Holi – Das vielleicht bunteste Festival der Welt

Egal, ob Einheimischer oder Tourist, arm oder reich: Wenn Indien Holi feiert, sind alle gleich. Gesellschaftliche Schranken sind außer Kraft, die Straßen und Menschen werden in leuchtendes Pulver gehüllt, bevor die Wassermassen die Farbenvielfalt langsam in braunen Matsch verwandelt.

Happy Holi!

In den Straßen geht es an Holi bunt zu. Ausweichen unmöglich!

Schnell ins Reisebüro, um den Zug für die Weiterfahrt zu buchen, dann ganz in Ruhe zum Frühstück – der Plan geht gründlich schief. Kaum setze ich einen Fuß aus der Haustür, kommt mir eine Ladung neongelbes Pulver entgegen, ein Schwall Wasser gleich hinterher. „Happy Holi!“, schreit mir der grinsende junge Mann über die Straße zu und winkt fröhlich. Ich wische mir das klebrig geworden Pulver aus den Augen und frage mich, wie ich nur Holi vergessen konnte. Ich bahne mir den Weg durch die für den frühen Morgen beachtliche Menschenmenge. Im Sekundentakt schmieren mit Hände Farbe ins Gesicht, kippen Wasser über meine Haare. Ich bin zugegebenermaßen ein wenig überfordert und froh, als ich im Reisebüro Zuflucht finde. Wer in Indien an Holi unbedarft aus dem Haus geht, erlebt sein buntes Wunder. Ein Vorankommen ohne Farbbomben und Wasserattacken ist unmöglich.

So sieht man aus, wenn man einen kurzen Spaziergang an Holi macht.

Holi – Vishnus Sieg über Holika

Holi ist eines der ältesten Feste, das in Indien und Nepal gefeiert wird. Jedes Jahr zu Beginn des ersten Vollmondtages des Monats Phalguna, der in den Februar oder März fällt, beginnen die Feierlichkeiten, die meist zwei, in manchen Regionen bis zu zehn Tagen dauern können.

Das Fest hat seinen Ursprung im Hinduismus. Es markiert das Ende des Winters, den Sieg von Gut über Böse, im Mittelpunkt stehen Erneuerung und rituelle Reinigung.

Der Name Holi stammt von „Holika“, einem weiblichen Dämon. Gegen diese Dämonin soll sich Vishnu, einer der wichtigsten Götter des Hinduismus, bei einem Religionsstreit durchgesetzt haben. Am Ende ging Holika in Flammen auf. An diesen Sieg wird mit einem Feuer in der ersten Nacht des Holifestes erinnert, bei dem eine Puppe aus Stroh verbrannt wird. Ob diese Legende wirklich der Ursprung des religiösen Festes ist, ist nicht endgültig geklärt, es ist wohl nur eine, aber die geläufigste Variante der Erzählungen rund um Holi.

Indien ist bunt, vor allem an Holi

Wo sonst starre gesellschaftliche Regeln und Hierarchien die Bevölkerung prägen, ist an Holi alles anders. Das Kastensystem ist zwar offiziell passé, doch es hinterließ seine gesellschaftlichen Gräben. An Holi sind alle gleich, das ist das Motto dieser besonderen Tage. Kein Wunder, dass das Fest wochenlang herbeigesehnt wird.

An Holi sind alle gleich: Tuk-Tuk-Fahrer und Geschäftsmann, Touristen und Einheimische.

Der zweite Tag steht ganz im Zeichen von Farben, Musik und Tanz. Die Menschen ziehen durch die Stadt und besuchen Freunde und Verwandte. Dabei liefern sich alle eine feucht-fröhliche Wasser-Farben-Schlacht. Dazu schallt Musik aus den Häusern, es wird ausgelassen gefeiert und getanzt. Straßenhändler, die Tag für Tag um jede Rupie kämpfen bespritzen Bänker mit Wasserpistolen. Männer nutzen die Gelegenheit, um junge Frauen ein wenig Pulver an die Wangen zu streichen.

Jung und Alt, arm und reich, Touristen und Einheimische – im Farbrausch sind alle vereint.

So schön der Grundgedanke der Gleichheit ist, so bunt und fröhlich die Feierlichkeiten – Holi läuft nicht immer problemlos ab. Wo früher Alkohol an religiösen Festen verpönt war, trinken die Feiernden heute gerne genauso ausgelassen wie sie feiern. Nicht selten enden die bunten Tage mit Auseinandersetzungen und Prügeleien. Auch ich merke im Laufe des Tages, dass sich die Stimmung ein wenig wandelt. Wo zu Beginn das Lachen offen und herzlich war, die Berührungen beim Anmalen zögerlich, werden manche Männer auffallend aufdringlicher, die Blicke öfter glasig, die Schritte torkelnd. Ich ziehe mich zurück in meine Unterkunft und bin froh, dem Trubel entkommen zu sein.
Auch die Farben selbst hinterlassen Spuren. Aus der Kleidung bekommt man sie auch nach mehrmaligem Waschen nicht, selbst in den Haaren bleiben die Pigmente länger als gewünscht. Die Farben wurden früher aus natürlichen Materialien wie Blüten und Wurzeln hergestellt, heute sind sie in den meisten Fällen chemisch und dementsprechend reizen sie die Haut und brennen in den Augen.

Holi erobert die Welt: Holi-Festivals als Event

Holi erobert den Rest der Welt, auch wenn das bunte Treiben nicht viel mit dem eigentlichen Holi zu tun hat.

Um Holi zu feiern, muss man längst nicht mehr auf den indischen Subkontinent. In fast allen größeren Städten gibt es im Sommer Holi-Festivals. Zu den Klängen von Elektro-Musik wird getanzt und auf Kommando Farbpulver in die Luft geworfen. Meist finden die bunten Events in Stadien oder abgeschlossenen Plätzen statt, Tickets berechtigen zum Farbenwerfen.

Selfies mit bunten Gesichtern findet man in den Facebook-Chroniken fast aller Anfang-Zwanziger: Bunte Haare, farbige Sonnenbrillengläser, T-Shirts mit Peace-Zeichen.

Was die hiesigen Holi-Festivals mit dem indischen Fest gemeinsam haben? Die Farbe und das Feiern! Von Glauben keine Spur. Von den religiösen Hintergründen distanzieren sich die meisten Anbieter. In Europa ist das Holi-Festival kein Fest des Glaubens, sondern ein Spaß für die feierfreudigen Jugendlichen. Es geht ums Feiern, nicht mehr und nicht weniger.
Wer Holi in Indien miterlebt, spürt bei aller Feierei und wildem Durcheinander doch immer den tieferen Hintergrund. Für ein paar Stunden oder gar ein paar Tage spielt das alltägliche Leben keine Rolle. Pflichten, Sorgen und Probleme werden abgeschaltet. Beim ausgelassenen Farbenwerfen und Wasserspritzen darf man einmal alle Regeln und Erwartungen links liegen lassen. Man ist weder Bettler noch Geschäftsmann. In der Anonymität der Masse darf man einmal einfach nur Mensch sein.
Bildernachweis:
Header: © Depositphoto – Artur Verkhovetskiy
Bunte Straßen: ©Julia Schattauer
Bunte Gesichter: ©Julia Schattauer
Alle gleich: ©Julia Schattauer
Holi-Festival Europa: © Depositphoto – Jose roberto Rodrigues dos santos

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