Surfen in Portugal: Perfekte Stelle für die perfekte Welle

Two surfers ready to enter the sea in Arrifana Beach, Algarve Portugal

Wo ist Braulio hin? Gerade noch stand der portugiesische Surflehrer mit seiner roten Kappe hüfttief im Wasser am Strand von Arrifana und rief lautstarke Anweisungen gegen den Wind. Doch nun ist nichts mehr von ihm zu sehen. Eine hohe Welle hat den 1,70-Meter-Mann überspült. Eine, wie er sie liebt – vor der die Anfänger seiner Gruppe, die gerade das Surfen in Portugal lernen wollen, aber noch ziemlichen Respekt haben.

Doch schon taucht der Kopf des braungebrannten Mit-Dreißigers wieder auf. Und weiter geht’s mit dem Versuch, seinen Schülern die ersten Erfolgserlebnisse im Spiel mit den Wellen zu ermöglichen. „Paddle, Sarah, paddle!“, ruft er. „Paddle, Anna, paddle!“ Und „Paddle, Alex, paddle!“

Kein Erfolg ohne die richtige Armarbeit auf dem Brett. Gilt für blutige Anfänger genauso wie für Profis. „No paddle, no surf“, heißt das in der Surfersprache. Ganz einfach.

Gepaddelt und gesurft wird an der ganzen portugiesischen Westküste. Die Felsen an der Hunderte Kilometer langen Steilküste mit seinen malerischen Steingruppen fallen quasi senkrecht ins Wasser und bilden alle paar Kilometer eine Ausbuchtung. Hier werden die Bretter ausgepackt. Hier stapfen die Sportler hinunter ans Wasser. Hier kämpfen sie sich durch die Wellen erst einmal hinaus, um dann draußen auf den perfekten Moment zu warten, um nach dem Anpaddeln aufs Board zu springen und gekonnt ein paar Sekunden Glücksgefühl zu genießen. Die Strände in atemberaubender Landschaft bieten die perfekte Kulisse für die Wellenreiter, die Wilden des Wassers, und ihre Beobachter draußen an Land.

Surfen in Portugal
Praia da Amado – ein Traumstrand an der Algarve, nicht nur für Surfer.

Kein Wunder, dass Portugal inzwischen Anlaufstation Nummer eins für Surfer auf diesem Kontinent ist. Die Atlantikküste gilt als das Kalifornien Europas und bietet Surfspots für jeden Geschmack. Für den Neuling, der noch mit leicht wackligen Beinen im Wasser steht und sich fragt, wann er denn endlich zum ersten Mal auf dem Brett aufstehen wird, genauso wie für die Weltklassesportler, denen die Wellen gar nicht hoch genug sein können.

So wie Big-Wave-Surfer Garrett McNamara, der am 28. Januar 2013 vor Nazaré in Mittelportugal die höchste Welle aller Zeiten surfte. Rund 30 Meter hoch soll sie gewesen sein. Die Folge: Nazaré ist seitdem weltberühmt.

Jede Menge Weltklassesurfer verbringen die Wintermonate nicht mehr nur auf Hawaii, sondern auch in Portugal. Außer Nazaré sind noch viele weitere Surfstrände weit über die Grenzen der europäischen Surfszene hinaus bekannt, wie zum Beispiel die Spots rund um Porto und Lissabon, in Portugals Surfzentrum Peniche, am Fischerort Ericeira – 2011 zum ersten Surfreservat Europas ernannt – und an der Algarve rund um Sagres.

Perfektes Klima für Wellenreiter

Surfen in Portugal geht dank des perfekten Klimas das ganze Jahr über. Die Wassertemperaturen liegen zwischen 18 Grad im Sommer und immer noch 13 Grad im Winter, an der Algarve im Süden ein paar Grad wärmer. Aber noch ein zweiter Punkt ist entscheidend für das Surfvergnügen: Durch die westlich ausgerichtete Küste profitiert Portugal von sehr vielen Swells.

Als Dünung oder auch Swell bezeichnet man eine Grundwelle, die über tausende Kilometer durch die Ozeane läuft und nicht von aktuellen Ereignissen, wie beispielsweise Wind herrührt. Trifft dieser Swell wieder auf flacher werdende Gewässer oder eine Küste, so baut sich die Welle wieder auf. Und wenn sie dann bricht, jubilieren die Surfer und reiten auf ihrem Kamm, solange es geht – oder werden unsanft abgeworfen. Eine Flaute an surfbaren Wellen gibt es höchstens einmal im Hochsommer. Dann heißt es für diesen Tag: Sachen packen und zum nächsten surfbaren Strand fahren, der spätestens in 30 Minuten erreicht ist.

