Donauradweg ans Schwarze Meer: Abenteuer auf dem Balkan

Den Donauradweg von Passau nach Wien kann ja jeder. 325 Kilometer. Durchgängig eben bis leicht bergab. Trainierte Radler schaffen die Strecke locker in drei Tagen. Auf einer Pobacke quasi. Selbst mit dem Hollandrad kein Problem.

Jede Menge Unterkünfte und Verpflegungsmöglichkeiten sowie kulturelle Schätze finden sich unterwegs. Der Klassiker der Fernradwege. Ein Rundum-Sorglos-Paket für Radler, Fahrradwerkstätten am Wegesrand inklusive.

300.000 Radler treten hier jährlich in die Pedale.

Auch Katharina Auerswald und ihr Lebensgefährte Bernhard Volkert strampelten hier schon. Mal von der Quelle in Donaueschingen, mal von Ulm und von Passau aus waren sie insgesamt viermal auf dem Radweg nach Wien unterwegs.

Doch irgendwann stellte sich die Frage: Warum immer nur auf der Radler-Autobahn fahren? Warum nur da unterwegs sein, wo alle fahren?

Von der Donauquelle bis zum Schwarzen Meer sind es schließlich 2850 Kilometer. Also bleiben von Wien aus noch gut 2000 Kilometer, die es zu entdecken gilt. Durch die Slowakei, Ungarn, Serbien (je nach Streckenwahl auch Kroatien), Bulgarien und Rumänien bis ans Schwarze Meer, in das die Donau mündet.

Damit war für die beiden Allgäuer Reise-Enthusiasten klar: Es ist mal wieder Zeit für ein Abenteuer.

Passau – Wien: 300.000 Radler, Wien – Schwarzes Meer: 600 Radler

Denn der Donauradweg ans Schwarze Meer präsentiert sich eben nicht als All-inclusive-Wohlfühlstrampeln für Feierabendradler. Wer sich auf den Weg macht, darf sich auf eine sehr überschaubare Infrastruktur, teils spannende Streckenverhältnisse und manchmal ordentlich Höhenmeter einstellen.

Donauradweg ans schwarze Meer
Interessante Streckenverhältnisse und tierische Begegnungen: Alltag bei der Radtour ans schwarze Meer.

Vor gerade einmal 10 Jahren wurde der Radweg bis zum Donaudelta und zum Schwarzen Meer verlängert und beschildert (trotzdem sind Karten oder GPS ein Muss). Dementsprechend hält sich der Andrang noch in Grenzen.

Auf 500 bis 600 wird die Zahl der Abenteurer geschätzt, die sich Jahr für Jahr auf den Pedalritt durch den Balkan wagen. Was natürlich auch am Zeitfaktor liegt. Wer kann sich schon mehrere Wochen für diesen ganz speziellen Radurlaub freinehmen?

Katharina Auerswald und Bernhard Volkert konnten, weil sie es unbedingt wollten. Die 54-Jährige ist selbstständig als Trainerin und Coach. Der 51-Jährige arbeitet als Postbote und nahm sich zusätzlich zum vierwöchigen Sommerurlaub noch drei Wochen unbezahlten Urlaub.

Kondition? Gibt sich beim Fahren

Beide sind keine Sportfreaks, das geben sie ehrlich zu. Doch aus Erfahrung wissen sie: Die Kondition kommt beim Radeln. Der Wille ist erstmal wichtiger als die Figur.

Bei dieser Art der Vorbereitung, die mehr auf der mentalen denn körperlichen Ebene abläuft, braucht der Körper allerdings eine gewisse Eingewöhnungszeit an die täglichen Strapazen. Heißt genau: Eine Woche lang Muskelkrämpfe beim Fahren. Aber immerhin kein Muskelkater.

Donauradweg ans schwarze Meer
Der Wille versetzt Berge: Katharina Auerswald bei einem Zwischenstopp in Rumänien.

Und die Sache mit dem schmerzenden Hintern lässt sich eh nicht vermeiden. „Der tut immer brutalst weh. Da nutzt auch der beste Sattel nichts, nach zwei Stunden geht es wieder los“, erzählt Bernhard.

