Provence: Über die Sehnsucht nach betörenden Gerüchen und dem besonderen Blau

Abtei von Senanque

Was wäre wohl passiert, hätte sich Peter Mayle 1987 nicht ein Haus in der Provence gekauft, sondern in der Normandie? Würden sich die Besucherströme nun über die nordfranzösische Gegend ergießen statt wie seit vielen Jahren über die populärste Urlaubsregion im Süden Frankreichs? Fakt ist, dass es wohl kaum ein Buch auf der Welt gibt, das den Tourismus so angekurbelt hat wie „Mein Jahr in der Provence“ (samt Nachfolgebänden).

Was hat der englische Schriftsteller mit seinen Weltbestsellern so Außergewöhnliches getan, dass ihn jeder Tourismusmanager der Welt am liebsten klonen würde? Er beschreibt die Provence samt ihrer Bewohner heiter-ironisch, gepaart mit überschäumender Lebensfreude. Das Herz des Lesers, respektive Genießers, geht über, wenn Mayle von traumhaften Landschaften und grenzenlosen kulinarischen Genüssen schwärmt.

Abendstimmung im Vaucluse
Wo die Sehnsuchtsregion förmlich greifbar ist: hier eine Abendstimmung im Vaucluse.

Dazu noch die Sonne, die zwischen 2200 und 3000 Stunden im Jahr scheint. Der perfekte Mix für ein Sehnsuchtsziel. Insofern hätte das mit der kühlen Normandie – trotz all ihrer Vorzüge – wohl nicht geklappt. Mayle hat es geschafft, die Provence so zu beschreiben, dass man automatisch sagt: „Ich will da hin.“ Dann dort hinfährt, staunt, genießt, nach Hause fährt und feststellt: „Ich will da wieder hin.“

Zirpende Zikaden geben der Provence ihre Melodie

Denn wir können zwar Lavendel zu Hause anpflanzen, unsere Speisen mit Rosmarin und Thymian würzen, als Grill-Dipp eine Aioli anrichten, zum Aperitif einen Pastis reichen und zum Hauptgang einen Roséwein genießen – aber trotzdem fehlen entscheidende Dinge zu diesem ganz besonderen Gefühl:

Das stechende Blau des Himmels, so unvergleichlich, dass sich schon viele Poeten darüber ausgelassen haben, die südlich-gleißende Sonne, die überall präsenten und betörenden Gerüche, das unermüdliche Zirpen der Zikaden und nicht zu vergessen die Landschaft selbst, die einen in ihrer Vielfältigkeit in den Bann zieht.

Südalpen, Mittelmeer und Rhône grenzen die zauberhafte Provence ein. Mit knapp fünf Millionen Einwohnern ist sie die südlichste und drittgrößte Region Frankreichs. Und bietet dem Reisenden so viele Möglichkeiten, dass zwei oder drei Wochen gerade einmal ausreichen, um sich den Appetit auf die nächste Fahrt oder den nächsten Flug dorthin zu holen.

Spektakuläre Natur, heimelige Dörfer oder hippe Metropole?

Soll es die Haute-Provence Im Nordosten sein, die spärlich besiedelt ist, aber mit den Gorges du Verdon – quasi dem Grand Canyon der Provence – ein spektakuläres Naturerlebnis bietet? Oder etwas weiter südlich der bewaldete und gebirgige Nationalpark Luberon samt heimeliger Dörfer, liebenswerten Unterkünften und paradiesischen Bedingungen für Rennradfahrer? Oder eine bezaubernde Stadt wie Orange, Avignon, Nimes, Arles und Aix-en-Provence – allesamt durch und durch sehenswert, jede mit ihrem ganz eigenen Charme und vielen Sehenswürdigkeiten römischer Architektur?

Paddler in türkis-blauem Wasser bei Gorges du Verdon
Einmal auf türkis-blauem Wasser in die Schlucht von Verdun hinein paddeln und genießen.

