezialisiert ist.

Rebencheck. © Depositphoto – Fabrice Michaudeau

Als slowenisches Epizentrum der Naturweinszene wird die Region Brda gefeiert. Ein kleiner Zipfel im äußersten Westen des Landes mit toskanisch anmutenden Hügellandschaften. Ein Meer aus Reben zwischen Adria und Alpen. Als einer der ersten Winzer Sloweniens hat sich Aleks Klinec dem Naturwein verschrieben und daneben gemeinsam mit Franco Terpin, Valter Mlecnik und Cotar die Naturweinvereinigung „Simbiosa“ gegründet.

Auch in anderen Ländern findet man Zusammenschlüsse von Naturwinzern, wie die Wertegemeinschaft „Schmecke das Leben“ um fünf Winzer aus der Steiermark.

Raw Wine – Aus dem Naturwein wird eine Bewegung

Zurück zur Natur lautet der Trend und zieht sich durch alle Bereiche des Lebens. Bio boomt. Wenn Produkte dann noch Slow daher kommen umso besser. Auch der Naturwein floriert wie nie zuvor und entwickelt sich zu einer regelrechten Bewegung. Anders, fernab der Konvention und des Mainstream ist die Herstellung, individuell und vielseitig der Geschmack.

Naked wine, vin naturel oder raw wine wird der Naturwein auch genannt und ist dabei eng verbunden mit dem orange wine, ein Weißwein, der wie ein Rotwein hergestellt wird. Anders als beim gewöhnlichen Weißwein, wird beim orange wine nicht nur das Innere der Traube, sondern auch die Schale verarbeitet.

Der perfekte Ort, um sich dem Geschmackserlebnis von Naturweinen hinzugeben, ist die Raw Wine Messe, die zuerst in London, mittlerweile aber auch in anderen Städten, wie Berlin, angekommen ist. Neben privaten Konsumenten sind auch viele Gastronomen zu Gast auf der Raw Wine Messe, die sowohl bei der Auswahl der Produkte, die im Kochtopf landen, als auch bei den Weinen auf die Herkunft achten – Tendenz steigend.

Auf der Raw Wine Messe werden Naturweine in ihrer Authentizität mit allen Sinnen zelebriert und Naturwinzer geben Einblicke in die Entstehung und ihre Philosophie.

Zu guter Letzt darf natürlich auch eine Weinprobe nicht fehlen. Ein Glas Naturwein kann schon mal die Geschmacksnerven des Genießers fordern. Sich näher damit zu beschäftigen und nach dem ersten Fehlversuch nicht gleich die Flinte ins Rebenmeer zu schmeißen lohnt auf jeden Fall – früher oder später kommt man ganz bestimmt auf den Geschmack.

Unsere Leseempfehlung: So schmeckt Georgien – Eine Genussreise durch den Kaukasus

Titelbild: © Depositphoto – Валентин Волков

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