Ho Ch Minh Saigon

Unterwegs in Saigon: Links schauen, rechts schauen, wieder links. Wer im vietnamesischen Straßenverkehr auf die Lücke zwischen all den fahrbaren Untersätzen wartet, der wartet lange. Einem rauschenden Fluss ähnelnd bahnt sich eine Masse an Autos, Bussen, fahrbaren Essensständen, Fahrradrikschas und vor allem Roller ihren Weg durch die Straßen.

Das Knattern der Motoren, das Brummen und Hupen ist allgegenwärtig. Wer nur das deutsche Verkehrssystem kennt, der bekommt hier etwas zu sehen.

Vermummt durch die Hitze

Nicht nur die Anzahl der Verkehrsteilnehmer ist sehenswert, auch die Outfits der Rollerfahrer sind gewöhnungsbedürftig: mit Mundschutz, Schals und langer Kleidung gegen Sonne und Abgase gewappnet. So fragt man sich, wie die vermummten Menschen ohne Hitzeschlag den Tag überstehen.

Vermummt auf dem Roller

Vermummt auf dem Roller: Das tägliche Rennen in Saigon kann beginnen.

Was beim puren Anblick schon überfordernd ist, wird beim Vorhaben die Straße zu überqueren zu einer echten Mutprobe. In Reiseführern wird die Atmosphäre in den vietnamesischen Städten gerne als „quirlig“ und „lebhaft“ beschrieben. Und diese Lebhaftigkeit findet im Straßenverkehr in Ho-Chi-Minh-Stadt seinen Höhepunkt.

Tourismus-Boom in Vietnam seit Anfang der 1990er Jahre

Nach der wechselvollen und durch Kriege und Aufstände geprägten Zeit von 1945 bis zum Ende des Amerikanischen Krieges 1975 war das Land über 10 Jahren nahezu komplett nach außen abgeschottet. Nach einer Wirtschaftskrise in den 1980er-Jahren öffnete sich Vietnam gegenüber nicht-kommunistischen Staaten.

Wirtschaftliches Wachstum und die Öffnung für den Tourismus waren die Folge. Seit Anfang der 1990er-Jahre erlebt der Tourismus einen Boom, der bis heute anhält. Das Land, das so lange zweigeteilt war, ist von großen Unterschieden zwischen Norden und Süden geprägt.

Farbenfrohe Feste in Vietnam

Vietnam ist auch bekannt für seine farbenfrohen Feste.

Das Gros der Bewohner verteilt sich auf zwei Ballungsgebiete, dem Delta des Roten Flusses im Norden und dem Mekong-Delta im Süden. Das Klima im Norden ist gemäßigt mit vier Jahreszeiten, wohingegen im Süden des Landes heißes Tropenklima vorherrscht.

Am besten lassen sich die Unterschiede in Landschaft und Mentalität bei einer Rundreise erfahren: Abwechslungsreiche Landschaften vom Mekong-Delta über 3400 Kilometer Küste bis hin zum Hochland gilt es zu erkunden.

Ho-Chi-Minh-Stadt: Wirtschaftliches und kulturelles Zentrum

Ho-Chi-Minh-Stadt ist seit der Wiedervereinigung von Nord- und Südvietnam nach dem Vietnamkrieg der offizielle Name der 7-Millionen-Metropole.

Im Sprachgebrauch hat sich die Stadt ihren ursprünglichen Namen behalten, den sie bis nach Kriegsende 1975 trug: Saigon.

Die Stadt liegt etwas nördlich des Mekong-Deltas am Westufer des Saigon-Flusses. Sie ist nicht nur die größte Stadt des Landes, sondern auch wirtschaftliches und kulturelles Zentrum im Süden.

Immer sichtbar ist das Erbe Frankreichs. Das in der Kolonialzeit entstandene Rathaus, im Stile der Pariser Hôtel de Ville gebaut, wird vom monumentalen Ho-Chi-Minh-Standbild bewacht. Ein Stilmix, der die Besucher direkt ins geschichtliche Wirrwarr der Stadt hineinkatapultiert. Nicht nur der Vietnamkrieg und die französischen Kolonialherren beherrschten das Land, Japan besetzte es, mit Kambodscha und China gab es ebenfalls Konflikte.

Saigon Skyline

Saigon ist mit seinen 7 Millionen Einwohnern eine pulsierende Wirtschafts-Metropole.

Heute bietet Saigon eine ganz eigene Mischung aus Tradition und Moderne. Hier wird konsumiert, geshoppt, gefeiert. Im Gegensatz zu den Nordvietnamesen gelten die Menschen im Süden als offener: Offen für Konsum, Kontakte und für ausgiebiges Nachtleben.

