Der Bialowieza-Nationalpark in Polen – Der letzte Urwald Europas

Horchen, schauen, warten – man braucht Geduld, um den Star des polnischen Nationalparks „Bialowieza“ zu entdecken. Der Wisent ist ein scheues Tier. Es grenzt an ein Wunder, dass man ihn hier im Osten Polens überhaupt noch entdecken kann. Es ist 21.30 Uhr, Dämmerungszeit im Nationalpark. Abends oder in den frühen Morgenstunden ist die Wahrscheinlichkeit am höchsten, eine Herde der wilden Wisente zu sichten. Ein Quäntchen Glück gehört auf alle Fälle dazu.

Wisente: Scheue Kolosse sind Stars des Nationalparks

Rund 900 Tiere leben im gesamten Nationalpark an der Grenze zwischen Polen und Weißrussland, rund 500 davon auf polnischer Seite. Grenzübergänge gibt es für die Nachbartiere nicht und somit auch keine Mischung unter den Tieren. Durch den Park führt nämlich der EU-Grenzzaun, ein drei Meter hoher Stacheldrahtzaun, der Polen und Weißrussland trennt. Das könnte auf Dauer ein Problem werden.

Kurz nach dem ersten Weltkrieg galt das Wisent als ausgestorben, ein ehemaliger Forstbeamter soll das letzte Tier 1919 erschossen haben. Mit Wisenten aus Tierparks begann die Wiederaufzucht. Bereits zehn Jahre später wurden die ersten Tiere wieder im Nationalpark ausgesetzt. Eine Erfolgsgeschichte.

Bielowiza
Die Wisents sind die uneingeschränkten Stars des Bialowiza Nationalparks.

 

Bialowieza ohne Wisente, das ist wie Island ohne Islandponys oder Australien ohne Koalas. Dabei sind die Tiere gar nicht so leicht zu finden. Die besten Chance, die Tiere in ihrem natürlichen Umfeld zu sehen, besteht auf dem sogenannten „Bison Track“. Rund 20 Kilometer führt dieser vorbei an den Fütterungsplätzen Babia Gora und Kosy Most.

Das Warten lohnt sich

Im Sommer jedoch, wenn die Tiere nicht auf die Zusatznahrung angewiesen sind, lassen sich die Wildtiere höchstens in der Dämmerung blicken. Doch das Warten lohnt sich: Es ist ein Moment, den man so schnell nicht vergisst, wenn die großen Vierbeiner sich in kleine Gruppen ihren Weg über die Wiesen bahnen, aufmerksam nach rechts und links schauen und mit den Ohren jedes noch so leise Geräusch wahrnehmen.

Ein Wisent zu sehen, das ist Glückssache. Ein kostbares Erlebnis, das in der Zukunft hoffentlich keine Seltenheit mehr bleibt. Die Zucht der Wisente ist mühsam. Erbkrankheiten, Inzucht, unfruchtbare Tiere und Krankheitswellen wie die Maul- und Klauenseuche gefährden den Fortbestand der Tiere. Das Zuchtzentrum der Wisente innerhalb des Nationalparks ist deshalb streng gesichert und hält rund 30 Tiere als lebende Reserve und Absicherung für die Zukunft der imposanten Bisons.

Bialowiza Nationalpark
Im Winter lässt sich mit Glück auch mal ein Kräftemessen der Bisons beobachten.

Wisentgarantie für Touristen bietet das außerhalb des Nationalparks gelegenen „Bison Reserve“ auf dem Weg nach Hajnowka. In diesem Tierpark lassen sich die sonst scheuen Bewohner des Nationalparks aus nächster Nähe betrachten: Elche, Wölfe, Wisente und der Nationalstolz namens Zubron, der beeindruckende Hybrid aus Wisent und Hausrind, der auch so manche Wodkaflaschen ziert.

Fragile Wildnis mit Superlativen

Es ist der letzte echte Urwald Europas, den man in Bialowieza durchforsten kann. Nirgendwo sonst in europäischen Gefilden ist der Wald so urtümlich und unberührt. Auch wenn die Jagd für den Niedergang der Wisente verantwortlich ist, war es die Jagdleidenschaft der Könige, Fürsten und Zare, die für den Erhalt des Waldes sorgte. Bereits im 15. Jahrhundert nahm Władysław Jagiełło das Gebiet als Jagdfläche unter seinen Schutz und sorgte somit für den Fortbestand der Waldflächen.

