Bhutan – Glücksziele statt Massentourismus im Himalaya

Bhutan, Panoramablick Punakha Kloster in Bhutan, eines der größten Kloster in Bhutan

Darf man von Touristen Eintritt für den Besuch des eigenen Landes verlangen? Darf man sich dem kapitalistischen Profitstreben verschließen und sich stattdessen um das Glück seiner Bürger und um das Wohl der Natur kümmern? Man darf. Genauer gesagt interessiert es die Regierenden in Bhutan nicht, was „man“ darf und „man“ macht. Das buddhistische Königreich macht einfach das, was es für richtig hält – auch wenn es dem üblichen Fortschritts-, Wachstums- und Profitstreben widerspricht.

Oberstes Staatsziel ist nicht die Vermehrung des Wohlstands, sondern das Bruttosozialglück. Sogar in Bhutans Verfassung steht, dass das innere Gleichgewicht der gut 700.000 Einwohner wichtiger ist als wirtschaftlicher Fortschritt. Um die „Gross National Happiness“ sorgte sich schon König Jigme Singye Wangchuck, der 2006 nach 34 Jahren Regentschaft abdankte. Dessen Sohn führte das Land 2008 in eine konstitutionelle Monarchie.

Wie stark kann sich ein Staat der Moderne verweigern?

Somit ist klar: Wer Bhutan bereist, begibt sich in ein ganz und gar außergewöhnliches Land. Eingeklemmt zwischen den Riesenreichen China und Indien zieht der Zwergstaat im Himalaya durch seinen ganz eigenen Ansatz der (Wirtschafts-)Politik das Interesse der Weltöffentlichkeit auf sich.

Dabei tauchen immer wieder dieselben Fragen auf: Reicht es den Einwohnern, wenn ihnen ihre Regierung zwar ein hohes Bruttonationalglück bescheinigt, ihr Lebensstandard aber sehr niedrig und die Arbeitslosigkeit hoch ist? Wie stark kann sich ein Staat der Moderne mit all ihren Folgen verweigern? Und wie lassen sich über viele Jahrhunderte gewachsene Traditionen mit den Rahmenbedingungen des Wirtschaftslebens im 21. Jahrhundert vereinbaren?

Ruhe, Gebetsfahnen und eine Gebetsmühle statt Massentourismus: Das ist Bhutan.
Ruhe, Gebetsfahnen und eine Gebetsmühle statt Massentourismus: Das ist Bhutan.

Bhutan hätte eine einfache Möglichkeit, schnelles Geld zu machen, die Arbeitslosigkeit zu senken und die Einkommen seiner Bürger zu erhöhen: Grenzen auf für den Massentourismus. Doch das wäre aus Sicht der Regierung ein Dammbruch, der zu einer kaum mehr zu kontrollierenden Ausbeutung der Natur führen würde. Stattdessen lautet die Devise: Lieber weniger Touristen, dafür erleben diese eine intakte Natur, saubere Luft und paradiesische Ruhe.

Bhutan erhebt Eintrittspreis pro Person und Tag

Um den Tourismus zu kontrollieren, lässt Bhutan keine Rucksack- und Individualreisenden ins Land. Ausschließlich über Gruppentouren von zugelassenen Reiseagenturen können Besucher das Land erleben. Eine gewisse Steuerung läuft über den „Eintrittspreis“: Bhutan erhebt pro Reisetag und Reisenden eine Pauschale – auch Mindest-Umtauschrate genannt – von 250 Dollar. Diese wird mit Inklusivleistungen der Reise wie Übernachtungen, Essen und Transport verrechnet und ist in den Pauschalreisen schon eingepreist.

Keine individuelle Einreise, dazu Reiserouten, die vom Tourismusministerium vorgegeben sind und nur mit heimischen Fahrern und Reiseführern bestritten werden dürfen: Das klingt auf Anhieb ziemlich spießig, wenig spaßig und nach Einschränkung unserer geliebten Freiheit. Ein kleines Stück weit ist es das ja auch.