Was dagegen hilft: Ab und an Radeln im Stehen sowie abendliches und morgendliches Einschmieren mit Spezialsalbe. Dazu abends Franzbranntwein auf die Beine und Rücken und überall hin, wo es weh tut. Das kühlt und bietet zugleich noch Mückenschutz. Denn die stechfreudigen Viecher sind gerade im Hochsommer ein treuer Begleiter.

Kein Thema während der Fahrt. Doch sobald die Allgäuer gen Abend ihr Lager aufschlagen, beginnt der große Überfall. „So haben wir wenigstens gelernt, das Zelt in zwei Minuten aufzubauen“, berichtet Katharina lachend.

Wer flexibel sein will, braucht ein Zelt

Zelt, Isomatte und Schlafsack empfehlen die beiden allen Sportsfreunden, die sich auf den Donauradweg ans Schwarze Meer machen. Allein schon der Flexibilität wegen.

Katharinas und Bernhards Credo: „Wir wollen jeden Tag so frei sein zu sagen: Hier ist es cool, lass uns hier schlafen.“ Deshalb bleiben Hotels die Ausnahme, das Übernachten in der Pampa die Regel. Meistens wild und geschützt mit mal mehr, mal weniger großartigen Ausblicken. „Ein Zelt ist wie ein Zuhause“, sagt Kattharina.

Donauradweg ans schwarze Meer
Schöner übernachten geht nicht: Ein Schlafplatz im Donaudelta, die nächste Ortschaft 15 km entfernt.

Sie treffen unterwegs auch auf eine Radlerin, die ausschließlich in festen Unterkünften schläft. Gar nicht so einfach, da spätestens in Rumänien manche Hotels an der Strecke 100 Kilometer auseinander liegen. Wer seine Tour so bestreiten will, muss jeden Tag durchplanen und seine Route genau nach der nächsten Unterkunft ausrichten. Am Vortag buchen und übers Navi ansteuern, anders klappt es nicht.

Apropos Navi: Echte Abenteurer machen es wie Katharina und Bernhard: kein GPS, keine Navigation übers Smartphone, einfach nur die gute alte Straßenkarte. Dafür bekommen sie mehr als einmal erstaunte bis belustigte Kommentare anderer Radler.

Inklusive diverser Belehrungen, was man auf so einer Radreise alles dabei haben muss. „Irgendwann kamen wir uns vor wie komplett nicht vorbereitet. Und trotzdem sind wir ans Ziel gekommen“, sagt Katharina.

Die wenigen wichtigen Dinge: Fahrrad, 3 Kleidungsstücke, Zelt, Isomatte, Schlafsack, Verpflegung und 4 Liter Wasser pro Tag. Reicht.

Donauradweg ans Schwarze Meer: Von Land zu Land

Eine Tour von Wien bis Constanta am Schwarzen Meer heißt auch: 6 verschiedene Länder auf 2300 Kilometern. Mit unterschiedlichen Streckenbedingungen, unterschiedlicher Infrastruktur, unterschiedlichen Menschen.

Donauradweg ans schwarze Meer
Andere Länder, andere Sitten: Brandrodung in Rumänien, ein alltägliches Bild für die beiden Allgäuer Radler.

Und der Frage: Wie viel hat der Donauradweg auf dieser Strecke noch mit Radweg und Donau zu tun? Ab Budapest verläuft er manchmal direkt am Fluss, sehr oft auch Nebenstraßen durch Dörfer weit weg von der Donau. Oder auf dem Damm (mal Kies, mal Schotter), der durch einen breiten Streifen vom Fluss getrennt ist. Die Donau gibt es oft erst wieder nach vielen Kilometern Fahrt in kleineren Städten zu sehen.

Aus der Sicht von Katharina und Bernhard präsentierten sich die einzelnen Länder so:

Slowakei: Hier ist die Radwelt noch in Ordnung

Schon 70 Kilometer nach Wien gibt es mit Bratislava eine wunderschöne Stadt mit entspanntem Flair zu sehen. Die Slowakei punktet mit einer top Infrastruktur in punkto Beschilderung, Übernachtung, Essen und Radwerkstätten (Fahrrad richten für 5 Euro). Das letzte Land, in dem noch mit dem Euro gezahlt werden kann und super nette Leute.

