Moskau: Zwischen sozialistischem Gigantismus und Gegenwart

Bunte Haare, rote Hosen, silberne Regenjacke: So soll David Bowie 1973 mitten auf dem Roten Platz in Moskau gestanden haben. Mit der Transsibirischen Eisenbahn war er aus Wladiwostok gekommen. Rund 9000 Kilometer aus einer Hafenstadt, die für Ausländer bis in die frühen 1990er Jahre eigentlich nicht zugänglich war. Lange galt sein Besuch deshalb als modernes Märchen. Doch David Bowie, dessen Musik in der UdSSR verboten war, besuchte Russland gleich dreimal. Für ihn war Moskau stets nur Zwischenstation auf dem Weg in die unberührte Natur.

Moskau ist für viele Besucher auch heute noch eine Zwischenstation. Start- oder Endpunkt für die Transsibirische Eisenbahn, eine Station auf dem Weg gen Osten. Einen typischen Städtetrip macht man woanders. Zu groß, zu grau, zu hektisch. Wir geben der Stadt im Herzen Russlands eine Chance und prüfen, was sich hinter der größten Metropole Europas verbirgt.

Sieben Schwestern und Vater Stalin

36 Stockwerke, 235 Meter hoch ist der zentrale Turm der Lomonossow-Universität. Und damit nicht einmal das höchste Gebäude Moskaus, das ist nämlich der Mercury City Tower in der neuen Moskau City. Nicht nur die  Einwohnerzahl von Moskau ist beeindruckend, je nach Quelle zwischen 9 und 13 Millionen. Auch die einzelnen Gebäude zeugen von der Sehnsucht nach Größe.

Moskau Kreml
Beeindruckendes Wahrzeichen: Der Kreml im Sonnenuntergang.

Beginnen wir in der Mitte und damit am Anfang: Der Kreml war das Zentrum der ehemaligen Zarenstadt. Wo früher Monarchen regierten, ist heute der Sitz des Staatspräsidenten. Die roten Kreml-Mauern am Roten Platz scheinen namensgebend zu sein, doch erlauben wir uns eine Fangfrage: Welche Farben hatten die Kreml-Mauern ursprünglich? Richtig, nicht rot. Sie waren weiß.

Der russische Name ist „Krasnaja Ploschtschad“. Das Wort „krasnaja“ kann zwar mit „rot“, aber eben auch mit „schön“ übersetzt werden. Aus dem schönen Platz wurde in den meisten Übersetzungen ein roter Platz. Damit es nicht zu Verwirrungen kommt, wurden die Mauern kurzerhand dem Namen angepasst. So lautet zumindest eine Version.

Und ewig ruht Lenin

Rund um den Roten Platz kann man all das besichtigen, was man zu Moskau im Gedächtnis hatte. Neben dem Kreml die berühmte Basilius-Kathedrale mit ihren hübschen Zwiebeltürmen samt bunter Bemalung und das Lenin-Mausoleum, wo noch immer der Leichnam Lenins aufgebahrt ist. Weder Zweiter Weltkrieg, unzählige Touristen noch Putin konnten dem Revolutionsführer in seiner letzten Ruhestätte etwas anhaben.

Staatsuniversität Moskau
Stalins „Kathedralen“, mittendrin die Lomonossow-Universität.

Doch es war nicht Lenin, der mit seiner Architektur Moskau prägte, es war die von Josef Stalin in Auftrag gegebenen Gebäude, die das Stadtbild Moskaus prägte. Sieben Hochhäuser ließ Stalin bis 1954 im sogenannten Zuckerbäckerstil errichten. Dieser Sozialistische Klassizismus zeugt von monumentaler Größe, die den Stellenwert des Sozialismus verdeutlichen sollte. Von den ursprünglich geplanten acht Prestigebauten wurden nur sieben verwirklicht, die sogenannten „Sieben Schwestern“ oder auch „Stalins Kathedralen“: die Lomonossow-Universität, das Außen- und das Eisenbahnministerium, zwei Hotels und zwei Wohnhäuser.