Doch nun folgt das große Aber: Wer sich daran nicht stört, hat die Chance, ein überaus faszinierendes und kulturell einzigartiges Land kennenzulernen, vom der er noch lange schwärmen wird. Ein durch und durch farbenfrohes Land mit rustikalem Charme, mit beeindruckenden Klosterburgen, abenteuerlichen Straßen und atemberaubenden Pässen. Eine winzige Ecke dieser Erde, in der das Prädikat „unberührte Natur“ tatsächlich für weite Teile stimmt und nicht nur ein Werbespruch der Tourismusindustrie ist. Hier ist alles etwas grüner, etwas langsamer und etwas höher. Schließlich liegt 80 Prozent der Fläche Bhutans über 2000 Meter.

So wie die Kleinstadt Paro. Gerade einmal 15.000 Menschen leben hier auf 2400 Meter Höhe. Jeder Bhutan-Tourist kennt Paro, schließlich liegt dort der einzige internationale Flughafen des Landes. Im fruchtbaren Paro-Tal mit seinen weiten Reis-Terrassen stehen zudem die ältesten Tempel und Kloster Bhutans.

Tigernest-Kloster
Spektakulär: Das Tigernest-Kloster hat wegen seiner Lage am Abgrund eine große Berühmtheit erreicht.

Das Tigernest-Kloster (Taktsang Gompa) hat wegen seiner spektakulären Lage eine Berühmtheit erreicht, die weit über die Grenzen Bhutans hinausgeht. 700 Meter über dem Paro-Tal wurde es in 3120 Meter Höhe in einen Felsvorsprung gebaut und ist damit DAS Fotomotiv schlechthin. Die dortigen Aus- und Einblicke müssen aber hart erarbeitet werden. Hier gibt es keinen Busparkplatz direkt vor der Sehenswürdigkeit. Hier gibt es genau genommen nicht einmal eine Straße. Bis zur Hälfte des Weges können noch Maultiere und Pferde laufen. Dann ist es auch für die tierischen Helfer zu schmal und es geht nur noch zu Fuß weiter. Die Belohnung für die Strapazen ist aber garantiert.

Selbst gewählte, 1000 Jahre lange Einsamkeit

Ein weiteres architektonisches Meisterwerk im Distrikt Paro stellt die Klosterfestung Rinpung Dzong dar. Sie wurde im 15. Jahrhundert erbaut. Also zu Zeiten, in denen sich Bhutan noch strikt von der Außenwelt isoliert hatte. Die selbst gewählte, mehr als 1000 Jahre lange Einsamkeit wurde erst Anfang der 1990er Jahre durch eine sanfte Öffnung für den Tourismus beendet. Schon wenig später durfte 1993 in den Räumen des Rinpung Dzong für den Spielfilm „Little Buddha“ gedreht werden. Damit bekam die Welt dort draußen zum ersten mal eine Ahnung, welche kulturellen Schätze in dem winzigen Bhutan verborgen sind.

Der Rinpun Dzong von Paro
Der Rinpun Dzong von Paro ist nur eine von vielen beeindruckenden Klosterburgen Bhutans.

Eine Allergie gegen buddhistische Tempel und Klosterfestungen darf man als Bhutan-Reisender auf keinen Fall haben. Schließlich führt eine Rundreise zwangsläufig an so vielen kulturellen Sehenswürdigkeiten vorbei, dass man sich hinterher beim Betrachten der Bilder öfter einmal fragt: „Wo war das und wie hieß das noch mal?“ Mit großer Wahrscheinlichkeit wird auch der Tempel Kyichu Lhakhang in Paro auf dem Programm stehen – im 7. Jahrhundert gegründet und damit eines der ältesten buddhistischen Klöster Bhutans.

Der Erhalt von Traditionen und religiöser Kultur ist ein zentrales Element des bhutanischen Bruttosozialglücks. Das geht sogar so weit, dass aus Rücksicht darauf seit 2003 das Bergsteigen im gesamten Land verboten ist. Denn dort oben wohnen die Götter – zumindest nach buddhistischem Glauben – und die dürfen nicht gestört werden.