Oder gleich die hippe und dynamische Metropole Marseille? Oder doch das flache Schwemmland der Camargue? Oder die atemberaubend schönen Buchten der Calanques? Oder einfach nur eine entspannte Zeit in einem Chateau inmitten von Weinbergen und Olivenhainen? Oder eine Klettertour? Oder nur faul am Strand liegen? Oder oder, oder …

Es gibt also nicht DEN Provence-Reisenden. Aber es gibt DAS Provence-Gefühl.

Dieser Moment, in dem du braungebrannten älteren Männern dabei zusiehst, wie sie unter Schirmpinien faustdicke Metallkugeln werfen. Wie sie den provenzalischen Nationalsport Pétanque über Stunden zelebrieren und den Rest der Welt vergessen.

Und du dich unweigerlich fragst, ob das Leben wirklich immer so hektisch und kompliziert sein muss wie zu Hause – oder der Schlüssel zum Glück vielleicht doch in der Einfachheit liegt. Gepaart mit der Freude am Genuss, ganz ohne Reue. Immer dann zu beobachten, wenn sich die schick gekleideten Angestellten mittags in der Stadt eine Stunde, eher aber zwei, zum Essen treffen und sich dabei ein Glas Wein gönnen. Getrunken wird an fast allen Tischen Rosé, für den die Region so bekannt ist.

Essen ist in der Provence ein Kulturgut

Das alles aber nur zum Warmlaufen für den kulinarischen Höhepunkt des Tages, das Abendessen. Vorher ist natürlich ein Pastis Pflicht. Der Anisschnaps wird gerne spätnachmittags in einer Bar genommen, bevor es später ins Restaurant geht.

Essen ist in der Provence nicht Mittel zum Zweck. Essen ist ein Kulturgut. Etwas, für das man sich Zeit lässt. Eine Küche, in der man die Region herausschmeckt. Durch die weltbekannten Kräuter der Provence, durch viel Knoblauch und Olivenöl, durch sonnengereiftes Gemüse, das im Nachbarort angebaut wird.

Wer in der Region is(s)t, darf auf keinen Fall die Königin der geschmorten Gemüsegerichte links liegen lassen: Nirgendwo schmeckt das Ratatouille so perfekt wie in seiner Heimat. Fleischliebhaber schätzen ein würziges Sisteron-Lamm aus der Hochprovence. Oder ein Daube provençale – ein in Rotwein eingelegtes Rindfleisch, das stundenlang geschmort wird, bis es butterweich von der Gabel fällt. Der Fischliebhaber greift zur Bouillabaisse, einer Fischsuppe mit geröstetem Brot, oder zu anderen Köstlichkeiten aus dem Meer. Und dann wäre ja noch die Variation von Ziegenkäsen zum Dessert.

Wie soll man bitte über das Essen in der Provence schreiben und sich nicht vor Freude überschlagen?

Provence Markt
Der beste Zeitvertreib in einem Provence-Urlaub ist der Besuch auf einem Markt.

Der beste Zeitvertreib zwischen den Mahlzeiten: Lebensmittel bewundern. Am besten auf dem Markt in Arles. Zwei Kilometer lang ein Festival der Farben, Geräusche, Düfte: Sinneseindrücke ohne Ende. Nichts, was es hier nicht gibt. Perlhühner, Wachteln und Küken krähen um die Wette und warten auf Käufer, genauso wie die Kaninchen in ihren Käfigen. Die bunte Welt der unglaublichen Gemüsevielfalt in allen Farben und Variationen lässt den Mund vor Staunen offenstehen.

Oliven in riesigen Bottichen zu Preisen, dass man sich am liebsten gleich den ganzen Wagen vollladen würde. Es gibt roten Camargue-Reis, Lavendelblüten-Honig, Kräuter der Provence und feinsten Käse. Dazu ein Fressalienstand nach dem anderen. Wer auf diesem Markt nur ein frisch gekochtes Gericht probiert, hat eine verdammt gute Selbstdisziplin.

Provence Dörfer
Wunderhübsche kleine Dörfer bestimmen das Bild der Provence.