Die Moskauer Architektur beeindruckt mit ihrer Größe und den dekorativen Fassadenelementen. Pompös sind allerdings nicht nur die Gebäude, sondern die ganze Infrastruktur der Stadt. Drei- oder auch zwölfspurige Straßen spülen den Verkehr mehr zäh als fließend durch die Straßen. Moskau lässt Fußgänger spüren, wie winzig sie zwischen monumentalen Hochhäusern und gigantischen Denkmälern sind.

Metro: Kathedralen des Volkes

Fußgängerfreundlich kann man Moskau also nicht gerade nennen. Kein Wunder, dass sich die Metro als Fortbewegungsmittel Nummer eins durchgesetzt hat, um die weiten Wege innerhalb der Stadt zu bewältigen. Daran ändern auch Unfälle und Anschläge nichts. Die Moskauer Metro ist mehr als reines Fortbewegungsmittel, sie ist eine Ode an den Sozialismus. Unter Stalin wurde nicht nur die Oberfläche bebaut, auch unter der Erde ließ er prunkvolle Orte entstehen.

Metro Moskau
Prunk unter der Erde: Moskaus Metrostationen sind ein echter Hingucker.

Die U-Bahnhöfe wurden unter Stalin zu „Kathedralen des Volkes“. Wer einen der prachtvollen Bahnhöfe zum ersten Mal betritt, kommt aus dem Staunen nicht heraus. Stuckbögen, Kronleuchter und überlebensgroße Bronzefiguren sind hier Standard. Die prachtvollen Stationen entstanden nicht aus Freude an der Dekoration, dahinter steckte selbstredend eine Botschaft. Nicht für die Kirche werden im Sozialismus Kathedralen gebaut, sondern für das Volk, das mit seinen Arbeitern den Wert des Sozialismus bildet.

Eigene Stadt in den Katakomben?

Neben den anzugtragenden Berufspendlern, kopftuchbedeckten Babuschkas und perlenbehangenen Studentinnen fallen an den Stationen immer wieder Touristen mit großen Faltplänen auf. In ihnen sind die schönsten U-Bahnhöfe verzeichnet, die Metrotouren gehören zum Standardprogramm der Besucher. Die U-Bahn-Station am Revolutionsplatz gilt als besonders sehenswert. Sie zeigt gigantische Skulpturen von  Revolutionären und einfachen Menschen, die glücklich in einer sozialistischen Welt leben.

Eine Portion Glück kann sich der Besucher auch in der postsozialistischen Ära abholen: Wer die Hundenasen streichelt, der wird mit Glück gesegnet und schaden kann das ja nie.

Die Moskauer U-Bahn könnte einiges erzählen, hätte sie eine Stimme. Sie diente als Bunker, Lazarett und manche Verschwörungstheoretiker meinen, dass der Untergrund noch heute ein Doppelleben führt. Eine zweite U-Bahn für Militär und Regierung soll sich unbemerkt von der Zivilbevölkerung unter der Stadt befinden. Manche wollen sogar von einer unterirdischen Stadt in den Katakomben wissen, die Platz für 15 000 Menschen bieten soll. Momentan wird diese von Riesenratten bevölkert.

Mehr Grün für Moskau

Seit einigen Jahren versucht die Regierung, die Wege auf der Oberfläche der Stadt menschenfreundlicher zu gestalten. Im Zentrum bewegten sich zu Zeiten der Sowjetunion wenige Menschen zu Fuß. Besuche von Regierungs- und Kulturorten standen bei den Moskauern selten auf dem Tagesplan.

Gorki Park
Auf der Suche nach Grünflächen werden Touristen immerhin im Gorki Park fündig.

Heute sind es vor allem die Touristen, die sich im Herzen der Stadt auf den Plätzen und Straßen bewegen. Fahrradwege entstehen, die allerdings noch nicht so rege benutzt werden wie erhofft, außerdem soll es grüner werden. Die wenigen Grünflächen der Stadt wurden bisher von der Stadt vernachlässigt. Kaum Rasen, stattdessen karge, braune Flächen.

