Transsibirische Eisenbahn: Ein Abenteuer von Moskau bis Peking

Transsibirische Eisenbahn

Im Sommer 2009 ist Jonas Breuer zusammen mit zwei Freunden mit der Transsibirischen Eisenbahn innerhalb von fünf Wochen von Moskau bis nach Peking gefahren. Von Peking aus ging es in die chinesische Hafenstadt Qingdao, wo die drei ein Semester lang studiert haben.

Über seine Erfahrungen auf der Reise berichtet er ausführlich auf der Seite transsib-tipps.de – eine der besten Seiten zum Thema Transsibirische Eisenbahn im deutschsprachigen Raum. Wir haben ihn gefragt, was er während des fünfwöchigen Abenteuers erlebt hat, für wen eine Reise mit der Transsib überhaupt geeignet ist und welche Empfehlungen er für unsere Leser hat.

Hi Jonas, wenn ich bei Google Maps die Strecke Moskau – Peking in der Routenplanung eingebe, heißt es: „Öffentliche Verkehrsmittel nicht verfügbar“. Du weißt aus Erfahrung, dass das nicht stimmt. Wie kommen junge Menschen auf die Idee, von Moskau nach Peking mit dem Zug zu fahren? Die meisten stöhnen ja schon, wenn sie fünf Stunden von München nach Wien mit der Bahn unterwegs sind …

Jonas: Gute Frage. Ein Freund von mir erzählte mir von seinem geplanten Auslandssemester in China und ob ich nicht auch darauf Lust hätte. Ich fand die Idee sofort klasse. Ein Bekannter von ihm hatte von der Reise mit der Transsib geschwärmt und damit hatten wir den „Proof of Concept“. Ob eine Zugfahrt spannend oder langweilig ist, hängt ziemlich von der Herangehensweise ab. Für uns war es ein großes Abenteuer in einer fremden Umgebung mit dem Ziel „Ende der Welt“. Einige Mitfahrer, die jede Woche mit den russischen Zügen fahren, sehen das sicher anders.

Habt ihr euch vorher gedacht: Wow, das wird wohl das Abenteuer unseres Lebens? Und wie lautet 7 Jahre später und nach vielen weiteren Reisen die Einschätzung dessen, was ihr damals gemacht habt?

Jonas: Für mich war es die erste große Reise auf eigene Faust und wird daher für immer etwas besonderes bleiben. Das Erste, was wir gemacht haben, war den One-Way Flug nach Moskau zu buchen, damit niemand einen Rückzieher machen kann. Zugtickets haben wir spontan vor Ort gekauft. Niemand von uns konnte Russisch. Für den ersten Trip war das schon ziemlich abenteuerlich. Heute, mit einigen Jahren Reiseerfahrung mehr, würde ich es aber wieder genau so machen, um flexibel zu sein und Raum für Spontanität zu haben.

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Schlaf- und Wohnzimmer für mehrere Wochen: Jonas Breuer in einem Abteil der Transsib.

In der Checkliste auf deiner Webseite schreibst du so schön: „Familie und Freunde beruhigen, dass Russland nicht gefährlich ist (ständig)“. Wie gut ist das gelungen und wie hast du persönlich das Thema Sicherheit im Zug und bei den Aufenthalten erlebt?

Jonas: Haha. Meine Familie hat mich zum Glück super unterstützt und ich musste nur wenig Überzeugungsarbeit leisten. Ich bekomme jedoch so häufig E-Mails von besorgten Reisenden und deren Eltern mit Fragen zur Sicherheitslage, dass dieser Punkt für viele Leute auf die Checkliste gehört. Ich habe mich während der Fahrt nie unsicher oder bedroht gefühlt, auch nicht nachts nach einer Party in Moskau. Ich würde empfehlen, die wirklich wertvollen Sachen in der Hosentasche zu lassen, wenn man im Zug schläft und ansonsten den gleichen gesunden Menschenverstand anzuwenden wie überall auf der Welt.

Ich finde es super, dass du hier viel von der Panikmache herausnimmst, die gerne an anderer Stelle verbreitet wird. Und gleichzeitig kann ich verstehen, dass Menschen Angst vor der Fahrt mit der Transsibirischen Eisenbahn haben, weil sie der russischen Sprache nicht mächtig sind und die Schrift nicht lesen können. Da kommt ein wenig das Gefühl von Hilflosigkeit auf. Wie wichtig ist in dem Punkt eine gute Vorbereitung?

