Der Mittlere Westen: Im Land der Lakota

„Entering Pinridge Indian Reservation“ steht auf dem Holzschild am Rande des Highways. Dahinter zeichnen sich in der Ferne die schroffen Berggipfel der Badlands ab, sonst gibt es hier vor allem eines im Überfluss: Steppe, oder wie man sie in Nordamerika nennt „Prärie“. Ein paar grasende Büffel und schon ist man mittendrin in der perfekten Kulisse für jeden Westernfilm. Das ist der Mittlere Westen.

Stilecht in Tipis: Urlaub bei den Lakota

Das Pinridge Reservat im Südwesten des US-Bundesstaats South Dakota an der Grenze zu Nebraska ist das achtgrößte Reservat der Native Americans der USA und Heimat der Lakota. Heute ist es das Ziel für eine handvoll Touristen, die neugierig sind auf das echte Leben hinter Westernkulisse.

Auf dem Weg zum ersten Reisestopp geht es durch den Badlands Nationalpark zu einer kleinen Gemeinde der Native Americans. Einer der Einwohner wartet bereits, um die Gruppe Willkommen zu heißen. Er trägt weder Indianerfedern noch Wildlederweste, sondern Jeans und Turnschuhe. Das ist auch der Mittlere Westen! Nach einer kurzen Begrüßung führt er die Neuankömmling in ihre Schlafstätten für die nächsten Tage und spätestens jetzt glänzen die Augen aller, die Indianerromane verschlungen und Westernfilme geliebt haben: Stilecht wird in Tipis übernachtet, auch wenn die Lakota selbst mittlerweile eher auf Trailer umgestiegen sind.

Abenddämmerung vor einmaliger Felsenlandschaft

Was die Besucher des Pine Ridge Reservats in den nächsten Tagen erwartet, klingt nach Abenteuercamp: Reiten durch die Weiten der Prärie, Büffelsichtungen, Trommelnbasteln. Einmal Indianer sein, dieser Traum kann für Touristen in Mittleren Westen der USA zur Wirklichkeit werden. Das echte Leben der Ureinwohner sieht anders aus. Für die Lakota ist das Leben hier manchmal ein Albtraum.

Armut hinter Western-Kulisse: Trailercamp statt Karl May

Pine Ridge, die Hauptstadt des Reservats und einst Wohnort des berühmten Häuptlings Crazy Horse, wurde in den 1970er zum Schauplatz gewaltsamer Auseinandersetzungen. Am Ort der letzten Schlacht zwischen Indianern und der US-Kavallerie im Jahre 1890, dem sogenannten „Wounded-Knee“-Schauplatz, kam es 1973 zu Aufständen und Schießereien. In den 70er-Jahren herrschten fast bürgerkriegsähnliche Zustände im Reservat. Heute haben sich die Auseinandersetzungen gelegt, doch die Gemeinschaft leidet unter Alkoholproblemen, Arbeitslosigkeit und Armut. Die Lebenserwartung liegt bei unter 50 Jahre, die Selbstmordrate ist immens hoch. Wieso sollte man ausgerechnet an solch einem Ort Urlaub machen? Die Frage scheint berechtigt. Es heißt, dass die meisten Amerikaner lieber einen Umweg wählen, statt durchs Reservat zu fahren.

Doch es ist wie so oft: Vorurteile überwinden, eigene Erfahrungen machen – das lohnt sich. Wer sich auf das Abenteuer Mittlerer Westen einlässt, der wird beschenkt – mit der Freundlichkeit der Menschen, die trotz misslicher Lage herzlich und offen sind, mit grandioser Natur und Einblicken in eine Kultur, die akut vom Aussterben bedroht ist.

Die prekäre Lage der Lakota ist stellvertretend für die Situation der Native Americans. Vereine und Organisationen bemühen sich um Hilfe. So zum Beispiel der deutsche Verein Tatanka Oyate, der sich vor allem um die Rettung der Sprache der Lakota-Sioux einsetzt. Früher gab es einmal rund 500 indianische Sprachen, doch heute sind viele davon in Vergessenheit geraten.

Es scheint so – als ob nicht nur die Bilder der einst stolzen Indianer langsam aber sicher verblassen.

