Isle of Islay: Der Mikrokosmos der Whisky-Welt

Isle of Islay, Whiskytour, Schottland, Ardbeg

Whisky ist Lebenswasser. Zumindest, wenn man die gälische Herleitung uisge beatha wörtlich übersetzt. Während Whisky-Enthusiasten jetzt kräftig nicken und Abstinenzler heftig den Kopf schütteln, steht auf alle Fälle fest: Whisky ist Lebensgrundlage. Zumindest für die rund 3500 Menschen auf der Isle of Islay. Die Insel im Norden Schottlands lebt für, von und mit dem Whisky. Wer nicht in der Landwirtschaft oder in der Fischerei beschäftigt ist, verdient sein Geld in der Regel bei den Destillerien oder im dazu gehörigen Tourismus.

Die weltweit bekanntesten Brennereien auf engstem Raum

Denn die Isle of Islay hat das, was betriebswirtschaftlich landläufig als USP bezeichnet wird, also ein Alleinstellungsmerkmal: 8 Whisky-Brennereien auf engstem Raum. Darunter mit Lagavulin, Laphroiag und Ardbeg sogar 3 der weltweit bekanntesten und legendärsten. Aber auch die anderen 5 – Bruichladdich, Bunnahabhain, Bowmore, Caol Ila und Kilchoman – müssen sich keineswegs verstecken und genießen einen ausgezeichneten Ruf. Die Insel ist somit eine eigene Marke, ein Mikrokosmos der Whisky-Welt, ein Schlaraffenland für Liebhaber dieser ganz besonderen Spirituose. Was dem Rotweinfan das Bordeaux, ist Islay für die Whiskyfans.

Isle of Islay
Lagavulin: Ein winziger Ort mit weltberühmtem Namen – zumindest bei Whiskyfreunden.

Die südlichste und fruchtbarste Insel der Inneren Hebriden erstreckt sich gerade einmal über eine Länge von 40 Kilometern bei einer maximalen Breite von 32 Kilometern. Das heißt, eine Whiskytour zu allen 8 Brennereien wäre locker an einem Tag zu schaffen. Die 3 Top-Stars Ardbeg, Lagavulin und Laphroiag liegen sogar in direkter Nachbarschaft am Meer und sind nur kürzere Spaziergänge voneinander entfernt. Aber warum sollte man über Islay hetzen? Ein guter Whisky braucht seine Zeit zum Reifen – mindestens 3, in der Regel aber 10 Jahre und länger. Also gilt auch für die Besucher, sich dem wertvollen Gut und seinen Erzeugern ohne Hektik zu widmen.

Mal ganz abgesehen davon, dass es keine vorteilhafte Idee wäre, nach 8 Whisky-Proben noch mit dem Auto auf der Insel herumzukurven, selbst wenn diese so spärlich besiedelt ist.

Der perfekte Zeitplan: viel Zeit nehmen

Wie sieht also der perfekte Zeitplan für eine Whiskytour auf der Isle of Islay aus? Wer alle 8 Destillerien begutachten will, sollte sich mindestens 4 Tage Zeit nehmen. Eine Führung vormittags, eine nachmittags, dazwischen eine Stärkung mit heimischen Gerichten wie Fisch in den verschiedensten Variationen oder für die Experimentierfreudigeren: Haggis, gefüllter Schafsmagen und eine echte schottische Spezialität. Und danach noch ein Verdauungs- respektive Ausnüchterungsspaziergang, falls es doch nicht bei dem einen, nach der Besichtigung von der Brennerei spendierten, Whisky geblieben sein sollte.

Isle of Islay
Whiskyfässer sind das prägende Bild der Isle of Islay, wie hier vor der Brennerei von Bunnahabhain.

Die noch bessere Alternative stellt ein Besuch des Islay-Festivals dar. Alljährlich strömen in der letzten Maiwoche Tausende von Whiskyfans – darunter ein Großteil aus dem deutschsprachigen Raum – auf die Insel.  Sie feiern zusammen mit den Einheimischen und zelebrieren den Kult um das Lebenswasser. Jede der 8 Brennereien öffnet an einem anderen der 9 Tage ihre Türen für die Öffentlichkeit. Mal in eher familär-ruhigem Ambiente wie bei Lagavulin, mal mit Volksfeststimmung und jeder Menge Unterhaltungsangeboten wie bei Bruichladdich. Aber immer mit der Möglichkeit, die Destillerien bei speziellen Führungen noch intensiver als sonst kennenzulernen.

Isle of Islay
Die Ruhe vor dem Sturm: Während des Islay-Festivals geht es bei Bruichladdich besonders wild zu.

3 Dinge gilt es beim Islay-Festival zu beachten:

1. Wer sich nicht rechtzeitig um ein Fährticket vom schottischen Festland und zurück kümmert (Fahrzeit ca. 2,5 Stunden) hat Pech gehabt. Jede Fähre während der Festivalzeit ist ausgebucht, teils auch noch Tage vorher und nachher.

