Pilgerreisen: So weit die Füße tragen

Erklärung: Was ist das?

In Deutschland ist der bekannteste der Pilgerwege, der Jakobsweg und spätestens seit dem Bestseller-Erfolg von Hape Kerkeling „Ich bin dann mal weg“ in aller Munde. Das Pilgern erlebt eine wahre Renaissance, der Wunsch selbst ist allerdings schon über 1000 Jahre alt. Wenn man von „dem“ Jakobsweg spricht, meint man meist den „Camino Francés“, er führt auf über 800 km vom französischen Saint-Jean-Pied-de-Port durch die Pyrenäen über den Ibañeta-Pass nach Pamplona und endet schließlich in Santiago de Compostela am Grab des Apostel Jakobus. Über Europa erstreckt sich allerdings ein ganzes Netz an Jakobswegen. Natürlich gibt es auch andere Pilgerwege und Fernwanderwege, die zum Pilgern einladen und das weltweit. Doch das Format „Jakobsweg“ lockt mit bekanntem Namen, gut ausgebauter Infrastruktur, vielen Unterkünften, Gemeinschaft und einer lückenlosen Wegkennzeichnung, der bekannten Jakobsmuschel.

Wieso ist das Pilgern heute so beliebt?

Es kann nicht nur am sogenannten „Kerkeling-Effekt“ liegen, dass die Zahl der Pilger sprunghaft anstieg (im Jahr 2014 wurde die Zwei-Millionen-Marke geknackt) und Büroangestellte, Studenten oder Hausfrauen sich mit Rucksack und Pilgerstab auf die Socken machen, oder? Pilgerten die Menschen früher meist aus religiösen Gründen, stehen heute in erster Linie persönliche Aspekte im Fokus. So zum Beispiel, sich eine Auszeit vom Stress des Alltags zu nehmen, eine Krankheit oder Trennungen zu verarbeiten, Grenzerfahrung jenseits des täglichen Einerlei zu erleben oder dem Leben eine neue Ausrichtung zu geben. Digital Detox und persönliche Entwicklung statt Gotteserfahrung, das ist bei vielen Pilgern die Devise.

Vorteile bei Pilgerreisen:

Das Pilgern ist kein Spaziergang. Beim Pilgern kommt man seelisch und körperlich an seine Grenzen, um dann wieder Momente des Glücks zu erleben. Pilgern ist eine Berg- und Talfahrt, auf die man sich einlassen muss. Egal, ob man Gott oder Ablenkung sucht, das Pilgern ist eine tiefgreifende Erfahrung, die man entweder alleine oder in der Gruppe erleben kann. Man kann auf dem Weg zu sich finden, Antworten erhalten und Tiefpunkte erleiden. Ob man dies allein oder in der Gruppe erleben will, ist wahrscheinlich Typsache. Die Vorteile beim Alleinpilgern liegen in der tiefgreifenderen Erfahrung. Wer schon alleine gereist ist, der weiß, dass man sich selbst auf eine ganz andere Weise kennenlernt, beim Pilgern gilt das wohl auf besondere Weise. Wer alleine unterwegs ist, der bestimmt das Tempo selbst. Ein großer Vorteil bei einer so kräftezehrenden Reise. Wer in der Gruppe pilgert, der kann sich austauschen, Probleme und Erlebnisse mit anderen teilen und sich als Teil einer Gemeinschaft fühlen. Wer zum ersten Mal pilgert und sich unsicher fühlt, der ist in einer Gruppe gut aufgehoben. Ähnlich ist es auch mit der Wahl des Pilgerweges. Wer den bekannten Jakobsweg „Camino Francés“ geht, der profitiert von der Vielzahl an Unterkünften und einer guten Kennzeichnung des Weges. Wer mehr Ruhe für sein Vorhaben will, der sollte allerdings auf unbekanntere Pilgerrouten ausweichen

Nachteile bei Pilgerreisen:

Pilgerreisen sind anstrengend. Statt mit Restaurantwahl und Strandlektüre beschäftigt man sich mit Landkarten und Blasenpflaster. Wer alleine pilgert, der wird die Tiefpunkte seiner Reise besonders deutlich wahrnehmen, sich ab und an einsam fühlen. In der Gruppe warten die Nachteile von Gruppenreisen: Man muss seine Vorstellungen der Gruppe unterordnen und hat weniger Freiheiten. Wer auf bekannten Jakobswegen unterwegs ist, wird sich mit vollen Unterkünften und vielen Mitpilgern auseinandersetzen müssen. Auf den Wegen abseits des Mainstreams lauern Probleme wie zum Beispiel schlechte Ausschilderung, potentielles Verlaufen, und weniger Unterkünfte entlang des Weges.

Für wen ist das was?

Pilgern ist etwas für Menschen, die Grenzerfahrungen suchen, eine Auszeit brauchen, Zeit mit sich alleine verbringen wollen. Und nicht zuletzt im eigentlichen Sinne: Menschen, die Begegnungen mit Gott und suchen und ihren Glauben stärken wollen. Wer pilgern will, der sollte keine Angst vor Blasen und Muskelkater haben und Nächte in vollen Pilgerherbergen inklusive schnarchen und Käsefußgeruch aushalten können.

Für wen eher nicht?

Wer lediglich den Film von Hape Kerkeling gesehen hat und denkt: „Ach, das wäre ja mal ganz nett“, der wird früher oder später auf dem Boden der Tatsachen landen. Pilgern ist kräftezehrend und dauert seine Zeit. Wer also nicht mehr als ein paar Tage investieren will, keine Lust auf körperliche Anstrengung hat und Komfort nicht verzichten will, für den ist Pilgern vielleicht nicht das Richtige. Eine schöne Tageswanderung tut es dann vielleicht auch.
Christoph berichtet auf seinem Blog Jakobsweg-Küstenweg, wie der Jakobsweg sein Leben verändert hat. Wer mit dem Gedanken spielt, sich auch auf eine Pilgerreise zu machen, der sollte definitiv einmal bei ihm reinlesen. 

Bildnachweis:
Titelbild: © Depositphoto –  Roberto Atencia gutierrez

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