Beim Besuch der Chinatown, den Tempeln und dem bunten Nachtleben wird klar: Saigon ist voller Dynamik, voller Widersprüche und voller Geschichte. Religiöse Demut in den Pagoden, zukunftsgerichtetes Arbeiten in den Büros. Armut und Aufschwung. Elendsquartiere neben Wolkenkratzern.

Bien-Phu, die Riesenkrake des vietnamesischen Verkehrs

Das Leben im Süden Vietnams wird vom Mekong bestimmt. Das fruchtbare Delta ist die Reiskammer des Landes und bietet den Bauern ein Leben mit harter Arbeit, aber ertragreichen Ernten. Auf den schwimmenden Märkten und den Märkten in den kleinen Fischerdörfern am Fluss wird die üppige Ernte an den Mann gebracht.

Beim Handel geht es laut und lebendig zu: es wird gelacht, gefeilscht, geredet. Kurzum: hier findet das soziale Leben statt, denn ansonsten ist das Leben auf den Reisfeldern ruhig.

Umso größer der Kontrast zur südvietnamesischen Metropole. Saigon muss oft als Beispiel herhalten, wenn es um das Straßenchaos in Asien geht. Und das nicht ohne Grund.

In den Straßen Saigons tummeln sich um die 5 Millionen Roller, die oftmals eine ganze Familie transportieren.  Vier, fünf Leute? Die leichteste Übung.

Oftmals dienen sie auch als Lastentransportmittel und es ist erstaunlich, wie viel sich auf einem Zweirad verstauen lässt. Stapelweise Cola-Kisten, Stroh oder in Kisten gepferchte Hühner? Nicht der Rede wert.

Schwerbeladener Motorroller

Achtung Schwertransport! Es gibt nichts, was in Ho-Chi-Minh-Stadt nicht auf Rollern transportiert wird.

Früher oder später treffen sich alle am Bien-Phu-Kreisverkehr. Dieser ist einer der größten und verkehrsreichsten Kreisverkehre der Welt. Wer in Saigon unterwegs ist, wird ihn zwangsläufig passieren, denn er liegt mitten im District 1 auf dem Weg zu einer der beliebtesten Attraktionen der Stadt, dem Ben-Thanh-Markt.

Vor der Markthalle in Saigon wartet die größte Herausforderung

In der größten Markthalle der Stadt, die 1914 von den Franzosen erbaut wurde, lässt es sich nach nach Herzenslust shoppen. Besonders abends, wenn der Nachtmarkt seine Tore öffnet, gibt es einiges zu entdecken: Kleidung, Souvenirs, Essen und Trinken. Hier wird geschaut, geschlemmt und gefeilscht.

Um jedoch gemütlich über den Markt schlendern zu können, gilt es zunächst eine handfeste Herausforderung zu meistern: Die Überquerung des Kreisels.

In Vietnam herrscht Rechtsverkehr. Zumindest theoretisch, denn in der Realität ist das nicht immer klar erkennbar.

Hier wird gefahren wo Platz ist, auf Gehwegen, entgegen Einbahnstraßen, im Gegenverkehr. Das Überholen funktioniert nach dem gleichen Prinzip. Doch bei all dem Chaos, ein paar Strukturen lassen sich erkennen. So gilt ein einfache Hierarchie, aus der sich folgende Grundregel ableiten lässt: Groß vor Klein. Oder auch: Der Stärkere gewinnt.

Hupen regelt den Verkehr in Saigon

Ganz unten in dieser Hierarchie steht der Fußgänger, danach kommen die Mopeds, weiter oben stehen die Autos und an der Spitze die Busse. Und auch ein weiteres Übereinkommen regelt den Verkehr: Hupen. Hupen heißt: „Achtung, ich komme.“ Aber manchmal heißt es auch schlichtweg „Hallo! Schön, dich zu sehen.“

Bei all dem Lärm, der Hektik und dem Chaos gilt es Strategien zu entwickeln, um heil durch den vietnamesischen Straßenverkehr von A nach B zu kommen. Die vietnamesische Gelassenheit scheint uns Deutschen mit all unseren Regeln, Ampeln und Schildern nicht gerade in die Wiege gelegt worden zu sein.

Zwischen europäischer Angsthasenmentalität und vietnamesischer Gelassenheit liegt aber auch eine traurige Wahrheit: Mit 12.000 Verkehrstoten pro Jahr rangiert Vietnam noch immer weit oben auf der Liste mit tödlichen Unfällen im Straßenverkehr.

