Genussreise Elsass: Wo deutsche Bodenständigkeit auf französische Raffinesse trifft

Von Karlsruhe dauert es keine dreiviertel Stunde und schon ist man in Straßburg. Nicht mehr deutsch, noch nicht so ganz französisch – Straßburg ist eine Mischung, die mehr ist als die Summe seiner Teile.

Ist das Elsass einfach nur eine gut gelungene Mixtur aus Deutschland und Frankreich? Wir haben uns auf kulinarische Entdeckungsreise begeben – immer auf der Suche nach dem typisch Elsässischen.

Kein Frühstück, kein Nachmittagskuchen – Die ersten Unterschiede

Unsere Genussreise durchs Elsass beginnt im Zug, dem ICE, der auf dem Weg nach Paris Karlsruhe und Straßburg passiert. Im Zug verweist das deutsch-französische Zug-Team auf den gastronomischen Service. Doch wer will schon im Zugbistro essen, wenn man gleich in Frankreich ist?

Genussreise Elsass
Alle Wege führen ins Elsass – zumindest, wenn man Genussreisender ist.

Wer den Bahnhof in Straßburg verlässt – eine architektonischen Mischung aus historischem Sandstein und modernen Glasfronten – befindet sich gleich mitten in der Altstadt. Auf der Suche nach einem hübschen Café für ein zweites Frühstück ist schnell klar, dass man tatsächlich in Frankreich weilt: Im Gegensatz zu den Deutschen, die ihr Frühstück mit Milchkaffee, Brötchen, Wurst, Käse, Eierspeisen und frischem Obst zelebrieren, muss bei den französischen Nachbarn und auch im vermeintlich so deutschen Elsass der Kaffee mit Croissant herhalten.

Der Straßburger kippt am liebsten direkt an der Theke den Espresso hinunter, wirft einen kurzen Blick auf die Titelseite der „Dernières Nouvelles d’Alsace“ – und das war es mit der vermeintlich wichtigsten Mahlzeit.

Und für die Deutschen kommt es noch schlimmer. Auch den Kaffee und Kuchen am Nachmittag kennen weder Franzosen noch im Speziellen die Elsässer. Hier gibt es Kuchen als Dessert nach dem Abendessen. Doch keine Sorge, gerade in Straßburg haben sich die Gastornomen auf die deutschen Nachbarn eingestellt. In Hotels und Teesalons warten Frühstücksbuffets und Kuchen.

Bleiben wir beim Frühstück: Statt einem Café lohnt sich der Besuch in einer Boulangerie, einer französischen Bäckerei. Der Duft kitzelt von weitem schon die Nase, die Auslage ist üppig befüllt und die Auswahl dementsprechend groß.

Meisterstücke namens Macarons

Hier in der Bäckerei sieht man die Mischung aus deutschen und französischen Einflüssen auf den ersten Blick: Französische Tartelettes und Baguettes reihen sich an Schwarzbrot und Kaiserbrötchen. Dazu gibt es Feigenbrot, Eclairs, Brioches und natürlich die hübschen kleinen Macarons. Wer sich bisher noch nicht an die farbenfrohen Macarons getraut hat, in der Annahme, dass sie zuckersüß und staubtrocken seien, muss spätestens im Elsass eines der kleinen Meisterstücke probieren. Ganz entgegen ihrem Aussehen sind sie saftig-weich, süß aber in erster Linie fruchtig und erfrischend. Eine kleine Offenbarung.

Genussreise Elsass, "Petite France" of Strasbourg
Genießen in Straßburg geht mit Augen und Gaumen, wie hier im „Petite France“.

Auch der typische Gugelhupf aus Hefeteig, gespickt mit Nüssen ist hier zu finden. Der Legende nach kamen die heiligen drei Könige auf ihrem Rückweg aus Bethlehem ins Elsass und hinterließen diesen Kuchen, der ein wenig an einen Turban erinnert, als Geschenk. Im Städtchen Ribeauvillé findet jeden zweiten Sonntag im Juni ihm zu Ehren ein Gugelhupf-Festival statt.

Straßburg: Kulinarische Schätze an jeder Ecke

Straßburg kennen manche vielleicht noch aus der Schule. Der obligatorische Ausflug zum Europäischen Parlament, Besuch im Münster, Petite-France und zurück zum Bahnhof. Wer zum ersten Mal in Straßburg ist, sollte sich die Sehenswürdigkeiten ansehen. Das Münster ist beeindruckend, die Fachwerkhäuser in Petite-France charmant.

Wem der Rummel gerade an den hochfrequentierten Samstagen zu viel wird, der lässt sich einfach treiben. Die nächste Gasse links, dann wieder rechts und schon steht man an den schönsten Ecken, oft ganz ohne andere Touristen.

Flammkuchen, Tarte flambee
Flammkuchen – was sonst? Wer ihn nicht probiert hat, kann nicht in Straßburg gewesen sein.