1921 wurde das Forstrevier  zum „Reservat“, 1932 wurde der Park in „Nationalpark in Bialowieza“ umbenannt. Im Jahr 1947 entstand schließlich der heutige  Bialowieza-Nationalpark.  Seit 1977 ist der Park von der UNESCO als Weltreservat der Biosphäre anerkannt und wurde 1979 zur natürlichen Welterbestätte erklärt. Im Jahre 1992 erweiterte die UNESCO die  Welterbestätte grenzübergreifend auf den weißrussischen Nationalpark „Belowesher Wald“.

Bialowieza-Nationalpark
Prozess aus Leben und Sterben: In einem streng geschützten Teil ist der Wald sich selbst überlassen.

 

Von den 150.000 Hektar, die der Nationalpark heute misst, ist nur ein kleiner Teil wirklich urtümlich. In einem streng geschützten Bereich innerhalb des Parks wurden seit 1921 keine Forstarbeiten mehr durchgeführt. Hier ist der Wald ist sich selbst überlassen, mit allen Schädlingen und Kreisläufen.

Der Charme des Vergänglichen

Es ist ein Prozess aus Leben und Tod, der sich im Urwald immer wieder wiederholt. Bäume stürzen um, morsches Holz wird von Insekten zersetzt, Pilze und Schädlinge breiten sich aus. Dazwischen sprießen junge Pflanzen und Knospen. Es ist der Charme des Vergänglichen, des Morbiden, der in diesem Wald durch die Blätter weht. Ungelenktes Zugrundegehen und Wachsen formen eine ungezähmte Natur.

Der geschützte Bereich ist für Besucher nur mit Anmeldung und Guides erlaubt.

Vier Kilometer lang geht es in kleinen Gruppen durch eine Welt, die es so wahrscheinlich nicht mehr geben wird. Es ist eine Zeitreise in die Vergangenheit, die bewusst macht, wie fragil unsere Erde ist und wie sehr wir Menschen unsere Umwelt geformt und verändert haben.

Doch auch im restlichen Teil des Nationalparks bekommt man als Besucher eine Ahnung von der Unberührtheit dieser Wälder. Hier beschränken sich die Forstarbeiten auf wesentliche Instandhaltungsmaßnahmen wie das Freihalten der Wege. Umgestürzte Bäume werden entfernt, jedoch ausschließlich manuell, also ohne den Lärm von Motorsägen, die die Bewohner der Wälder verscheuchen würden.

Bialowieza-Nationalpark
Im gesamten Nationalpark bekommt man immer wieder eine Ahnung von der wunderbaren Unberührtheit der Natur.

Sage und schreibe 54 Säugetierarten sind es, die im Schutzmantel der bis zu 50 Meter hohen Baumriesen leben. Unter ihnen Wölfe, Luchse, Biber, Elche, Hirsche, Wildschweine, Wildpferde und Wisente. Außerdem sind um die 150 Vogelarten, 7 Reptilienarten, 11 Amphibienarten, 3500 Pilzarten und über 5500 Pflanzenarten innerhalb der Parkgrenzen heimisch.

Das sind Superlative, die auch die Forschung interessieren. Kein Wunder, dass sich Bialowieza 250 km östlich von Warschau als Zentrum der Wissenschaft etabliert hat. Vertretungen der Polnischen Akademie der Wissenschaft, der Warschauer Universität und des Forschungsinstituts für Forstwesen sind hier ansässig. Einheimische und ausländische Teams sind ständig mit der Erforschung des Waldes beschäftigt.

Tourismus in Nationalpark: Chance und Gefahr

Der Tourismus ist, wie so oft, Fluch und Segen zugleich für die Natur des Nationalparks. Ohne die Besucher keine Aufmerksamkeit und keine Einnahmen. Doch Müll und Lärm sind die Schattenseiten des Tourismus.

Im Fall des Bialowieza-Nationalparks ist vor allem die Größe ein Problem. Um Tourismus und Naturschutz gleichzeitig zu fördern, ist der Nationalpark zu klein. Im großen Stil Reisende in den Park bringen und gleichzeitig die Tiere und Natur ungestört zu lassen, ist unmöglich.

Eine Vergrößerung scheiterte am Widerstand der Einheimischen. Es musste also eine andere Lösung her. Im Bialowieza sieht diese folgendermaßen aus: Die Besucherströme werden an den Rand des eigentlichen Nationalparks, in den Wirtschaftsbereich und ins Umland gelockt. Ein großes Netz an Rad- und Wanderwegen, ein Tierpark und Angebote wie ein Naturmuseum lenken die Touristen aus den sensiblen Bereichen und erlauben trotzdem naturnahe Begegnungen und Naturerlebnisse, die in Erinnerung bleiben.

Bialowieza
Wie lenkt man die Touristen im Nationalpark am besten? Ein stets aktuelle Frage im Bialowieza.