Mit ein paar einfachen Regeln lässt sich der Straßenverkehr jedoch bewältigen. Denn mit etwas Übung wird man erkennen, dass das Chaos geordneter ist als man glaubt. Das Gute am beständigen Fließverkehr ist nämlich, dass es nur langsam voran geht. Die Masse an Fahrzeugen rollt, aber sie rollt zäh.

Das oberste Gebot in Saigon: Tief durchatmen und Ruhe bewahren

„Vorsehen statt Nachsehen“, diese alte Weisheit kann im vietnamesischen Straßenverkehr seinen Ursprung gefunden haben. Denn hier gilt zunächst einmal: Augen auf und aufmerksam sein!

Straßenkreuzung mit viel Verkehr

Wer eine Straße überqueren will, braucht gute Nerven, Gelassenheit und Mut.

Da sich das Verkehrsaufkommen nicht auf Straßen beschränkt, sondern überall dahin verlagert, wo eben ein Roller, ein Karren oder ein Fahrrad durchpassen, musst man immer und überall mit plötzlich auftauchenden Fahrzeugen rechnen.

Während man unbedarft und neugierig durch die Gassen stolpert, kommen Roller von links, Fahrräder von rechts und vor einem bleibt urplötzlich einen breiter Karren mit allerhand brutzelndem Fett stehen, eine fahrende Garküche.

Das bedeutet: Nicht verträumt in der Gegend herumschauen, nicht auf dem Smartphone lesen oder sonstwie ablenken lassen und aufmerksam sein. Ganz da sein im Hier und Jetzt ist die Devise.

Als Fußgänger ist man das schwächste Glied in der Kette der Verkehrshierarchie. Dessen sollte man sich bewusst sein. Fußgänger haben niemals Vorfahrt, nie.

Vorsicht gilt auch an Ampeln, die für uns Deutsche im eigenen Land ein Inbegriff von Sicherheit sind. Obwohl die Ampeln sogar so fortschrittlich sind und mit einem Countdown anzeigen, wann es wieder rot oder grün wird, sollte man sich nicht blind auf seine Grünphase verlassen. „6, 5, 4“ spätestens bei „3“ setzt sich die Meute in Bewegung und die ersten Roller preschen auf die Kreuzung, wo zunächst ein kleinerer Stau entsteht.

Im Reißverschlussverfahren arbeitet man sich dann voran. Für Fahrräder gelten übrigens keine der Verkehrsregeln, sie fahren einfach wann immer und wo immer es ihnen gefällt.

Und manchmal gilt nur noch: Augen zu und durch

Wer sich aufmerksam durch die Straßen bewegt, macht schon vieles richtig. Doch spätestens dann, wenn man das Schreckgespenst alias Bien-Phu erreicht hat, kommt man an seine Grenzen.

Man kann sich den riesigen Kreisverkehr wie ein Meeresungeheuer vorstellen. Wie eine riesige Monsterkrake liegt der Knotenpunkt vor einem, umschlingt jeden und zieht ihn zu sich heran, um ihn dann bestenfalls an einer anderen Stelle wieder abzuwerfen.

Einkaufsgassen in Ho Chi Min (Saigon), Vietnam

Auch durch die Einkaufsgassen knattert es Tag und Nacht.

Als Fußgänger erwartet einen folgende Aufgabe: Einmal in die Mitte kommen und von der Mitte auf die andere Seite. Klingt gar nicht so schwer. Wer dann am Straßenrand steht und sich den nicht abreißenden Strom an Fahrzeugen betrachtet, schüttelt höchstwahrscheinlich zunächst einmal ungläubig ein Kopf.

Wie schon erwähnt, braucht man auf eine Lücke im Verkehr erst gar nicht zu warten. Besser ist es sich ins Gedächtnis zu rufen, wie die Hierarchie funktioniert. Groß vor Klein.

Schritt für Schritt und nur nicht stehenbleiben

Man sucht also nicht nach einer Lücke, sondern wartet, bis möglichst wenig Busse und Lastwagen in unmittelbarer Umgebung sind, dann läuft man los. Und loslaufen bedeutet: Langsam vorwärts, Schritt für Schritt. Nicht stehen bleiben und vor allem keine plötzlichen Bewegungen machen oder gar losrennen.

Man muss berechenbar für die anderen Verkehrsteilnehmer bleiben. Die Roller und Autos nehmen einen als Hindernis wahr und fahren einfach an einem vorbei. Falls doch ein Bus oder Lkw auftaucht, dann bleibt man kurz stehen und lässt ihn vorbei und geht dann weiter.