Wen es aus den engen Gassen ins Grüne zieht, der kann im Kaiserviertel zunächst die deutsche Gründerzeitarchitektur und die guterhaltenen Prachtbauten im „Quartier Ammenade“ bewundern. Oder im Herzen des Viertels dem Botanischen Garten einen Besuch abstatten. Wer genug Ruhe und vielleicht ein wenig Hunger bekommen hat, der spaziert entlang der Ill zurück in die Altstadt und macht sich auf die Such nach einem Platz für das Mittagessen.

Wo könnte man authentischer speisen als in einer „Winstub“? Allein das Wort zeugt vom deutschen Einfluss. Hier geht es bodenständig zu, feine französische Haut Cuisine sucht man hier vergeblich. Und genau das ist der Reiz.

Kleine Gerichte mit einem guten Tropfen Wein zu erschwinglichen Preisen in gemütlicher Atmosphäre, das ist das Prinzip. Genuss steht hier im Vordergrund und ein Essen kann sich gerne einmal über mehrere Stunden ziehen.

Ein große Tafel mit Familie und Freunden, Vorspeisen, Dessert, Digestif – absolut französisch.

Das ganze Spektrum von Karttoffelpuffer bis zur Tarte flambee

Das wegen seiner Lage direkt an der Ill in Petite-Fance beliebte „Au pont St. Martin“ ist ein Beispiel von vielen. Am Fenster mit Blick auf den Fluss sitzt man an auf Bänken an kleinen Holztischen mit karierten Tischdecken. Auf der Speisekarte stehen deutsche Kartoffelpuffer, pfälzische Leberknödel, aber auch die typisch elsässischen „Baeckeoffe“ und natürlich Flammkuchen, oder wie die Franzosen sagen „Tarte flambee“.

Au Pont-St.Martin
Au Pont St. Martin – eine Winstub, wie sie im Bilderbuch steht.

Der Baeckeoffe ist ein Eintopf aus Fleisch, Kartoffeln und Zwiebeln, so weit so deutsch. Der französische Touch kommt durch die gute Portion Weißwein, erklärt der Kellner. Das mache den Unterschied nicht nur beim Eintopf, sondern zum Beispiel auch beim Sauerkraut, das als „choucrute“ so seine französische Note bekommt.

Aus der Küche dampft es, der Backofen verteilt seine Hitze bis in die Stube. Die Gesichter sind gerötet, mitunter vom guten Gewürztraminer, der als Aperitif gereicht wurde oder vom lokalen und vollmundigen Bier.

Die Tarte flambee isst man im Elsass am liebsten nur mit Speck, Zwiebeln und Schmand, so wie man ihn auch in den angrenzenden Regionen wie der Pfalz bekommt. Die einzig akzeptierte Variante bei Traditionalisten ist die süße Version mit Äpfeln und Calvados.

Flammkuchen essen geht im Elsass so: Auf den Tisch wird in die Mitte ein großer, in Stücke geschnittener Flammkuchen gestellt, den man sich teilt. Auf die Tischdecke wird mit einem Strich jeder Flammkuchen vermerkt. Am Schluss wird dann zusammen gezahlt. Und wer nun getrennt abrechnen will, der wird sofort als typisch deutsch abgestempelt.

Alles Käse: Auf dem Spuren des Münsterkäses

Das Elsass ist mehr als Straßburg, also bewegen wir uns raus aus der Stadt. Die Region ist ein kleiner Landstrich, die Verehrung könnte aber kaum größer sein. Poeten und Gelehrte äußerten sich verzückt über Vogesen und Rhein, über Genuss und Lebensfreude. Das Einfache und Bodenständige der Deutschen und das französische „Savoir-vivre“ scheint auf dem Land eine besonders harmonische Beziehung zu entfalten.

Was zunächst so gegensätzlich scheint, geht im Elsass eine besondere Symbiose ein.

Colmar
Colmar, eine von so vielen malerischen Städtchen im Elsass.

Eine Reise durch das Elsass führt durch malerische Städte und Dörfer wie Colmar oder Mulhouse, vorbei an abgeschiedenen Dörfern und immer wieder durch die von Weinbau und Felsland geprägte Natur. Die landwirtschaftlich genutzte Ebene und der Weinbau auf der einen Seite, die raue Vogesenlandschaft auf der anderen Seite.

Wer neben dem Schlemmen aktiv werden will, der findet hier ausreichende Wander- und Radwege. Das Naturschutzgebiet „Petite Carmargue“ bietet sich für lange Wandertouren an, am Rhein fährt man mit dem Rad auf deutscher Seite hin und französischer zurück oder umgekehrt.

Jede Menge Sternerestaurants inmitten all der Deftigkeit

Unsere kulinarische Reise führt uns entlang einer ganz besonderen Route, der „Route du fromage“. Auch wenn das Essen im Elsass deftiger ist als im Rest des Landes, gibt es in keiner anderen Region Frankreichs mehr Sternerestaurants als hier. Doch richtig regional geht es nicht in den Sternerestaurants, sondern in den vielen kleine Weinstuben, Gasthöfen und Bistros zu.