Ungarn: Geborgenheit in Großmutters Sprache

„Die Sprache kommt zurück“, ist Katharinas überraschende Erfahrung in Ungarn. Dank ihrer ungarischen Großmutter wurde die Tschechin, die seit 1986 in Deutschland lebt, zweisprachig erzogen. Nach vielen Jahrzehnten Pause stellt sie fest: Sie kann immer noch komplizierte Dinge lesen – und sogar der Slang ist wieder da.

Donauradweg ans schwarze Meer
Du wunderschönes Ungarn: ein Blumenfeld am Wegesrand.

Das hilft auch im Umgang mit den Einheimischen. Von den „bösen rechten Ungarn“, wie es den Medien häufiger zu entnehmen ist, merken die beiden nichts. Sie werden überall super empfangen und fühlen sich geborgen. Die Fahrt führt über Radwege, Landstraßen und Wirtschaftswege.

Serbien: Die positive und negative Überraschung zugleich

Beim Erzählen von Serbien fangen die beiden zum Strahlen an: „Das war die große positive Überraschung unserer Tour!“ Von den Begegnungen mit den großherzigen und hilfsbereiten Menschen und der herrlichen Natur schwärmen sie noch immer.

Donauradweg ans schwarze Meer
Traumblick: Der Karpatendurchbruch in Serbien kurz vor dem Eisernen Tor.

Sobald die Allgäuer auf der Straße stehenbleiben und ihre Karte zücken, kommt sofort jemand und fragt: „Wo wollt ihr hin?“ Dabei packen sie ein paar Brocken Deutsch aus und staunen bei der Antwort. Ans Schwarze Meer? Kopfschütteln. Für viele der dortigen Landbewohner ist Wien schon gefühlt eine Weltreise entfernt.

An einem Tag sitzen Katharina und Bernhard im Café und bekommen einfach mal zwei große Pfirsiche vom Nebentisch geschenkt. Auch unterwegs steckt ihnen immer wieder jemand Obst zu.

Das größte Erlebnis der Tour: Eine alte Frau kommt aus dem morgendlichen Nebel mit Gummstiefel und Plastiktüten zum Zelt gestapft, in der Hand eine Tüte voller Obst und Gemüse „Ich habe euch von meinem Hof aus gesehen und euch Reiseverpflegung mitgebracht“, sagt sie.

Donauradweg ans schwarze Meer
König Decebalus, eine 55 Meter hohe Felsskulptur, grüßt am Karpatendurchbruch – sozusagen der Mount Rushmore Europas. Zu finden ist die Sehenswürdigkeit in Rumänien, fotografiert von serbischer Seite.

Doch nicht alles in Serbien ist Friede-Freude-Radfahrglück. Auf den Transitstrecken, die Radler immer wieder mangels Alternative benutzen müssen, rasen LKW mit 100 km/h und minimalem Abstand an einem vorbei. „Ich fürchte mich sonst vor nichts, doch da hatte ich Todesangst“, berichtet Katharina.

Ähnlich ergeht es den beiden im ersten Karpatentunnel (von 21) auf serbischer Seite. Unbeleuchtet, eng und kurvig. Dazu Autos und LKW, denen Radler relativ egal zu sein scheinen. Beide sind heilfroh, als der Teil der Tour überstanden ist.

Trotzdem würde sie an dieser Stelle jederzeit wieder den Weg über die anstrengende serbische Seite (anstelle des recht flach verlaufenden Stücks auf rumänischer Seite) der Karpaten wählen. Heißt konkret: freiwillig über einen Pass mit 400 Höhenmetern sowie 10 Prozent Steigung und mehr, 40 bis 50 Kilogramm schwere Räder oft schieben und zwischendrin 21 Tunnel durchqueren. Warum? Die grandiose Aussicht von oben auf den Karpatendurchbruch ist jede Minute der Quälerei wert, sagen die beiden.