Eine andere Tugend braucht der Reisende, der sich den malerischen Küstenort Les Saintes-Maries-de-la-Mer ansehen will. Nämlich Geduld. Und Gelassenheit. Der Badeort ist in den Sommermonaten hoffnungslos überlaufen (viele Provence-Freunde, die es sich zeitlich einrichten können, ziehen als Reisezeit eh den Frühling oder Herbst vor).

Zigeunerwallfahrt – das Spektakel der Camargue

Doch damit nicht genug: Am 24. und 25. Mai platzt der bekannteste Ort der Camargue aus allen Nähten. Rund 10.000 Sinti und Roma aus ganz Europa treffen dann ein, um ein Spektakel zu begehen, das seinesgleichen sucht. Bei der Zigeunerwallfahrt zu Ehren der Heiligen Sarah (auch genannt Schwarze Sarah), der Schutzpatronin der Landfahrer, gibt es keine andächtige Ruhe. Hier wird tagelang gefeiert, gesungen, getanzt, gelacht, viel gegessen und viel getrunken.

Das kunterbunte Treiben findet seinen Höhepunkt am 25. Mai. Zur Prozession wird die Statue der Schwarzen Sarah aus der Krypta der Kirche Notre Dame de la Mer geholt. Anschließend wird sie, begleitet von Tausenden von Pilgern, von festlich geschmückten Reitern auf weißen Carmargue-Pferden Richtung Strand getragen. Der Bischof von Arles und die Pfarrer des Städtchens führen den Zug der Pilger hinein ins Meer.

Pferde in der Camargue
Halbwilde weiße Pferde sind zusammen mit Flamingos die tierischen Aushängeschilder der Camargue.

Hinterher reiten die Hirten, die das ganze Jahr die Herden schwarzer Stiere in den Sümpfen nach Cowboy-Art bewachen. Die Sinti-Frauen mit ihrem opulenten Goldschmuck und den riesigen Ohrringen heben ihre bunten Röcke und Kleidersäume an, während sie ebenfalls betend und singend ins Meer laufen. Als symbolischer Akt der Reinigung wird die Schwarze Sarah mit Meerwasser benetzt.

Les Saintes-Maries-de-la-Mer hat aber auch an anderen Tagen Spektakuläres zu bieten. Wer sich fragt, was die roten Vorsichtsschilder mit den Stieren darauf zu bedeuten haben, bekommt die Auflösung live. Die Gardians, also die Cowboys der Camargue, treiben ihre Stiere unter lautem Getöse durch die Hauptstraße des Ortes.

Im Schwemmland gibt es Flamingos zu sehen

Ebenso bekannt für die Sumpfebene, deren südlicher Teil sogar unter dem Meeresspiegel liegt, sind die halbwilden weißen Pferde. Zugleich ist das Schwemmland ein Paradies für Vogelbeobachter. Über 350 Vogelarten sind dort zu sehen. Die Berühmtheiten: Rund 20.000 Flamingo-Paare nisten hier. Auf einer Fahrradtour am Wasser entlang kommt man ihnen relativ nahe.

Tiere, die man in der Regel nicht so gerne sieht, dafür umso mehr spürt, gibt es auch in den rund 85.000 Hektar Feuchtwiesen, Sümpfen, Teichen, Salinen, Reisfeldern und Dünen. Sobald die Sonne untergeht, übernehmen Mücken die grausame Herrschaft.

Wer gerade noch entspannt am Strand lag, nimmt jetzt fluchtartig Reißaus. Die Wahrscheinlichkeit, dass er die Viecher beim Abendessen wiedersieht, ist aber hoch. Während die ausländischen Gäste fluchend nach ihnen schlagen, nehmen es die heimischen Kellner ganz gelassen. Sollen sie sich etwa von ein paar Mücken die gute Laube verderben lassen?