Die elsässische Käsestraße beginnt und endet im bekanntesten Ort, in Munster. Von hier kommt der berühmte Münsterkäse, ein Weichkäse, der bereits im 7. Jahrhundert von Mönchen hergestellt wurde, um Milch haltbar zu machen. Rund 5 Liter Milch braucht man für ein Pfund Münsterkäse.

Genussreise Elsass, Münsterkäse
Er riecht schon beim Hinschauen: der berühmte Münsterkäse. Nichts für zarte Nasen …

Am liebsten wird er pur zu einem Stück Brot gegessen, vielleicht mit ein wenig Kümmel. So findet man ihn auf den Speisekarten in der Region. Als ganze Mahlzeit wird der Münsterkäse zu Kartoffeln und grünem Salat gereicht oder als „Tartiflette au Munster”, einem Kartoffelauflauf mit Käse überbacken. Dazu ein Gewürztraminer, mehr braucht der kräftige Weichkäse nicht.

Übrigens: Der regionale Käse hat einen richtigen Fanclub. Die Bruderschaft „La Confrérie du Taste Fromage“ vereint Käseliebhaber und insbesondere Fans des Münsterkäses und zählt fast 500 Mitglieder.

Käseroute mit Panoramablicken

Von Munster führt die Käseroute über Soultzeren und Geisberg. Hier geht es in die Vogesen zu Bergseen, auf den Gebirgspass Col de la Schlucht und von dort in die Vogensenorte Breitfirst, Sondernach und Metzeral mit wunderschönen Panoramablicken über die Rheinebene bis hin zum Schwarzwald auf der anderen Rheinseite.

Die Route führt vorbei an idyllischen Bauernhöfen. Rund 50 sogenannte „Fermes-Auberges“ sind es insgesamt, die den Käse in kleinen Mengen direkt am Hof verkosten und verkaufen.

Der Besuch in Munster lässt sich mit einem Besuch im „Maison du Fromage“ abrunden. Der hiesige Tourismusverband setzte sich für ein Käsemuseum ein, das sich auf über 2000m² dem Münsterkäse widmet. Eine Schaukäserei, Vogesenrinder, eine Parkanlage, Workshops und nicht zuletzt ein Restaurant lehren alles rund um das Kulturgut und Lebensmittel Nummer 1 in Munster.

Genussreise Elsass auf verschiedenen Pfaden

Das Tolle am Elsass ist die Vielfalt. Wer kein Käsefan ist, nimmt statt der Käseroute die Weinroute, konzentriert sich auf Flammkuchen, Wurstspezialitäten, Sternerestaurants oder Süßspeisen. So viel, wie man im Elsass probieren möchte, passt bei einer Reise gar nicht in den Magen. Die Region, so klein sie auch sein mag, ist eine zweite Reise wert – oder auch eine dritte.

Manche wollen gar nicht mehr weg, so wie der Koch Lutz Janisch, der am Rande des Elsass in Bitche sein Hotel-Restaurant „Le Strasbourg“ eröffnete und in erster Linie mit regionalen Produkten arbeitet. Vor über 25 Jahren kam Janisch nach Frankreich. Nach dem Fall der Mauer wollte der Ostdeutsche seinen Beruf als Landmaschinenmechaniker hinter sich lassen und etwas Neues probieren. Eine gute Idee: Als erster Deutscher wurde er 2009 mit einem Michelin-Stern ausgezeichnet.

Genussreise Elsass
Diese bezaubernde Mischung aus französisch und deutsch (hier in Hunawihr), macht das Elsass so hoch attraktiv.

Egal, welche Speisen man probiert, ob in den Städten oder auf dem Land, man merkt schnell: Das Elsass ist nicht nur eine Mischung aus deutsch und französisch, es ist viel mehr. Die Symbiose aus französischem Charme und deutscher Gemütlichkeit verzaubert von der ersten Minute.

In der Sprache vermischen sich Worte zu entzückenden Neukreationen, auf dem Teller ergeben deftige normannische Gerichte mit der französischen Raffinesse ein stimmiges und überraschendes Geschmackserlebnis.

Das Gegensätzliche hat sich zu einer ganz eigenständigen Lebensart entwickelt. Das Elsass kokettiert mit beidem und ist doch selbstbewusst anders.

Nicht ganz deutsch, nicht ganz französisch, eben elsässisch. Und das merkt man in der Kultur und auf dem Teller.

Bildnachweis:

Titelbild: © Depositphotos.com/Stefano Orazzini
Straße durch die Weinberge: © Depositphotos.com/Claudio Giovanni Colombo
Petite France: © Depositphotos.com/Leonid Andronov
Flammkuchen: © Depositphotos.com/Piotr Krześlak
Au pont St. Martin: Julia Schattauer
Colmar: © Depositphotos.com/Anuphan Sukhapinda
Münsterkäse: © Depositphotos.com/Alena Dvorakova
Hunawihr: © Depositphotos.com/Richard Semik

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