Vatnajökull-Nationalpark

Denkt man an Nationalparks, dann kommt vielen der Krüger-Nationalpark mit seiner Steppe und den berühmten Big Five in den Sinn. Vielleicht auch der kalifornische Yosemite-Nationalpark mit seiner Felsenwelt, Riesenmammutbäumen und Artenvielfalt.

Doch diesmal begeben wir uns in ganz andere Gefilde. Wir besuchen einen Nationalpark, der nicht mit seiner Tierwelt, dafür aber mit seinen Extremen und seiner atemberaubenden Landschaft überzeugt: der Vatnajökull-Nationalpark in Island, der größte Nationalpark Europas.

Island-Hype: Von sympathischem Fußball und grandioser Natur

Island: Kaum ein Land formt so schnell Bilder in den Köpfen. Es ist das Land mit klirrender Kälte und glühender Lava, das Land aus Eis und Feuer. Die kleine Insel ist die Heimat der Wikinger und der vielleicht sympathischsten Fußballnationalmannschaft in der Geschichte des Rasensports. Auch wenn es für den Sieg bei der EM nicht reichte, der Medienrummel löste einen neuen Reisetrend aus. Die Zeiten als Island nur noch wegen der Wirtschaftskrise in aller Munde war, ist endgültig vorbei. Die Reisebranche boomt.

Island, magisches Land

Island, das magische Land, das einem sofort Bilder wie dieses in den Kopf zaubert.

Auch Geologen kommen ins Schwärmen, wenn sie über Island sprechen, denn das Land ist ein Paradebeispiel für geologische Veränderungen und eines der jüngsten der Erde. Vor nicht einmal 20 Millionen Jahren formte sich aus Lava der Grundstein der Insel, deren Aussehen sich im Zeitraffer zu verändern scheint. Erosionen und Vulkanausbrüche wie zuletzt 2014 sorgen für Verschiebungen und Veränderung der Oberfläche.

Auch die Erderwärmung und die damit immer kleiner werdende Eisfläche halten das Land in Bewegung. Im Vatanjökull-Nationalpark sind diese Veränderungen allgegenwärtig. Mit rund 12.000 km² bedeckt der Vatnajökull-Nationalpark heute rund 12% der Insel. Gute 8000 km² davon nimmt allein der Vatnajökull-Gletscher ein, der dem Park seinen Namen gab.

Nur in der Antarktis und Grönland gibt es größere Eismassen. Doch Jahr für Jahr werden die Gletscher kleiner und keiner weiß, wie lange es den Vatnajökull-Gletscher noch in seiner Pracht geben wird.

Vatnajökull-Nationalpark: Islands Extreme in einem Park

So klein Island ist, es ist ein Land der Superlative. So ist der Vatnajökull-Nationalpark seit der Eingliederung des Skaftafell- und Jökulsárgljúfur-Nationalparks und des Laki-Kraters ist er nicht nur der jüngste Nationalpark der Erde, sondern auch der größte Europas und zweitgrößte der Welt.

Die Zusammenlegung verschiedener Schutzgebiete seit 2008 zum neuen Vatnajökull-Nationalpark hatte nicht zuletzt wirtschaftliche Gründe. Es sollten endlich wieder mehr Touristen ins Land, und das hat ziemlich gut funktioniert.

Selfoss-Waserfall

Wasser, immer wieder Wasser, in seinen faszinierendsten Variationen, wie hier der Selfoss-Waserfall.

Mit dem Dettifoss beherbergt der Park einer der größten Wasserfälle der Insel, Gletscher, die bis zu 900 Meter in die Höhe ragen und gleich sechs Vulkane, von denen einige durch ihre besonders hohe Aktivität auffallen. Es sind die Gegensätze, die die Landschaft immer wieder aufs Neue so interessant macht: Brodelnde Hitze im Boden, die sich mal als Geysire in die Luft katapultiert, mal als Lava aus der Erde kocht. Daneben riesige Eispanzer, Geröllwüsten und Wasserfälle, die Wissenschaftler und Touristen gleichermaßen begeistern. Und wenn dann die Nordlichter den Himmel in magisches Licht tauchen, spätestens dann ist jeder diesem Land verfallen.

Ewiges Eis in ständiger Veränderung: Gletschertouren auf dem Vatnajökull

Nur wenige Kilometer von der Ringstraße entfernt, die einmal um die ganze Insel führt, erstrecken sich die Ausläufer des Gletschers. Die Gletscherzungen führen direkt hinauf in die ausgedehnten Eiswelten.

Wenn es da Wetter zulässt, sind geführte Touren die beste Möglichkeit, um den Gletscher zu besteigen. Zu Fuß, mit dem Jeep oder mit dem Skidoo – es gibt gleich eine Reihe an Möglichkeiten, um die Ausmaße des Gletscher zu erahnen.