Surfen in Portugal
Softboards in Reih und Glied: Auch in Surfcamps muss alles seine Ordnung haben, wie hier am Praia do Amoreira.

Die Surfcamp-Saison beginnt im Süden im März, im Norden im April und endet im November oder Dezember. Hauptsaison ist während der Ferienzeiten im Sommer. Dann ist im Wasser oft so viel los, dass die surfbegeisterten Einheimischen eine Weile auf das Vergnügen verzichten und erst an ruhigeren Tagen wieder ins Wasser gehen. Oder noch eine Stelle kennen, die sich unter den Surftouristen noch nicht herumgesprochen hat. Wo sie nicht Dutzenden Surfschülern in ihren neongelben Leibchen ausweichen müssen. Ganze Familien versuchen teilweise gleichzeitig, die Balance auf dem Brett zu finden oder zu halten.

Längst vorbei sind die Zeiten, in denen Surfen nur ein Sport für verwegene junge Männer war. Sie sind noch in der Mehrzahl, aber junge Mädchen und Frauen gehören inzwischen genauso selbstverständlich ins Bild wie Kinder oder Männer, die ihren 40. oder 50. Geburtstag schon hinter sich haben.

Der Lieblings-Anlaufpunkt ist die Algarve, die sich ganz im Süden Portugals auf einer Breite von 150 Kilometern von Spanien bis zur atlantischen Westküste erstreckt. Der 50 Kilometer tiefe Küstenstreifen bietet all das, was Urlauber gemeinhin als paradiesische Zustände ansehen: angenehme Temperaturen das ganze Jahr über, 3000 Stunden Sonnenschein an 300 Sonnentagen, malerische Städte mit maurischer Geschichte, heimelige Fischerdörfer, feine Sandstrände mit türkisblauem Wasser umgeben von beeindruckenden Fels- und Schieferformationen an der Südküste und eben die rauere Westküste, an der der Wind die Wellen schon einmal haushoch auftürmt und dann gegen die Felsen oder auf den Strand krachen lässt.

Surfen in Portugal
Die beeindruckende Steilküste beginnt am Cabo de Sao Vicente, dem südwestlichsten Punkt Europas.

Wer an der Algarve Urlaubt macht, gehört in der Regel einer von zwei Gruppen an: Da sind auf der einen Seite die klassischen Ganztags-Entspanner, die an der Südküste von Faro bis Lagos an den oft voll besetzen Stränden liegen, sich bräunen lassen, einen kühlen Drink in der Strandbar genießen und abends im Ort die Nacht zum Tag machen. Den Übergang von Gruppe eins zu Gruppe zwei markiert Sagres. Ein Küstendorf mit 2000 Einwohnern, kurz vor dem Cabo de São Vicente – dem berühmten Leuchtturm, der das südwestlichste Ende Europas markiert (und in dessen Nähe es übrigens die „letzte Bratwurst vor Amerika“ zu kaufen gibt).

Surfen in Portugal
Einiges los im Line-up: Die kleinen schwarzen Punkte sind Köpfe von Surfern, die auf eine gute Welle warten.

Wer es bis hierher geschafft hat, der weiß, warum selbst für die Portugiesen die Algarve bis vor 40 Jahren noch eine kaum beachtete Region war, die gefühlt am Ende der Welt liegt. Doch mit dem Ende der ein halbes Jahrhundert währenden Diktatur 1974 kam der Tourismus ins Rollen. Zuerst an der Südküste, später dank der Surfer auch an der Westküste. Somit ist Sagres ein perfektes Beispiel. Noch vor geraumer Zeit von den klassischen Badeurlaubern links liegen gelassen, hat sich das Örtchen nicht nur zu einem Hotspot der vielen Wellenreiter, sondern auch des Nachtlebens entwickelt.

Camper am Strandparkplatz – so sieht echte Freiheit aus!

Wer von Sagres aus Richtung Norden fährt, tauscht Nightlife gegen das pure Surferlebnis. Natürlich gibt es auch an der Westküste noch Strandbars, an denen es abends mal länger wird. Aber wer sich den ganzen Tag in die Wellen stürzt, sehnt nach dem Abendessen schon bald den erholsamen Schlaf herbei. Und so verschwinden die Surfer einer nach dem anderen in ihre Unterkünfte – in Hostels, Appartements oder direkt in ihrem Surfcamp.

