Wenn Homosexuelle reisen: Erfahrungen aus weiblicher und männlicher Perspektive

Gibt es einen Unterschied, ob Heterosexuelle oder Homosexuelle reisen? Theoretisch nein, praktisch schon. Das liegt allein schon an der Gesetzgebung in vielen Ländern, in denen Homosexualität unter Strafe steht.

Wir haben den schwulen Reiseblogger Mario (Beingboring) und die lesbische Reisebloggerin Annie (Rainbowfeelings) gefragt, wie sie mit dem Thema umgehen, welche Erfahrungen sie auf Reisen gemacht haben und ob es Länder gibt, die sie lieber meiden.

Laut Statistiken reisen Schwule und Lesben häufiger als Heterosexuelle. Wie sieht das bei dir aus? Und hast du eine Erklärung dafür?

Mario: Ich denke nicht, dass mein Partner und ich uns in dieser Hinsicht von Heteros unterscheiden. Aufgrund meiner Arbeit habe ich auch  gar nicht mehr so viel Zeit zum Verreisen. In der Regel machen wir einen längeren Urlaub (ca. 10 Tage) im Winter und einen einwöchigen Urlaub im Sommer. Dazwischen fallen dann vielleicht noch einige kürzere Wochenendtrips. Ansonsten können Homosexuelle vielleicht häufiger verreisen, weil sie ein doppeltes Einkommen und keine Kinder haben.

Annie:  Ich bin schon immer gerne und so viel wie möglich gereist und sehe meine Reiseliebe unabhängig von meiner Sexualität. Eine mögliche Erklärung für die Ergebnisse der Statistik könnte sein, dass Lesben und Schwule seltener Kinder haben als Heteros und somit mehr Zeit und Geld haben, auf Reisen zu gehen. Allerdings weiß ich es nicht, da müsste man vielleicht mal eine weitere Studie dazu machen.

Homosexuelle reisen
Die Welt ist bunt und darf so sein: Das drückt Annie auf Reisen auch gern durch ihre T-Shirts aus.

Während der typische Hetero sich einfach ein Urlaubsziel aussucht und bucht, ist das Reisen für Homosexuelle in einigen Ecken der Erde nicht ganz ungefährlich. Schließlich steht Homosexualität noch immer in über 70 Ländern unter Strafe, in einigen wie dem Iran oder Saudi-Arabien sogar unter Todesstrafe. Gibt es für dich eine Blacklist von Ländern, in die du deshalb niemals reisen würdest?

Mario: Ganz im Gegenteil: Der Iran steht auf meiner Reisewunschliste sogar ganz oben. Auch die Stadt Mekka in Saudi-Arabien finde ich sehr faszinierend, aber eine Reise dorthin dürfte als Nichtmuslim ohnehin unmöglich bleiben. Wir haben aber selbst schon an uns beobachtet, dass wir uns in sogenannten homofeindlich eingestellten Ländern (z.B. in Osteuropa oder in muslimischen Länder) sogar besonders wohl fühlen. Das liegt vermutlich daran, dass wir trotz unserer Homosexualität eher konservativ eingestellt sind und eine traditionelle Lebensweise bevorzugen. Die schrille, bunte Gay-Szene ist nicht unsere Welt. Wir wählen sogar die CDU! 😉

Annie: Meine absolute Blacklist sind natürlich die Länder, in der Homosexualität mit dem Tod bestraft wird. Aber auch die anderen Länder, in denen lesbisch sein per Gesetz verboten ist, stehen jetzt nicht unbedingt auf meiner Top 10 Reiseziele-Liste. Ich möchte einfach nicht das Gefühl haben, in einem Land zu sein, in dem ich illegal bin. Auch wenn die Gesetze oftmals nur bzw. hauptsächlich an einheimischen LGBTs (Anm. d. Red: das ist die internationale Abkürzung für Lesbian, Gay, Bisexual und Transgender) angewendet werden und Touris oft verschont werden, halte ich mich doch lieber in Ländern auf, in denen ich mich sicher fühlen darf. Das ist ein großes Privileg, das ich als deutsche Reisende habe: Ich bin in einem Land geboren, das mich für meine sexuelle Orientierung nicht in den Knast wirft und kann mir aussuchen, in welchen Orten der Welt ich mich aufhalten möchte. Vielen andere LGBTs in der Welt haben dieses Privileg leider nicht.