Einige Anwohner haben es sich zum Ziel gemacht die Grünflächen zu schützen. Sie sähen Samen, machen auf die Misere öffentlich aufmerksam. Doch sie bekommen nur wenig Gehör. Es sind eher große Projekte, die die Stadt verfolgt. Neben dem Kreml soll nun ein Park zum Erholen entstehen, die Projektleitung erhielt ein Architekt aus den USA. Bei neuen Projekten darf geklotzt werden, wo im Kleinen nicht einmal gekleckert wird.

Naturgefühle im Gorki-Park

Doch jeder Grünfläche, jeder Ort zur Erholung tut der Stadt gut. Auch der berühmte Gorki Park, der vor allem Deutschen sofort ein Summen über die Lippen kommen lässt, wurde an heutige Bedürfnisse angepasst. Auch früher schon sollte der Park bei Arbeitern für Erholung und Abwechslung zum Arbeitsalltag sorgen. Heute gibt es neben einer Eislaufbahn Möglichkeiten zum Snowboarden, Skifahren und Spazieren. Im Sommer macht man es sich an der Uferpromenade gemütlich. Dann ist das Open-Air-Café Olive Beach geöffnet und lässt Urlaubsfeeling unter Sonnenschirmen und Olivenbaumkronen aufkommen.

Eine Superlative bietet das sogenannte „WDNCh“. Die Abkürzung bedeutet übersetzt „Ausstellung der Errungenschaften der Volkswirtschaft“. Unter Stalin präsentierte sich hier die Sowjetunion in Miniaturausgabe: Pavillons der Ex-Sowjetrepubliken zeigen in stilisierter Form ihre Funktion, zum Beispiel als Kornkammern. Nachdem dieser Ort lange seinem Schicksal überlassen wurde, wird er nach und nach saniert und als Erholungsgebiet umgebaut. Heute befindet sich dort die größte Eislaufbahn der Welt.

Eislaufen Gorki Park
So machen russische Winter Spaß: Ab zum gemeinsamen Eislaufen!

Eislaufen ist in Moskau Volkssport. Sobald es Frost gab, wurden auf planen Flächen Wasser verteilt und los ging es mit dem Kufenspaß. Heute ist das Wetter allerdings unbeständig. Nach Jahren ohne Frost im November oder Dezember stiegen die Moskauer auf künstliche Eisahnen um. Ein System aus Rohren sorgt nun für kontinuierlichen Frost auf den Bahnen und jede Menge Spaß. Egal, ob bei kleinen Knirpsen im Schneeanzug oder älteren Herrschaften mit Pelzmützen.

Nachtleben und Kultur: Zwischen den Extremen

Spaß haben, das steht in der Stadt der Superlative sowieso ganz oben auf dem Tagesplan. Wo bei Touristen eher der Ballettbesuch als Abendprogramm herhält, wollen die Moskauer feiern. Vielleicht ist es das viele Grau, was das Bedürfnis nach Entertainment so groß macht. Doch in einer Stadt wie Moskau, wo vergleichbar mit New York die meisten Milliardäre der Welt leben, ist das Nachtleben Luxus. In einigen Clubs kostet die Tischreservierung gerne einmal mehrere Tausend Euro. Dafür bekommt man für Geld so ziemlich alles, was man sich wünscht. Alkohol en masse, Akrobaten, die von den Decken baumeln, Feuerschlucker oder auch Superstars als VIP-Gäste. Je größer und exklusiver das Angebot, umso angesagter der Club.

Alternativen zu den Nobelclubs

Die kreative Szenen findet man hingegen an anderen Orten. Es war die Wirtschaftskrise von 2016, die den kreativen Orten der Stadt Aufschwung verliehen hat. Wer sich teure Bars nicht mehr leisten kann, sucht Alternativen. In der ehemaligen Schokoladenfabrik Krasny Oktjabr, auf deutsch Roter Oktober, gibt es solche alternativen Clubs wie das PPCM, Bars, Galerien und das Design-Hostel Fabrika Hostel & Galler für ein Publikum ohne die entsprechenden Nullen auf dem Konto.

Bolschoi Theater
Zum Ballett ins Bolschoi-Theater oder lieber alternative Kulturszene?