2. Wer während der Tage der offenen Tür an den Sonderführungen teilnehmen will, sollte sich schon vorher telefonisch oder per Mail anmelden, da die Plätze heiß begehrt sind. Die Mitleidsnummer „armer deutscher Alleinreisender, der nichts von der Anmeldung wusste und sich seine ganze Reise so auf die Führung gefreut hat“ kann zwar in Einzelfällen funktionieren. Aber eine Garantie auf eine Teilnahme ist das nicht gerade.

3. Wer eine Festival-Sonderabfüllung der jeweiligen Brennerei kaufen will, sollte entweder sehr früh aufstehen oder geduldig warten können. Bis man das begehrte Stück in Händen hält, sind Wartezeiten von einer Stunde und mehr eher die Regel als die Ausnahme. So ist das nun mal bei Raritäten.

Pot Stills – die Heiligtümer der Isle of Islay

Selbst für Urlauber, die (noch) nicht zur stetig wachsenden Schar der Whisky-Enthusiasten gehören, lohnt sich ein Besuch der Brennereien. Nirgendwo lässt sich diese Insel besser spüren, riechen, fühlen – und bei den Tastings auch schmecken.

Da ist der Torf, der auf der Insel gestochen wird. Während er abbrennt, trocknet er den Malz und verleiht dem Islay-Whisky dadurch die rauchige Note, für die er weltbekannt ist. Da sind die Pot Stills, also die Brennblasen, das Heiligtum jeder Destillerie. Je nach Größe und Form beeinflussen die kupfer- bis goldfarbenen Schmuckstücke maßgeblich den Geschmack. Da sind die weiß gestrichenen Lagerhäuser (Warehouses), die bis auf Kilchoman direkt am Meer liegen und mit ihren riesigen Schriftzügen beliebtes Fotoobjekt sind. Und in denen Millionenwerte in Sherry-, Bourbon- oder Eichenfässern in der salzigen Seeluft – ein weiterer Grund für das legendäre Islay-Aroma – reifen.

In dieser langen Zeit dürfen nur ganz besondere Wesen kosten: „Angels’ Share“ (Der Schluck der Engel) bezeichnet den Anteil des Whiskys, der während der Lagerung aus dem Fass verdunstet. Weil das Wetter auf Islay recht konstant ist – von 4 Grad im Januar bis 16 Grad im Juli – läuft der Reifeprozess relativ langsam ab. Somit entsteht weniger Angels’ Share und es bleibt mehr des kostbaren Tropfens im Fass.

Dies und jede Menge anderer Fakten bringen die Mitarbeiter der Destillerien den Besuchern bei. Die Begeisterung, mit der sie das tun, reißt mit. Der Stolz auf das edle Produkt, das auf ihrer Insel hergestellt wird, ist greifbar. Keine Führung erstickt in langweiliger Routine. Die Whiskytouristen bekommen tiefe Einblicke in das Herz der Produktionsstätten – und auch jede Menge Anekdoten zu hören.

Spätestens ab der dritten oder vierten Führung hat sich das Ohr so langsam an den nordschottischen Akzent gewöhnt. Falls nicht: Halb so schlimm. Es gibt genug interessante Dinge zu sehen, riechen und schmecken.

Wo top Güter produziert werden, die zu top Preisen auf dem Markt ihre Abnehmer finden, werden große Konzerne natürlich hellwach. Auch auf Islay sind die Zeiten vorbei, in denen die Brennereien allesamt im Eigentum heimischer Mittelständler waren.

Isle of Islay
Zu viel Whisky kann schon mal die Sicht vernebeln, wie hier vor der Bowmore Distillery.

So gehört zum Beispiel die Bowmore-Destillerie dem Konzern Suntory aus Japan, Laphroaig zu Fortune Brands aus den USA und Ardbeg ist Teil des französischen Luxusgüter-Konzerns LVMH. Was sich dadurch vor Ort verändert hat? Nicht viel, sagen die Mitarbeiter. Klar sei das Marketing aufgrund der riesigen Budgets deutlich ausgeweitet worden. Und in einigen Brennereien sind hochmoderne Besucherzentren entstanden. Aber das idyllische Islay-Flair leidet nicht darunter. So kann es durchaus vorkommen, dass der Besucher in der Produktionsstätte eines Milliarden-Konzerns einen unaufgeräumten Fleck zu sehen bekommt, der eher an eine illegale Garagen-Brennerei erinnert als an ein hochmodernes Unternehmen.

Das Whisky-Geschäft boomt seit Jahren wie noch nie

Mit der Schwarzbrennerei fing die Whisky-Produktion Ende des 18./Anfang des 19. Jahrhunderts auf Islay an. Es folgten immer wieder goldene, aber auch stürmische Zeiten. Wie zuletzt in den 1980er Jahren, als der Absatz massiv einbrach und auch auf Islay jede Menge Destillerien geschlossen oder für längere Zeit stillgelegt wurden.