Unkomplizierte Fröhlichkeit allerorten in der Provence

Savoir vivre – die Kunst zu leben. Diese Überschrift hat sich die Provence wahrlich verdient. Mediterrane Leichtigkeit paart sich hier mit jeder Menge Lebensfreude. Dazu ein ordentlicher Schuss maßvollen Genusses und heraus kommt die höchste Lebenserwartung aller Franzosen.

Die unkomplizierte Fröhlichkeit können Reisende auch auf den unzähligen Festen der Provenzalen live erleben. Den ganzen Sommer über wird in den Dörfern gefeiert. Sehr ehrlich, sehr bodenständig. Vielleicht nicht gerade perfekt organisiert, dafür mit umso mehr Freude, Lachen und Tanz.

Wer sich darauf einlässt, kann Unerwartetes erleben. Zum Beispiel, dass er plötzlich mittendrin in einem Freiluft-Roulette-Spiel ist. Hektisch rauchende Einheimische versuchen Scheine wedelnd ihr Glück. Und der deutsche Tourist mischt nach erster Zurückhaltung genauso mit. Schreit, jubelt, flucht. Gewinnt und verliert. Fühlt sich unter all den Fremden so richtig heimisch. Die Südfranzosen machen es ihm leicht und er genießt das.

Château Duvivier
Traumhafte Unterkünfte auf dem Land gibt es allerorten, wie hier das Château Duvivier.

Apropos Genießen. Keine Angst, es geht nicht schon wieder ums Essen. Aber auch in der Kategorie „Bezaubernde Unterkünfte“ spielen die Provenzalen ganz vorne mit. Alte Steinhäuser, Landhäuser und Villen laden zum Übernachten ein.

Wer in die ländlichen Regionen fährt, braucht kein Hotel. Wohlfühl-Herbergen mit individuellem Charme – oft noch mit Riesengärten samt Pool – zwingen einem den Müßiggang förmlich auf. Chambre d’hôtes heißt das Zauberwort, nach dem jeder Reisende schauen sollte. Diese Privatunterkünfte mit meist nur wenigen Zimmern sind liebevoll eingerichtet. Die Gastgeber stehen als kompetente Tippgeber zur Verfügung.

Auf keinen Fall das provenzalische Hausmenü verpassen

In manchen Häusern wird sogar ein paarmal die Woche abends gekocht. Das provenzalische Hausmenü darf man sich auf keinen Fall entgehen lassen. Geselligkeit ergibt sich hier wie von selbst. Die wenigen Gäste sitzen zusammen an einer großen Tafel in einem wunderschönen Garten und lassen es sich gutgehen.

Les Baux-de-Provence
Das besondere Blau des Himmels, hier in, lässt einen nicht mehr los.

Wenn wir schon bei bemerkenswerten Häusern sind: Was aus dem Tourismus-Ankurbler Peter Mayle geworden ist? Ironischerweise wurde seine Popularität so groß, dass er 1997 aus der Provence wegzog und nach Long Island (USA) flüchtete. Er hatte keine Lust mehr darauf, dass sein Haus in Menerbes als Ausflugsziel für aufdringliche Touristen dient. Aber ein Sehnsuchtsziel wäre nicht ein Sehnsuchtsziel, wenn es einen nicht magisch wieder dorthin ziehen würden. So kehrte auch Mayle nach Südfrankreich zurück, mit einem bedeutenden Unterschied: Die Adresse seines Hauses bleibt geheim.

3 Tipps für die Provence:

  • Auf dem Kirchdach von Les Saintes-Maries-de-la-Mer sitzen und aufs Meer blicken
  • Mit dem Tretboot durch das tükis-blaue Wasser der Gorges du Verdon fahren und über die gewaltigen Felsen staunen, die sich über einem auftürmen
  • Am Unterlauf des Flüsschens Argens Picknick machen, Baden und die Kletterer bestaunen

Bildnachweis:
Titelbild: © Depositphotos.com/StevanZZ
Gorges du Verdon: © Depositphotos.com/fedevphoto
Pferde Camargue: © Depositphotos.com/SURZet
Les Baux-de-Provence: Unsplash.com
Restliche Fotos: Mischa Miltenberger

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