Wo die Skidoo sicherlich für Adrenalin sorgen, sind vor allem die Gletscherwanderung ein Erlebnis der besonderen Art. Denn auf einem Gletscher bedeutet wandern auch einmal Eis-Klettern oder über Eisspalten springen. Ausgerüstet mit Helm, Steigeisen, Eisaxt und Berggurt geht es aufs Eis. Rund fünf Stunden dauern die meisten Touren, die speziell auf Touristen ohne besondere Vorkenntnisse ausgerichtet sind.

Vatnajökull-Nationalpark, Höhlenwanderung

Der kleine Mensch, die gewaltige Natur: Bei einer Gletscherlagune kann man einfach nur staunen.

Auch wenn es kaum zu toppen scheint, ein ganz besonderes Highlight sind die Touren in die Gletscherhöhlen. Wer diese Eishöhlen betritt, dem stockt der Atem, so surreal sehen diese Eisskulpturen aus. Das jahrhundertealte Eis, das durch den gewaltigen Druck und die unterschiedliche Lichtbrechung so intensiv blau wirkt, erweckt den Eindruck, als wäre man unter Wasser.

Die für die Touristen zugänglichen Höhlen wechseln jedes Jahr, denn das Eis ist stetigem Wandel ausgesetzt. Die Höhle, die im letzten Jahr noch riesig groß war und von hunderten Touristen besucht wurde, existiert in diesem Jahr wahrscheinlich gar nicht mehr. Dafür gibt es andere, die nicht minder überwältigend sind. In Island ist man den ständigen Wechsel gewöhnt. Unberechenbarkeit im ewigen Eis. Eismassen bewegen sich, schmelzen, Vulkanausbrüche verändern den Boden und das Wetter kann von einen auf dem anderen Moment wechseln. In Island ist die Natur ein Schauspiel, dem der Mensch nur zuschauen kann.

Herðubreið: Tafelvulkan der Götter

Das rauschende Wasser der Wasserfälle, die mythische Anmut des Tafelvulkans: Die Landschaft um den Gletscher ist von Gegensätzen geprägt. Im Norden erstreckt sich das Hochplateau, das von Gletscherflüsse, Wasserfällen und Vulkanen dominiert wird.

Vor allem bei Wanderern ist der Norden des Parks beliebt. Die Wasserfälle und riesige Schluchten, die vom Gletscherwasser im Laufe der Zeit in das Plateau gegraben und über Jahrmillionen geformt wurden, sind faszinierend. Hier gibt es nicht nur den Dettifoss, einer der größten Wasserfälle der Insel zu erwandern, sondern auch den Vatnajökull-Gletschersee, der tiefblau am Nordrand des Gletschers liegt. Immer wieder geht es bergauf, um dann einen grandiosen Blick über die Täler und Gletscherzungen zu haben. Ein Panorama, das man wieder und wieder bestaunen will.

Ausblick auf eine Gletscherlagune

Erhabener Ausblick: So sieht eine Gletscherlagune von oben aus.

Herðubreið heißt der prominenteste Berg der Region. Aus der flachen Umgebung erhebt sich der Tafelvulkan plötzlich in die Höhe. Ein Tafelvulkan entsteht dann, wenn unter einer Eisschicht eine Vulkan ausbricht. Dann schmilzt das Eis und die Lava steigt so lange in die Höhe bis diese wiederum an der Eismasse erstarrt.

So majestätisch wie hier der Herðubreið aus der Erde ragt ist es kein Wunder, dass man hier das Vorbild für Asgard sieht, den Wohnsitz der Götter in der nordischen Mythologie. Doch nicht nur der Berg ist könnte so einige Geschichten erzählen. Am Fußes des Berges befindet sich die Oase Herðubreiðlindir, die durch Quellen entstand, die hier aus dem Untergrund emporsprudeln. In dieser Oase wohnte einige Jahre der in Island legendäre Fjalla-Eyvindur. Nachdem er 1760 wegen Diebstahl verurteilt wurde, floh er mit seiner Frau in die Wildnis, wo er 20 Jahre überlebte.

Vom Kraterfeld in die Sumpfgebiete

Im Westen des National-Parks befinden die Eldgjá-Spalte, die sogenannte Feuerschlucht und die Laki-Krater, die an ein Ereignis erinnern, das im 18.Jahrhundert ganz Europa in Atem hielt. Das sogenannte „Laki-Feuer“ begann am Pfingstsonntag 1783. Aus einem Felsspalt mit 20 km Länge und insgesamt 130 Kratern spuckte die Erde Feuer und wollte gar nicht mehr aufhören.

Die Eruptionen dauerten bis ins Jahr 1784 hinein an und forderten viele Opfer. Vor allem die giftigen Gase, die sich mit der Asche auf dem Boden absetzten forderte ihren Tribut. Sie zerstörten einen Großteil der Vegetation und sorgten für Missernten. Hungersnöte, denen nicht nur die Hälfte des Viehs, sondern rund ein Drittel der Bevölkerung zum Opfer fielen waren die Folge.

Doch auch im restlichen Europa war der Ausbruch bemerkbar. Ein schwefelhaltiger Nebel sorgte für Todesopfer und eine Veränderung des Klimas, das für Missernten sorgte. Manche sagen sogar, dass es die Folgen des Vulkanausbruchs waren, die letztendlich die angespannte Situation in Frankreich in der Revolution 1789 gipfeln ließen.