Ist man in der Mitte des Kreisels angekommen, kann man kurz durchschnaufen, den Schweiß von der Stirn wischen und das gleiche Prozedere erneut vollziehen.

Das Ziel ist es, eins zu werden mit dem Verkehrsfluss. Denn schon Heraklit wusste „Panta rhei“ – alles fließt.

Vertrauenssache, oder: Nimm mich an die Hand

Man sieht sie immer wieder, die Menschen, die wie ein Häufchen Elend am Straßenrand stehen. Ihre Schuhe scheinen auf dem Teer festzukleben, was bei dieser Hitze durchaus möglich scheint.

Wer selbst nach endlosem Schauen und einigen erfolglosen Versuchen loszugehen noch immer am Straßenrand verharrt, der sollte Folgendes probieren: Man heftet sich einfach an einen oder besser noch mehrere Einheimische. Im Windschatten kann man lernen, wie man sich im Verkehr verhält und wird in der Gruppe gleichzeitig besser wahrgenommen.

Abgestellte Fahrradrikscha

Kaum zu glauben, aber wahr: Selbst in Saigon gibt es ruhige Ecken …

Zusammen ist man stark, das passt so gut in die Stadt, die nach einem kommunistischen Politiker, Patrioten und Revolutionär benannt wurde, der erst vietnamesischer Premierminister und schließlich Präsident der Demokratischen Republik Vietnam (umgangssprachlich Nordvietnam) war.

Also sollte man als unerfahrener Tourist zunächst an jeder Straßenkreuzung Ausschau nach anderen Fußgängern halten und an die Fersen heften. Die Vietnamesen sind ein stolzes Volk, gerade aber im Süden auch sehr aufgeschlossen und freundlich.

Im Gegensatz zum den Nordvietnamesen gelten die Menschen im Süden als kontaktfreudiger. So passiert es immer wieder, dass ein vorbeilaufender Einheimischer den verunsicherten Touristen am Ärmel zupft oder heran winkt. Mit einem breiten Grinsen und Geleitschutz geht es dann kurzerhand gemeinsam auf die andere Seite. Das nennt man Gastfreundschaft.

An einigen Verkehrsknotenpunkten gibt es sogar Polizisten, die Touristen gerne auf die andere Straßenseite bringen. Da kann dann wirklich nichts mehr schief gehen. Auf Einheimische zu vertrauen, ist vielleicht der beste Trick, um sicher durch die Straßen Vietnams zu kommen. Selbst fahren? Das muss nicht sein.

Viel schneller und vor allem sicherer kommt man mit einem vietnamesischen Steuermann von A nach B. Am schnellsten auf zwei Rädern, am sichersten auf vier Rädern. So spart man sich auch hoffentlich das berüchtigte „Farang-Tattoo“: Narben an Armen und Beinen von Touristen, die so manchen Geschichte über das Rollerfahren in Asien erzählen könnten …

5 wichtige Tipps & Tricks für den vietnamesischen Straßenverkehr:

  1. Aufmerksam sein: Hier wird gefahren, wo Platz ist, also Augen auf und Vorsicht!
  2. Die Hierarchie der Straße beachten: Der Größere gewinnt und Fußgänger sind das schwächste Glied in der Kette.
  3. Nicht stehen bleiben: Wenn man die Straße überqueren möchte, geht man Schritt für Schritt voran, langsam, ohne ruckartige Bewegungen, immer weiter.
  4. Einheimischen an die Fersen heften: Wer sich im Windschatten von Einheimischen aufhält, kann sich an deren Verhalten orientieren und wird in der Gruppe besser wahrgenommen.
  5. Nicht selbst fahren: Wer den Verkehr den Einheimischen überlässt, kommt sicherer ans Ziel.

Bildnachweis:
Titelbild: © Depositphotos.com/Hong Hanh Mac Thi
Vermummt auf dem Roller: © Depositphotos.com/Thomas Jahn
Farbenfrohe Feste: © Depositphotos.com/Pal Szilagyi Palko
Wirtschaftsmetropole Saigon: © Depositphotos.com/Elena Ermakova
Schwertransport: © Depositphotos.com/Hong Hanh Mac Thi
Straße überqueren: © Depositphotos.com/Hong Hanh Mac Thi
Einkaufsgassen: © Depositphotos.com/Andrey Bayda
Ruhige Ecken/Fahrrad: © Depositphotos.com/Phuong Nguyen Duy

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