Wie informierst du dich? Und wie wichtig ist der Gay-Travel-Index, der jährlich drüber berichtet, wie schwulenfreundlich oder feindlich ein Land ist?

Mario: Wir sind die typischen Pauschalurlauber. Die exotischsten Länder, in denen wir je waren, waren Dubai und Thailand. Das hat aber nichts mit unserer Homosexualität zu tun, sondern vielmehr damit, dass wir Wert auf klimatisierte Hotels, saubere Toiletten und eine nicht allzu lange Anreise legen. Wir verreisen überwiegend zur Erholung und sind viel zu bequem, uns auf exotischere Reiseziele einzustellen.

Annie: Wikipedia ist tatsächlich meine erste Anlaufstelle, hier gibt es meistens einen kurzen Absatz zur rechtlichen Situation im jeweiligen Land. Durch Facebookgruppen und lesbische Foren finde ich immer auch andere lesbische Reisende, die mir Tipps zur gesellschaftlichen Situation geben können. Nur, weil Homosexualität in einem Land nicht per Gesetz bestraft wird, heißt das noch lange nicht, dass ich dort mit meiner Freundin sicher reisen kann. Den Gay-Travel-Index finde ich cool, da er einen generellen Überblick über die einzelnen Länder bietet. Allerdings bedeutet schwulenfreundlich oder -feindlich nicht zwangsläufig, dass das Gleiche auch für Lesben gilt. Es stimmt zwar, dass z.B. in über 70 Ländern Homosexualität verboten ist, allerdings gilt das „nur“ in gut 40 Ländern auch für Lesben. In den anderen Ländern ist die männliche Homosexualität gemeint. Auf der anderen Seite erleben Frauen oft gesellschaftlichen Sexismus, der in den meisten Ländern (offen) lesbische Pärchen noch mehr trifft als Heterofrauen. Dies, und einige weitere Unterschiede, werden vom Gay-Travel-Index einfach nicht berücksichtigt.

Wenn du dich für ein Urlaubsland entscheidest, in dem Homosexualität offiziell verboten ist: Welche Vorkehrungen triffst du? Planst du in dem Fall besonders exakt, zum Beispiel, in welche Region des Landes du reist oder welche Unterkunft du buchst?

Mario: Das einzige bisher von uns besuchte Land, das in diese Kategorie fällt, ist wohl Dubai. Dort droht für „Unzucht mit einem Mann“ im Extremfall die Todesstrafe. Wir haben uns dort aber trotzdem wie immer verhalten und uns dort sehr wohl gefühlt.

Übrigens muss man auch zwischen den Gesetzen und den einheimischen Menschen in diesen Ländern unterscheiden: Ich bin in meinen Leben noch nie so häufig in der Öffentlichkeit so offensichtlich von anderen Männern angeflirtet worden wie in Dubai. Dort kannst Du auf vielen öffentlichen Toiletten den geilsten Sex haben. Oder man geht in ein Hamam, um gleichgesinnte Männer zu treffen, zum Beispiel in Istanbul. Freunde schwärmen zudem von den Hamams in Syrien (vor dem Krieg natürlich) oder dem Libanon. Solch eine Cruising-Kultur gibt es ja in Deutschland und der westlichen Welt leider kaum noch, da alle nur noch Pornos im Internet schauen und sich zuhause vor dem Computer einen runterholen.