Als die Gipfelstürmer zwischen 1983 und 1994 noch im Gebirge unterwegs sein durften, bissen sie sich am Gangkhar Puensum, mit 7570 Metern dem höchsten Berg Bhutans, die Zähne aus. Vier Expeditionen scheiterten. Somit ist er der höchste Berg der Welt, auf dessen Gipfel noch nie ein Mensch stand. Das beschert ihm eine Ausnahmestellung in der Geschichte des Himalaya-Bergsteigens.

Fernsehen und Internet sind seit 1999 erlaubt

In Hinblick auf die moderne Technik sind die Regeln nicht mehr ganz so streng. Seit 1999 sind Fernsehen und Internet erlaubt, seit gut einem Jahrzehnt auch Mobiltelefone. Anders dagegen beim Rauchen. Das war früher gestattet, ist mit Hinblick auf eine gesunde Bevölkerung aber seit 2004 verboten.

Ob alle Einwohner damit glücklich sind, ist nicht bekannt. Für die offizielle Glücksbefragung ziehen in Bhutan alle par Jahre Beamte los. Mit Fragebögen ausgestattet geht es von Haus zu Haus. Die Regierung will zur Steigerung des Bruttosozialglücks von den Menschen unter anderem wissen, wie viele Freunde sie haben und wie viel Zeit sie mit ihrer Familie verbringen.

Bhutan Mönche, Neulinge Bhuddismus
Religion steht in Bhutan ganz oben auf der Tagesordnung: Hier lernen Neulinge die Lehren des Buddha.

Das entschleunigte Leben ohne die gnadenlose Profitjagd des Kapitalismus wirkt auf alle Fälle sehr entspannend. Immer mehr Urlauber wollen diese eigene Welt einmal auf sich wirken lassen. Die Zahlen steigen stetig an, inzwischen auf mehr als 50.000 Besucher pro Jahr. Zum Vergleich: So viele Touristen besuchen Rom im Schnitt pro Tag.

So wie sich in Rom wohl kein Besucher das Kolosseum entgehen lassen wird, kommt in Bhutans Haupstadt Thimpu niemand an der Top-Sehenswürdigkeit vorbei: einem Verkehrspolizisten. Oder besser gesagt der lebenden Verkehrsampel.

Die rund 70.000 Einwohner fanden es nämlich viel zu unpersönlich, als die erste Ampel in ihrer Stadt aufgebaut wurde. Sie protestierten so lange dagegen, bis dieses aus ihrer Sicht schreckliche Werk der Moderne wieder verschwand. Jetzt regelt wieder ein Polizist den Verkehr und Thimpu darf sich mit dem Titel „Einzige Hauptstadt der Welt ohne Ampel“ schmücken.

Denkmal nahe der Hauptstadt Thimpu auf 3100 Meter am Dochu La Pass
Schöne Aussicht: Dieses Denkmal nahe der Hauptstadt Thimpu liegt auf 3100 Meter am Dochu La Pass.

Außer diesem Kuriosum gibt es in Thimpu jede Menge anderer spannender und bemerkenswerter Dinge zu sehen. Auf rund 2800 Meter gelegen breitet sich die Stadt am Fluss Wang Chu aus. Die Klosteranlage Trashi Chhoe Dzong aus dem 13. Jahrhundert wird heute als Regierungssitz genutzt. Mindestens genauso imposant wirkt der Dechenchoeling-Palast, die offizielle Residenz des Königs. Eine riesige Buddha-Statue steht auf dem Berg Kuensel Phodrang und hat die ganze Stadt im Blick.

Auch der Besuch der Nationalbibliothek und des Nationalen Postamtes mit seinen berühmten bhutanischen Briefmarken gehören zum Pflichtprogramm. Auf dem Platz des Glockenturms kann man das Leben der Mini-Hauptstadt auf sich wirken lassen. Geschäfte und Restaurants laden zum Verweilen mit Blick auf die wunderschönen bhutanischen Gebetsräder ein.