Rumänien: Wilde Hunde und abklatschen wie bei der Tour de France

Vor den wilden Hunden in Rumänien waren sie gewarnt worden. Wenn dann plötzlich mitten auf der Fahrt ein Rudel aus einem Feld geschossen kommt, ist trotzdem nochmal alles anders. Der beste Rat: einfach stehenbleiben, dann erlischt der Jagdinstinkt. Hat bei den vielen Begegnungen mit den streunenden Vierbeinern geklappt.

Doch was tun, wenn die Fahrt weitergehen soll und sie wieder anfangen zu jagen? Katharina schmunzelt bei der Erinnerung an ihre lautstarke Lösung: „Wenn du nicht aufhörst, kommst du untern Laster.“ Das wirkt.

Der traurige Hintergrund: In Rumänien sind – ebenso wie in Bulgarien und Serbien – die Straßenränder gepflastert mit toten Tieren, die von niemandem entsorgt werden.

Donauradweg ans schwarze Meer
Die Grenzbrücke zwischen Bulgarien und Rumänien. Kein Radweg, alle Fahrzeuge teilen sich die schmalen Fahrbahnen. Ein echter Nervenkitzel.

In den Dörfern selbst die unerwartete Reaktion der Bewohner: Sie stehen am Straßenrand, jubeln den Radlern zu und lassen sich abklatschen. Ein bisschen Star sein wie bei der Tour de France. Auch das ist der Donauradweg ans Schwarze Meer.

Restaurants gibt es dagegen in den armen ländlichen Gebieten so gut wie keine. Auch Einkaufsmöglichkeiten sind rar gesät. Vorausschauend bei der Verpflegung zu planen, erweist sich auf diesem Streckenabschnitt als wertvoll und notwendig.

Nach 5 Wochen Fahrt ist Tulcea am Donaudelta erreicht. Die zwei Rad-Abenteurer haben genauso viele Höhenmeter wie bei einer Alpenüberquerung in den Beinen. Sind stolz, glücklich und können sich im ersten Moment gar nicht mehr vorstellen, wie es sein wird, zu Hause wieder in einem Bett und nicht unter dem Sternenhimmel zu schlafen.

Donauradweg ans schwarze Meer
Am Ziel: Pause für Fahrrad und Mensch im rumänischen Sulina am Schwarzen Meer.

5 Wochen ununterbrochene Hitze sind vorbei. Am Zielort angekommen entlädt sich eine Stunde später ein heftiges Gewitter samt Abkühlung um 20 Grad.

Doch noch bleiben zwei Wochen, bis Katharinas Tochter die beiden abholt. Also erst noch vom Donaudelta bis nach Constanta, um dort in Ruhe entspannte Tage ohne schmerzende Hintern zu verbringen.

Auf Nachfrage, wie weit es bei der Querung des Deltas von Sulina nach Sfantu Gheorghe ist (von dort aus sind es noch rund 200 Kilometer bis Constanta), kommt die Antwort: „Very far away.“ Aus Sicht des Einheimischen sind die 35 Kilometer verdammt weit. Katharina und Bernhard lachen und erzählen: „Wir sind gerade 2300 Kilometer gefahren.“ Wieder mal fassungsloses Staunen auf der anderen Seite.

Das Fazit: „Sei freundlich und hab keine Angst vor wilden Hunden“

Und was bleibt als Fazit der siebenwöchigen Reise? In erster Linie, dass viele Dinge in der Realität ganz anders aussehen als in unserer Vorstellung.

Vor allem bei der Frage, wie gefährlich es ist, wenn wir uns auf fremdem Terrain bewegen. Vor vielen Orten, gerade in Rumänien, waren Katharina und Bernhardt gewarnt worden. Erlebt haben sie unglaublich viel Herzlichkeit und Gastfreundschaft, egal wo sie entlangkamen.

„Sei friedlich zu den Menschen und hab keine Angst vor wilden Hunden. Fahre langsam durch die Orte, grüße freundlich und wenn du lächelst, kriegst du viel Positives zurück“, sagt Katharina und lächelt.

Bildnachweis:

Fotos: Katharina Auerswald

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