Annie: Das kommt natürlich auf das Land an. In einigen Ländern existiert das Gesetz nur noch auf dem Papier, wird aber nicht weiter angewendet. In andere Länder würde ich, wie gesagt, gar nicht erst hin fahren. Da meine Freundin und ich beide Spontanität lieben, planen wir generell sehr wenig. Wir vertrauen darauf, dass immer das zu uns kommt, was wir gerade brauchen. Das klappt wunderbar, ganz unabhängig von unserer Sexualität.

Wie verhältst du dich in so einem Land vor allem, wenn du mit Partner unterwegs bist? Wie viele Kompromisse bist du bereit einzugehen bzw. wie fühlt es sich an, wenn man sich um der eigenen Sicherheit willen verstellen muss?

Mario: Wir verhalten uns wie immer: Auch im deutschen Alltag gehen wir nicht Hand in Hand spazieren oder küssen uns in der Öffentlichkeit. Daher müssen wir uns auf Reisen nicht großartig verstellen. Außerdem bin ich der Meinung, dass alle Menschen – ob Homo oder Hetero – sich an die Sitten der Länder anpassen müssen. Wir erwarten das schließlich auch von unseren ausländischen Mitbürgern. Gegenseitigen Respekt muss man sich verdienen.

Annie: Bisher war ich noch nie mit meiner Freundin in einem Land, in dem unsere Liebe illegal war. Und das wird vermutlich auch so bleiben, es sei denn wir haben einen wichtigen Grund dafür. So haben wir zum Beispiel einmal eine Reise nach Weißrussland gemacht, um uns mit anderen LGBTs dort zu vernetzen und ein Projekt gegen Homophobie durchzuführen. In Weißrussland ist Homosexualität zwar nicht verboten, allerdings gesellschaftlich nicht akzeptiert, sodass wir nicht offen als Pärchen sichtbar sein konnten. Obwohl es natürlich kein schönes Gefühl ist, sich als jemand anderes auszugeben, als man ist, war es schon okay. Das Projekt und unser Wunsch, damit etwas zuverändern, waren in dem Moment einfach wichtiger.

Selbst in Ländern, die nicht direkt mit Strafen drohen, ist der offene Umgang mit Homosexualität im täglichen Leben nichts Alltägliches. Welche Erfahrungen hast du damit gemacht bzw. wie haben Menschen in anderen Ländern reagiert, wenn ihr eure Liebe offen gezeigt habt?

Mario: Wir haben noch nie negative Erfahrung gemacht. Da wir uns – wie oben geschrieben – jedoch meistens eh sehr diskret verhalten, kann ich dazu aber auch nicht viel sagen.

Mein Mann und ich betreuen jedoch seit eineinhalb Jahren eine Gruppe von 10 bis 15 männlichen Flüchtlingen aus Syrien und dem Irak. Die meisten sind Muslime, dazu eine Handvoll Jesiden und Christen, und die haben gar kein Problem damit, dass wir schwul sind. Sie gehen in unserem Haus ein und aus und wir werden zu Ihnen nach Hause eingeladen. Einige haben gefragt, wo unsere Frauen sind, als sie zum ersten Mal bei uns zuhause waren. Wenn wir ihnen dann erzählen, dass wir als Männer zusammen leben und sogar verpartnert sind, dann zucken sie mit den Schultern und sagen: „Das ist in unserem Land gesetzlich nicht möglich, aber für uns ist das kein Problem.“ Stattdessen fragen sie sogar neugierig, ob wir auch auf dem Standesamt waren.

Mittlerweile haben wir mehr muslimische als christliche Freunde und bisher hat es KEINEN gestört, dass wir schwul sind.

Annie: Die meisten Begegnungen, die wir auf Reisen hatten, waren wunderschön. In vielen Ländern können wir uns auf der Straße sogar sicherer fühlen als in einigen Gegenden in Berlin. Das Coole am offen und sichtbar lesbisch sein ist, dass du relativ leicht Kontakt zu anderen LGBTs im Land bekommst, woraus zum Teil wunderschöne Freundschaften entstanden sind. Ja, es gab auch negative Erlebnisse. Aber selbst in den schwierigsten Situationen haben wir bisher immer Support und Unterstützung von anderen tollen Menschen bekommen.