Eines der letzten echten Naturparadiese der Welt

Bhutan ist aber nicht nur eine Aneinanderreihung von Dzongs, also den Klosterburgen, in denen bis heute die weltliche und kirchliche Macht unter einem Dach wohnen. Bhutan ist vor allem eines der vielleicht letzten Naturparadiese dieser Erde. Unter dem staatlichen Schutz vor unliebsamen Eingriffen dürfen hier seltene Tiere und Pflanzen wachsen und gedeihen. Jede Menge bemerkenswerter Wildreservate und Nationalparks vermitteln dem Besucher die einzigartige Flora und Fauna des Landes.

Der Jigme-Dorji-Nationalpark im Norden Bhutans ragt im wahrsten Sinne daraus hervor. Mit 4300 Quadratkilometern ist er der größte Nationalpark des Landes. Eingerahmt wird er von den über 7000 Meter hohen Bergriesen des Himalayas. Nahe an der chinesischen Grenze können Reisende eines der artenreichsten Schutzgebiete auf dem gesamten indischen Subkontinent erleben. Die scheuen Schneeleoparden haben hier eines ihrer wenigen verbliebenen Rückzugsgebiete. Zugleich ist der Nationalpark Lebensraum für den Himalaya-Schwarzbären, den Roten Panda und für unzählige Kräuter und Pflanzen, die für die Herstellung traditioneller Medizin verwendet werden.

Bhutan Paro Tsechu (Festival)
Wer als Reisender Glück hat, erlebt farbenprächtige religiöse Feste, wie hier das Tsechu Festival in Paro.

Im bhutanischen Zentralland liegt der 1000 Quadratkilometer große Royal-Manas-Nationalpark. Er beheimatet viele Wildtiere wie Elefanten, Bären, Tiger und Leoparden. Auch in den Wildreservaten von Bomdeling, Khaling, Phibsoo, Sakteng und Toorsa Strict darf die Natur noch tun und lassen, was sie will – und somit zur Bewahrung des Bruttosozialglücks beitragen.

Und was heißt nun Glück für einen Reisenden in Bhutan? An manchen Tagen einfach, dass man ein Ziel nach langer Fahrt über kurvige und gerne auch holprige Straßen oder Hochgebirgspässe tatsächlich erreicht.

So wie die kleine Stadt Tronsga, hoch oben auf 2800 Meter an einem Hang in spektakulärer Landschaft gelegen. Den gewaltigen Dzong sieht man schon früh. Doch bis sich das Fahrzeug zum Ziel empor geschlängelt hat, dauert es gut und gerne noch eine Stunde.

Bhutan kann in der Tat glücklich machen

Die Entdeckung der Langsamkeit in majestätischer Berglandschaft, fernab des üblichen Trubels und umgeben von entspannten Menschen: Ja, das kann in der Tat glücklich machen. Bhutan bietet einen überaus spannenden Gegenentwurf zum westlichen Materialismus. Wo zwischen diesen beiden Extremen das wahre Glück der Menschen liegt, darüber wird wohl ewig philosophiert werden, ohne dass es eine endgültige Antwort gibt. Nicht in Bhutan, und nicht im Rest der Welt.

Dazu passend: Offizielle Tourimus-Website

Bildnachweis:
Titelbild: © Depositphotos.com/Avik Chakraborty
Gebetsfahnen: © Depositphotos.com/Wouter Tolenaars
Tigernest-Kloster: © Depositphotos.com/Vladimir Gramadskikh
Rinpun-Dzong: © Depositphotos.com/Jan Willem Van Hofwegen
Junge Mönche: © Depositphotos.com/hanavut Chao-ragam
Denkmal Thimpu: © Depositphotos.com/Fritz Hiersche
Tsechu Festival: © Depositphotos.com/Steve Allen

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