Vor allem die jungen Nachkommen der Ureinwohner sprechen die Sprache ihrer Vorfahren nicht, denn viele Jahre lang war das Sprechen der Indianersprachen verboten. Sprache ist ein wesentlicher Bestandteil der Identität. Wer spricht, der hat den Schlüssel zur Kultur seiner Vorfahren. Sprache stärkt die Wurzeln, schafft Selbstbewusstsein und gibt Zuversicht. Gerade das können die Native Americans brauchen. Zusammen mit dem „Lakota Language Consortium“ werden Lehrmittel zur Verfügung gestellt.

Auch der Tourismus bietet Chancen für eine bessere Zukunft. Mit einer Infrastruktur für Touristen werden Arbeitsplätze geschaffen. Reiseführer, die Herstellung und der Verkauf von traditionellem Schmuck als Souvenirs, Workshops, Unterkünfte oder Cafés und Restaurants helfen aus der Tristesse und bringen Umsatz, der bei den Bewohner bleibt.

Nicht nur das Geld spielt eine Rolle, auch das Interesse der Besucher an der indianischen Kultur hilft das Selbstbewusstsein der Lakota zu stärken und bringt die jungen Menschen dazu, sich mit ihrer Geschichte und ihrer Kultur auseinanderzusetzen, ein Weg zu den eigenen Wurzeln.

Bison in der Prärie

Fremde Kultur, weite Landschaften

Wer in die Reservats reist, der ist plötzlich mittendrin in einer Welt fremder Rituale und Zeremonien. Die Einblicke in das Wirken der Medizinmänner oder in die Fertigung von Trommeln und Perlen-Schmuck sind beeindruckend. Die Abende am Lagerfeuer mit den reich geschmückten Erzählungen der Ältesten verzaubern. Doch die Kultur der Ureinwohner lässt sich nicht begreifen, ohne an den wichtigsten historischen Stätten gewesen zu sein. Dazu gehören Ausflüge zum „Wounded-Knee“-Schauplatz, wo auch Häuptling Big Foot getötet wurde. Auf dem Ausflugsprogramm steht außerdem der Besuche auf dem Schlachtfeld des Little Big Horn, der Schlacht von 1876, der letzten die die Indianer gewannen. Es geht an bedeutende historische Orte wie Fort Laramie und Fort Robinson und an die vermutlich letzte Ruhestätte des berühmten Lakota Crazy Horse.

Einzigartige Felsformationen und Farben so weit das Auge reicht

Was bei allen Stopps immer wieder auf’s Neue überwältigt ist die Natur.
Die Badlands sind ein weitläufiges Gebiet mit bizarren Felslandschaften und weiter Prärie mit freilebenden Büffelherden. 1990 wurden hier Teile von „Der mit dem Wolf tanzt“ gedreht. Kein Wunder, dass diese Landschaft das Bild des Mittleren Westens prägte.

Das Highlight dieser Reise kommt am Ende. Die letzten Tage verbringen die Reisenden auf der jährlich im August stattfindende „Crow Fair“ in Crow Agency, Montana. Als eines der größten indianischen Volks- und Tanzfeste findet das Spektakel seit 1904 statt. Am ersten Abend zeigen beim „Grand-Entry“ die Stämme ihre farbenfrohen Kostüme. Beim Powwow wird getanzt und gesungen, traditionelle Handarbeit präsentiert, es finden Pferderennen und natürlich Rodeos statt.
Zum Abschluss des Festes findet der große „Parade-Dance“ statt. Mit diesem Gebetstanz erhoffen sich die Indianer des Crow-Stammes eine erfolgreiche Zukunft.

So farbenfroh geschmückt – wird auf dem Powwow getanzt

Eine Reise zu den Native Americans im Mittleren Westen ist ein Geben und Nehmen. Es ist eine Reise in eine fremde Kultur und mitten rein in eine schwierige Lebenssituation der Stämme. Es sind uralte Weisheiten, die die Indianer ihren Besuchern vermitteln. Es sind atemberaubende Landschaften und das Gefühl der Weite, die Eindruck machen. Mit einem verantwortungsbewussten Tourismus bringen aber auch die Besucher eine hoffentlich erfolgreiche Zukunft für die Bewohner der Reservate.

 

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Bildnachweis:

Titelbild: © Depositphoto –  Krzysztof Wiktor

Abenddämmerung: © Depositphoto –  Tomasz Zajda

Häuptling: © Depositphoto –  Tomasz Zajda

Bison: © Depositphoto –  Ken Wolter

Indianerbekleidung: © Depositphoto –  Gregory Johnston

 

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