Doch seit Jahren boomt nun das Whisky-Geschäft in einer nie da gewesenen Weise. Mit ihm stiegen nicht nur die Produktionsmengen rapide, sondern wuchs auch der Mut für Investitionen. So gab es 2005 die erste Neugründung einer Brennerei auf Islay seit 124 Jahren. Und Kilchoman wird nicht die letzte neue Destillerie gewesen sein. In Gantbreck, einem ehemaligen Bauernhof südwestlich von Bowmore, steht die nächste Neueröffnung vor der Tür. Islays neunte Brennerei soll noch in diesem Jahr mit der Produktion beginnen.

Für die Insel wird das noch mehr Buchungen bedeuten. Die Gefahr, dass Islay eines Tages das Schild „Überlaufen“ umgehängt bekommt, besteht aber nicht. Selbst während des Festivals gibt es ausschließlich an den Veranstaltungsorten größere Menschenansammlungen. Auf dem Rest der Insel findet weiterhin jeder, der will, unzählige wildromantische Ecken. 30 000 Schafe grasen auf den weiten Flächen und schaffen allein mit ihrem Anblick eine wohltuende Ruhe.

Auf Islay gibt es weder Spektakel, noch spektakuläre Bauten. Einfache Häuser, in denen oft noch mit Torf geheizt wird. Naturbelassene Küstenstreifen ohne Bausünden. Sanfte Hügel und überall eine frische Meeresbrise. Spaziergänge, auf denen man stundenlang kaum einen Menschen trifft. Ein idealer Rückzugsort für alle, die einfach mal mit sich allein sein und ihren Kopf freibekommen wollen.

Die Freude der Einheimischen färbt ab

Wer lieber unter Menschen ist, tut sich ebenfalls leicht. Die Einheimischen fragen gerne nach, was einen auf ihre Insel getrieben hat. Wer sich auf das Gespräch einlässt, hat oft nach kurzer Zeit schon die wichtigsten Geschichten und Neuigkeiten erfahren.

Auf Islay kennt nunmal jeder jeden. Geheimnisse gibt es da nicht. Die Poststelle von Port Ellen ist keine hektische Durchschleuse-Anstalt wie hierzulande, sondern die Kommunikationszentrale der Insel. Hier wird gelacht und getratscht und gerne auch mal die Postkarten-Auswahl von anwesenden Touristen in größerer Gruppe diskutiert.

Die grundsympathische Art der Einwohner versüßt einem auch das kilometerlange Holpern über Islays Straßen. Einem Auto auf der Wellenpiste zu begegnen, heißt zugleich, ein freundliches Lächeln und Winken des heimischen Fahrers zu erhalten. So viel Freude färbt ab. Nach kurzer Zeit auf der Isle of Islay winken sich auch die Urlauber in ihren Gefährten zu.

Isle of Islay
Ein Campingplatz in den Dünen, ein Sonnenuntergang: Islay-Herz, was willst du mehr?

Und das Wetter? Tja, zum klassischen Badeurlaub verschlägt es bestimmt niemand nach Nordschottland. Wobei Islay klimatisch durchaus begünstigt ist, weil der Golfstrom hier stärker wirkt als auf dem schottischen Festland. Deshalb ist es vergleichsweise mild, was in der Regel frostfreie Winter ohne Schnee bedeutet. Gleichzeitig fegen aber im Herbst und Winter oft starke Stürme über die Insel, sodass die meisten Touristen die Zeit von Frühjahr bis Frühherbst für ihre Reise auswählen. Geboten bekommen sie täglich Sonne und Regen im schönen Wechsel.

Die Unbeständigkeit des Wetters kann keine App vorhersagen. Deshalb ein guter Rat: gar nicht drauf schauen, sondern die Bedingungen einfach so nehmen, wie sie sind. Denn eins ist sicher: Nach dem Regenschauer kommt schon bald wieder die Sonne. Dafür steht Islay genauso wie für seinen legendären Whisky.

3 Tipps für die Isle of Islay:

  • Besuch der Insel Jura: 5500 Hirsche, 180 Einwohner, 3 Berge und eine Destillerie – die fünfminütige Überfahrt von Islay auf die menschenleere, hügelige Nachbarinsel lohnt sich auf jeden Fall.
  • Camping Kintra Farm: Zwar darf man sich auf Islay zum Übernachten überall einfach an den Straßenrand stellen. Für einen längeren Aufenthalt lohnt sich aber ein fester Platz. Und einen schöneren als mitten in den Dünen direkt am windumtosten Meer kann man sich als Camper kaum vorstellen. Es gibt dort auch Appartements zu mieten.
  • Metzgerei in Bowmore: Regionaler Einkaufen geht gar nicht. Hervorragendes Fleisch freilaufender Islay-Rinder zu einem großartigen Preis-Leistungs-Verhältnis. Ein Traum für Grillfreunde.

Bildnachweis:

Titelbild: © Depositphotos.com/Jaime Pharr
Restliche Fotos: Mischa Miltenberger

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