Jonas: Ja, das ist sicher ein Thema, was wir ziemlich unterschätzt hatten. Kaum jemand in Russland konnte Englisch. Das ist heute vermutlich etwas besser, aber sicherlich noch immer keine Selbstverständlichkeit. Dafür hat heute jeder ein Smartphone, was wir damals nicht hatten. Ich würde die Google Translate App und das russische Sprachpaket herunterladen, sodass man das komplett offline benutzen kann. Dann noch die russische Sprachhilfe von Transsib Tipps ausdrucken und du bist ziemlich gut vorbereitet. Die Schrift sieht erst sehr fremd aus, das Alphabet ist aber recht einfach zu lernen, da viele Buchstaben identisch oder ähnlich sind. Schwierig wird es erst, wenn du über die chinesische Grenze fährst.

„Mein wichtigster Tipp ist, sich eine Agentur für das Visum zu gönnen.“

Apropos Vorbereitung: Völlig blauäugig sollte wohl niemand einen individuellen Trip mit der Transsib unternehmen. Was sind neben der rechtzeitigen Beantragung eines Visums die wichtigsten Tipps, um eine entspannte Reise zu haben?

Jonas: Mein wichtigster Tipp ist, sich eine Agentur für das Visum zu gönnen. Wenn man das selbst macht, braucht man viel mehr Nachweise, Zeit und Nerven, dass es sich selbst für einen armen Studenten nicht rechnet. Wichtig ist auch, dass man einen Nachweis für eine Auslands-Krankenversicherung für den Antrag parat hat. Die deutsche gesetzliche Versicherung wird leider nicht akzeptiert. Ob man seine Zugtickets vorab online bucht oder vor Ort am Schalter kauft, ist eine Stilfrage. Wer Planungssicherheit braucht, bucht vorab, wer das pure Abenteuer sucht, kauft am Schalter. Bei den Zügen gilt: Je kleiner die Zugnummer, desto moderner ist der Zug.

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Schöne Aussichten: Wälder, Weite und ein 500 Meter langer Zug.

Angenommen, jemand ist mutig und entscheidet sich für eine Fahrt in der 3. Klasse – zumindest für einen Teil der Strecke. Auf was darf er sich alles gefasst machen, wenn er mit 53 anderen Menschen, allesamt Einheimische, in einem Abteil mit Stockbetten untergebracht ist?

Jonas: Du wirst auf jeden Fall einige Aufmerksamkeit erregen. Leute werden versuchen mit dir zu reden, egal wie oft du erklärst, dass du ihre Sprache leider nicht sprichst. Andere werden ihr Essen mit dir teilen. Die meisten Leute in der 3. Klasse sind russische Familien und die Kinder werden permanent von ihren Eltern ermutigt, ihr Englisch an dir auszuprobieren. Es ist eine tolle Erfahrung – und wenn alle schlafen gehen, ist man dann doch ganz froh.

Die beste Möglichkeit, eine gute Zeit auf Reisen zu haben, besteht meist darin, es den Einheimischen nachzumachen. Du schreibst, dass Gemütlichkeit und Jogginghosen Trumpf sind. Was muss sonst noch unbedingt ins Gepäck?

Jonas: Ich empfehle, wie im Flugzeug ein Handgepäck zu packen. Zwar kommt man im Zug prinzipiell jederzeit ans Hauptgepäck, aber jedes Mal den großen Rucksack vom Gepäckfach zu heben, ist auf Dauer doch ziemlich nervig. Dort gehören Bücher, Handy-Ladekabel, eine große Flasche Wasser, Essen, Zahnputzzeug und Toilettenpapier rein.

Transsib
Ausflüge gehören zum Transsib-Abenteuer dazu, wie hier ein Halt in Listwjanka.

Was macht man eigentlich den ganzen Tag im Zug, außer aus dem Fenster zu schauen?

Jonas: Schlafen, ziemlich viel schlafen. Das klappt überraschend gut. Ansonsten ist Karten spielen eine ziemlich beliebte Beschäftigung und natürlich lesen, Musik hören und mit dem Handy spielen. Und schlafen.