Und diese Lenkung scheint zu funktionieren, denn das Angebot wird angenommen. Bei Touristen besonders beliebt sind Kutschfahrten durch den Wirtschaftswald, Fahrradtouren oder Ausflüge in die Umgebung. Auf dem Gelände des Zarenpalastes, der 1944 von deutschen Truppen gesprengt wurde, steht heute das „Muzeum Przyrodniczo-Leśne“, das Naturkundliche Museum des Nationalparks.

Auf den Spuren der Tataren

Hier gibt es nicht nur alles Wissenswerte zur Geschichte, sondern auch einen 5 Hektar großen Palastpark im englischen Stil zu bestaunen. In diesem stehen außerdem einige Bauwerke aus dem 19. Jahrhundert, wie der Jagdhof des Zaren. Rund um den Nationalpark gibt es neben der Natur auch kulturgeschichtliche Besonderheiten aus nächster Nähe zu erleben, die viele Besucher in die Region locken.

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Ein Muss: Der Besuch des Ethnographischen Museums im Nationalpark.

Einblicke in die Tradition und Religion der umliegenden Dörfer gehören zum Programm einer Reise nach Bialowieza und Umgebung dazu. Im nahegelegenen Kruszyniany zum Beispiel leben Nachkommen der Tataren. Eine Moschee und ein muslimischer Friedhof lassen sich ebenfalls besichtigen. Auch Krynki, ein vor dem zweiten Weltkrieg fast ausschließlich jüdisches Dorf, ist einen Tagesausflug wert.

Die Nationalparks in der Umgebung lassen sich mit dem Besuch in Bialowieza verbinden. „Biebrzanski“ ist  vor allem wegen seiner Sumpf- und Torfmoorgebiete bekannt ist, der „Narwiansi-Nationalpark“ wird mit seinen weitverzweigten Wasserwegen gerne als das „Amazonien Polens“ gehandelt.

Der Bialowieza Nationalpark im Wandel der Jahreszeiten

Das Gesicht des Bialowieza ändert sich mit dem Wandel der Jahreszeiten. Im schneereichen und kalten Winter lassen sich besonders gut Wisente beobachten.

Das Frühjahr wiederum lohnt sich vor allem für Hobby-Ornithologen. Besonders im April und Mai lassen sich in den Baumkronen viele Vögel beobachten. Kraniche, Brachvögel, Seeschwalben, Schreiadler und der kleinsten Kauz Europas, der Sperlingskauz, lassen sich bei einem Erkundungstrip erspähen.

Während der Sommer die Hauptreisezeit für viele Besucher darstellt, ist der Herbst vor allem für Pilzsucher die perfekte Reisezeit. Auch wenn das Sammeln innerhalb des Nationalparks verboten ist, gibt es in den umliegende Gebieten eine große Auswahl der leckeren Gewächse.

 Bialowieza Forest, Poland, Europe

Das Pilzesuchen ist fast schon polnischer Volkssport und somit ein authentisches Erlebnis für Touristen. Sobald die ersten Pilze aus dem Boden sprießen, klemmen die Polen den Korb unter den Arm und schwärmen in die Wälder aus. Geführte Pilztouren, Pilzsammelmeisterschaften, Pilzfeste und gemeinsames Kochen sind in Polen dann an der Tagesordnung.

Dabei geht es vor allem um die Geselligkeit: Jedes ansehnliche Exemplar wird ausgiebig bestaunt und gelobt. Wenn am Ende des Tages ein voller Korb in der Küche steht, fängt der kulinarische Teil des Spaßes an. Pierogi, Steinpilzsuppe oder mit Speck als Pfannengericht: Pilzrezepte haben einen festen Platz in der polnischen Küche.

Wer selbst gerne auf Pilzjagd gehen möchte, seine Pilzkenntnisse aber eher für bescheiden hält, der kann mit erfahrenen Pilzguides auf Erkundungstour und damit auf Nummer Sicher gehen. Hierbei lernt man alles Wissenswerte über die Pilzarten rund um Bialowieza. Und wird am Ende mit reicher Beute belohnt.

Bildnachweis:

Titelbild: © Depositphotos.com/Andrzej Butkiewicz
Wisent im Gras: © Depositphotos.com/Natalia Sidorova
Wisent im Schnee: © Depositphotos.com/Vasiliy Koval
Wilder Wald: © Depositphotos.com/ Aleksander Bolbot
Unberührte Natur/See: © Depositphotos.com/ Miłosz Guzowski
Tourist: © Depositphotos.com/Arun Subramanian
Ethnographisches Museum: © Depositphotos.com/Richard Semik
Pilze: © Depositphotos.com/ Aleksander Bolbot

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