Heute erinnern nicht nur die unzähligen Krater an die Ereignisse, ein Besucherpfad führt die Touristen auf gut 500m vorbei an den Kratern und durch die Geschichte dieses Ausbruchs.

Im Osten ein ganz anderes, grünes Gesicht

Nach der zerstörerischen Kraft der Vulkane tut ein wenig Abwechslung und Lebendigkeit gut. Im Osten hat der Nationalpark ein ganz anderes Gesicht. Hier sind es Sumpfgebiete und Flüsse, die die Landschaft prägen und fruchtbar machen. Diese grünen Gebiete sind Lebensraum unzähliger Tiere wie Rentiere, Enten und einer der letzten Orte für die bedrohten Kurzschnabelgänse. Die Sumpfgebiet sind der krasse Kontrast zum Gletscher; ein Ort des Lebens in einem sonst oft lebensfeindlichen Gebiet.

Auf der Südseite des Gletscher überragen Bergkämme die Landschaft und der höchste Gipfel Islands, der Hvannadalshnjúkur, liegt majestätisch in dieser Bergkette. Von hoch oben erstrecken sich Gletscherzungen bis in die Täler.

Svartifoss-Wasserfall im Vatnajökull-Nationalpark

Rauschende Wassermassen bietet auch der mächtige Svartifoss-Wasserfall.

Neben dem weißen Gletscher befinden sich die grün bewachsenen Hügel von Skaftafell, die idyllisch zwischen den Bergkämmen und Gletschern liegen. Kleine lila Weidenröschen blühen neben dem Gletscherfluss Morsá, die hier ganz gemächlich seinen Bahnen zieht. Plötzlich wirkt alles ganz idyllisch, nichts erinnert an die rauschenden Wassermassen, mit denen sich der Wasserfall Morsárfoss zuvor die Klippen hinabstürzte. Der Fluss mündet schließlich in den Skeiðar, an dessen Sandbänken sich schwarzer Sand sammelt, der hauptsächlich aus Vulkanasche besteht und durch die Gletscherläufe aus dem Vatnajökull-Nationalpark hinaus gen Küste transportiert wird.

Egal, welchen Teil des Nationalparks man besichtigt, egal, wie oft man schon da war oder zu welcher Jahreszeit man kommt: Der Vatnajökull-Nationalpark ist immer ein besonderes Erlebnis. In diesem Park trifft all das aufeinander, was Island ausmacht, in all seinen Extremen. Der ständige Wandel der Landschaft fasziniert immer wieder aufs Neue. Und wer dann doch noch ein wenig Abwechslung haben will, der besucht einfach die beiden anderen isländischen Nationalparks Þingvellir and Snæfellsnes. Die Namen werden auf jeden Fall nicht leichter.

Infos zum Vatnajökull-Nationalpark

Der Vatnajökull-Nationalpark besteht aus Hochland und Ebene. Das Hochland ist aufgrund der Wetterverhältnisse nur im Sommer zugänglich. Von Herbst bis Juni oder Juli, je nach Wetterlage, sind die Besuchszentren in den Hochebenen geschlossen und die Straßen unbefahrbar.

In den Tiefebenen kann der Park ganzjährig besichtigt werden. Wetterbedingt kann es dennoch zu Schließungen kommen. Es ist also immer ratsam, sich über die aktuelle Wetterlage zu informieren.

Wanderer im Nationalpark

Vor jeder Wanderung im Vatnajökull-Nationalpark ist es ratsam, sich über das Wetter zu informieren.

Der Park kann mit einem geländefähigen Auto befahren werden, jedoch dürfen markierte Wege nicht verlasen werden, weder zu Fuß noch mit dem Auto.

Desweiteren ist im Nationalpark folgendes nicht gestattet: freies Campen, offenes Feuer, Vergraben von Abfall, Freies Laufen von Hunden, Verunreinigung von Wasser, das Stören der Wildtieren, die Zerstörung oder Veränderung geologischer Formationen und das Ausreißen von Pflanzen.

Das Wildcampen ist im Nationalpark nicht gestattet. In Jökulsárgljúfur, Skaftafell, Snaefell und Laki gibt es offizielle Campingplätze. Außerdem gibt es Hütten, die zum Übernachten angemietet werden können. Alles Infos rund um den Nationalpark gibt es hier: http://www.vatnajokulsthjodgardur.is/english

Bildnachweis:

Titelbild: © Depositphotos.com/Jens Ickler
Landschaft mit rotem Haus: © Depositphotos.com/Martin Molcan
Selfoss-Wasserfall: © Depositphotos.com/Jakob Radlgruber
Höhlentour: © Depositphotos.com/Somchai Jongmeesuk
Gletscherlagune: © Depositphotos.com/Piotr Gatlik
Svartifoss-Wasserfall: © Depositphotos.com/Maksym Topchii
Wanderer: © Depositphotos.com/Martin Mark Soerensen