Wer die Sehnsucht nach Unabhängigkeit komplett ausleben will, ist natürlich mit dem eigenen Camper da. Einträchtig stehen die teils mehrere Jahrzehnte alten Gefährte am Strandparkplatz nebeneinander und vermitteln dem Betrachter: So sieht echte Freiheit aus!
Portugal war schon immer ein beliebtes Ziel von deutschen Aussteigern. Ein Hauch davon ist in der Surfszene noch deutlich zu spüren. Irgendwie passend zu einem Land, das sich damals durch einen friedlichen Aufstand aus der Knechtschaft ihres Diktators befreit hat. Bei der so genannten Nelkenrevolution steckten die Menschen auf der Straße den staunenden Soldaten rote Nelken an die Uniform und in die Gewehrläufe – und machten sie damit kampflos machtlos.

Surfen in Portugal
Am Praia de Arrifana sind jede Menge echter Könner zu bewundern.

Also alles Peace, Love and Happiness bei den Wellenreitern? Nun gut, im Line-Up – also der Startposition im Wasser, wo die Surfer auf ihrem Brett sitzend auf die beste Welle warten – geht es manchmal etwas ruppig zu. Aber zurück am Strand sind alle wieder sehr entspannt.

Da chillen die langhaarigen Jungs mit ihren Waschbrettbäuchen und lassen nochmal ihre Heldengeschichten des Tages Revue passieren. Abends, wenn es etwas kühler wird, sitzen sie ganz lässig im Kapuzenpulli vor ihrem Bulli und hören Musik. Dazu weht vom Nachbarcamper gerne der Geruch von nicht ganz legalen Rauchwaren herüber.

Alles ein großes Klischee? Vielleicht. Aber wer es nicht glaubt, soll sich mit seinem Reisemobil doch einfach mal ein paar Tage auf einen klassischen Surfer-Strandparkplatz stellen. Sind dann frühmorgens noch einige Menschen zu sehen, die Yoga machen, hat das nichts mit der Perfektionierung des Klischees zu tun. Sondern einzig damit, dass Yoga perfekt zum Surfen passt – durch das Dehnen, die Gleichgewichtsübungen und die Stärkung der Armkraft.

Surfen in Portugal
Die nächste Welle bitte! Als Anfänger muss man sich erstmal an die Kraft des Meeres gewöhnen.

Auch die Anfängergruppe von Surflehrer Braulio muss erst einmal auf dem Trockenen die Yogaübungen hinter sich bringen, bevor sie ins Wasser darf. Ein ganz schön heißes Unterfangen, wenn man schon im Neoprenanzug steckt. Und danach heißt es wieder: paddeln, versuchen aufzustehen, vom Brett fallen, paddeln, versuchen aufzustehen, vom Brett fallen. Dann endlich bliebt tatsächlich einer stehen. Die ganze Gruppe johlt, von Braulio kommt ein lauter Schrei des Entzückens. Deutlich ist sein hochgehobener Daumen zu sehen. Bis die nächste große Welle anrollt …

3 Strand-Tipps zum Surfen in Portugal:

1.) Praia do Amado: Der Strand von Amado in der Nähe von Carrapateira gilt aufgrund seiner starken Strömung und meterhohen Wellen als einer der besten Surfplätze Portugals. Er ist leicht anzufahren und bietet eine Menge Parkplätze. Traumhafte Felslandschaft.

2.) Praia da Arrifana: Der Strand von Arrifana nahe Aljezur ist von Klippen umgeben und liegt in unmittelbarer Nähe zu einem kleinen Fischerdorf mit Hafen. Vom Parkplatz oben auf der Steilküste gibt es einen herrlichen Ausblick. Von dort müssen die Bretter über einen kurvigen, steilen Weg nach unten getragen werden – und vor allem am Abend wieder hinauf.

3.) Praia da Amoreira: Die Anfahrt dauert relativ lang über holprige Straßen. Doch der Aufwand lohnt sich. Surfer und Badegäste werden mit einem relativ einsamen Strand in perfekter Landschaft belohnt. Sehr schön ist die kleine Lagune, die sich landeinwärts zieht.

Bildnachweis:
Titelbild: © Depositphotos.com/Carlos Caetano
Restliche Fotos: Mischa Miltenberger

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