Ich habe gelesen, dass Instant-Suppen sehr angesagt sind. Wie können sich Transsib-Reisende ernähren, die darauf keine Lust haben? 

Jonas: Haha. Instant-Suppen sind deshalb so beliebt, weil es in jedem Waggon einen Boiler mit kochendem Wasser gibt, was bekanntlich das Einzige ist, was man für Instant-Suppen braucht. Wer darauf keine Lust hat, kann sich auf den Weg zum Speisewagen machen. Wie überall auf der Welt ist das Essen dort nur mittelmäßig, aber sicherlich besser als Instant-Suppen. Ansonsten hält der Zug ziemlich oft an und man kann für ein paar Minuten aussteigen. Am Bahnsteig warten dann schon Verkäuferinnen mit allerlei leckerem Gebäck.

Transsibirische Eisenbahn Baikalsee
Ein Stop am Baikalsee ist Pflicht und für viele Reisende DER Höhepunkt der Tour.

Eure Tour hat sich ja nicht nur im Zug abgespielt, sondern ihr habt die Zeit auch für diverse Zwischenstopps und Ausflüge genutzt. Was sind die absoluten top Tipps, wo man Halt machen sollte und was lässt sich dort alles entdecken?

Jonas: Auf jeden Fall Halt machen sollte man in Ulan Bator in der Mongolei. Die Stadt selbst ist kein Highlight, aber die Basis für Touren in die Nationalparks der Mongolei und die Gobi-Wüste. Wir sind eine Woche durch die Wüste gefahren, für mich das Highlight der Fahrt. Der zweite Pflichtstopp ist Irkutsk an Baikalsee. Der riesige See ist einfach beeindruckend.

Wie hast du die Veränderung der Landschaft und vor allem der Menschen erlebt? Schließlich wart ihr 9000 Kilometer unterwegs und am Ende in einem anderen Kontinent.

Jonas: Ich hatte erwartet, dass es sich langsam mehr und mehr asiatisch anführt. Tatsächlich sehen die Menschen aber erst an der mongolischen Grenze asiatisch aus. Während man in Russland im Zweifel noch als Einheimischer durchgehen kann, gucken einen in der Mongolei auf einmal alle an. Plötzlich gibt es im Restaurant nur noch Stäbchen und das Essen ist unglaublich lecker. Es ist also ein ziemlich abrupter Wechsel.

Welche Mentalität ist für uns Westeuropäer einfacher zu verstehen: die russische oder die chinesische? Oder keine von beiden?

Jonas: Definitiv die russische. Es gibt in Russland zwar sehr herzliche und sehr unfreundliche Menschen, das grundsätzliche Verhalten ist aber recht vertraut. In China denkt man jeden Tag „Was zum …“.

Ulan Bator - Peking
Neuer Kontinent: Dieser Zug bringt die Reisenden von Ulan Bator nach Peking.

Ihr wart im Hochsommer unterwegs und habt beschlossen: Das nächste Mal (wenn es ein nächstes Mal gibt) machen wir das im Winter, weil gerade Sibirien da seinen besonderen Reiz hat. Wie schauen die Planungen diesbezüglich aus?

Jonas: Hehe. Aktuell bin ich in Südamerika und die Planung liegt auf Eis. Die Fahrt nochmal zu machen, würde mich schon sehr reizen. Aber man kann leider nicht überall sein.

„Man sollte eine gewisse Faszination für Züge und eine innere Gelassenheit haben.“

Auf der Webseite ist dein Reisetagebuch bei Reisetag 18 in Listwjanka angelangt – dürfen die Leser da noch auf Nachschub hoffen?

Jonas: Ich hoffe, dass ich dazu eines Tages nochmal komme. Mein physisches Tagebuch liegt leider in Deutschland bei meinen Eltern, daher wird das noch etwas dauern.

Und zum Schluss eine wichtige Frage: Für wen ist eine Reise mit der Transsibirischen Eisenbahn geeignet – und für wen eher nicht?

Jonas: Man sollte eine gewisse Faszination für Züge und eine innere Gelassenheit haben. Wer möglichst schnell ankommen will, ist natürlich an der falschen Adresse. Ansonsten kann man aber die Fahrt so abenteuerlich oder luxuriös machen, wie man will. Es gibt auch komplette vergoldete Touristenzüge mit deutschen Reisebegleitern und allem drum und dran.

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