Wer auf Nummer sicher gehen und auf Reisen ungestört und unkompliziert unter Gleichgesinnten bleiben will, für den gibt es speziell zugeschnittene Angebote wie zum Beispiel Gay-Kreuzfahrten. Oder Inseln wie Gran Canaria, Ibiza oder Mykonos, auf denen Homosexualität im öffentlichen Leben völlig normal ist. Was hältst du von diesen sogenannten Gay-Ghettos? Reist du selbst lieber flexibel und individuell?

Mario: Wir reisen am liebsten flexibel und individuell. Wir gehen auch in Deutschland kaum in die Schwulenszene, daher sind uns solche Gay-Ghettos eher ein Graus. Wir haben schon oft überlegt, ob wir mal eine Gay-Kreuzfahrt buchen sollten, uns bisher aber immer dagegen entschieden. Stattdessen haben wir ganz bieder auf der Queen Mary 2 den Atlantik überquert. Die Hetero-Paare, mit denen wir uns während der Reise den Tisch geteilt haben, hatten übrigens auch keine Probleme mit uns. Wir sind heute noch mit ihnen befreundet.

Annie: Gay-Ghettos finde ich ein sehr hartes Wort. Gerade die Orte, an denen sich hauptsächlich LGBTs aufhalten, gibt vielen LGBT-Reisenden den Raum, den sie brauchen, um diskriminierungsfrei – oder zumindest diskriminierungsarm – Urlaub machen zu können. Etwas, dass wir selbst im Alltag in Deutschland oftmals nicht erleben. Für mich persönlich kommen allerdings keine organisierten Reisen in Frage, egal welcher Art. Dafür liebe ich meine Freiheit zu sehr.

Was ist dein absolutes Lieblingsreiseziel? Und warum fühlst du dich gerade dort besonders wohl?

Mario: Unser absolutes Lieblingsreiseziel ist ausgerechnet Gran Canaria! Natürlich gehen wir dort auch mal in die Dünen von Maspalomas und ins Yumbo Center – am meisten fasziniert uns jedoch die Gebirgslandschaft der Insel. Wir waren schon auf vielen anderen Kanareninseln, aber mindestens einmal im Jahr müssen wir nach Gran Canaria fliegen. Weil wir schon so oft dort waren, ist es mittlerweile wie ein zweites Zuhause und an jedem Ort haben wir eine besondere, gemeinsame Erinnerung. Trotzdem entdeckt man jedes Jahr noch etwas Neues. Und wir haben dort schon viele tolle Männer aus der ganzen Welt kennengelernt.

Annie: Bisher habe ich mich in vielen Ländern total wohl gefühlt, Brasilien, Ecuador, Vietnam, Thailand und Bali waren super schön, nur um einige zu nennen. Ein Lieblingsreiseziel habe ich nicht, beziehungsweise wenn, dann heißt es: „Irgendwo, wo ich noch nicht gewesen bin“.

 

Über die Interviewpartner:

Mario VogelstellerMario hat seinen Blog Beingboring bereits während seines Studiums im Jahr 2006 gestartet. Wie die meisten dieser frühen Blogs war es eher ein Online-Tagesbuch. Mittlerweile arbeitet er seit vielen Jahren selbständig im Bereich SEO und Online Marketing, hat als Kunden hauptsächlich Hotels und Reiseveranstalter und verreist viel mit seinem Freund. So entwickelte sich der Blog über die Jahre langsam in einen Gay-Reiseblog.

Annie RainbowfeelingsAnnie bloggt auf Rainbowfeelings übers lesbische Leben und Lieben. Neben Tipps zum Coming Out, Dating und Beziehung berichtet sie auch über ihre Reiseerfahrungen und schreibt über alles, was speziell für lesbische und queere Reisende wichtig ist.

Titelfoto: Unsplash.com

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