Das Strelka Institute ist einer der bekanntesten und renommiertesten Orte für Kreativität. Benannt nach dem sowjetischen Weltraum-Hund Strelka, verbirgt sich hinter dem Namen eine Schule für Architektur, Medien und Design. Auf dem Campus treffen sich die Studenten mit Gleichgesinnten in der „Bar Strelka“ . Hier gibt es regionale Gerichte, eine Dachterrasse und beleibte Partys am Wochenende.

Wer sich für Subkultur interessiert, die sich traut kontroverse Themen anzusprechen, der muss tiefer in den Untergrund abtauchen. In einem Land, in dem Homosexualität ein Problem darstellt, verziehen sich die Kreativen oft hinter verschlossene Türen. Ausstellungen finden in Privatwohnungen statt, jenseits der Öffentlichkeit. Unter Putin wird sich das nicht ändern.

Ein zweiter Blick lohnt sich

Auch wenn sich Moskau von der sozialistischen Vergangenheit nach und nach löst, ist der Wunsch nach Größe und Ruhm auch im modernen Russland spürbar. Offensichtlich wird dies in der „Moskau City“. Nach dem Vorbild der Skylines von London oder New York entstehen hier Hochhäuser aus Glas und Stahl, die in schwindelerregende Höhen schießen. Was als Finanzzentrum geplant war, kann sich nach den wirtschaftlichen Sanktionen kaum jemand mehr leisten. Was imposant aussieht, ist in Wahrheit oft nur Fassade: Rund die Hälfte der Gebäude stehen leer.

Vor allem Geschäfts- und Bürogebäude finden sich hier, vereinzelt aber auch Luxuswohnungen, die sich nur die Superreichen leisten können. In Moskau leben nach New York die meisten Milliardäre der Welt. Sie bilden den Kontrast zu der immer größer werdenden Zahl an Obdachlosen, die in der Stadt wohnen. 2016 ging man von rund 4 Millionen Menschen ohne festen Wohnsitz aus.

Vieles nur Fassade: Rund die Hälfte der modernen Hochhäuser in Moskau steht leer.

Moskau ist mehr als der Besuch von Sehenswürdigkeiten, es ist immer auch ein Politikum. Die Stadt will erobert werden und wird erst dann fassbar, wenn man tiefer eintaucht ins Nachtleben, ins Kulturleben hinter verschlossenen Türen. Ein Besuch in Moskau ist kein Spaziergang, er kann anstrengend sein. Moskau ist luxuriös, bettelarm, dreckig und prachtvoll.

Ein Besuch in Moskau ist eine Achterbahn der Gefühle, wie man so schön sagt.

Doch die Anstrengungen lohnen sich! Moskau kann abschrecken aber mit etwas Mühe auch begeistern. Und was immer gilt: Lieber selbst sehen und dann urteilen, statt sich eine Meinung zu bilden, die nur auf den Erfahrungen anderer beruht.

Zur Erholung in die Banja

Ein kleiner Tipp zum Schluss: Damit der Moskau-Besuch mit einer erholsamen Portion Entspannung endet, empfiehlt sich der Besuch in der Banja. In der russischen Mischung aus Dampfbad und Sauna lässt sich der Stress der hektischen Großstadt einfach wegschwitzen. Die Banja ist der Ort, der alle Moskauer zusammen bringt. Egal, ob superreicher Firmenboss oder bescheidener Arbeiter. In der Banja ist man in geselliger Runde zusammen. Es wird mit Birkenzweigen gequästet, also leicht abgeklopft, gewaschen und geredet. Hier kommen die Moskauer jenseits von Häuser- und Gesellschaftskluften zusammen auf die gleiche Holzbank. Allerdings streng nach Geschlecht getrennt – darauf legt man in den Badehäusern wert.

Bildnachweis:

Titelbild: © Depositphotos.com/Юлия Батурина
Kreml: © Depositphotos.com/Sergey Borisov
Universität: © Depositphotos.com/Sergey Breev
Metro: © Depositphotos.com/Elena Chernysheva
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Eislaufen: © Depositphotos.com/Valery Voennyy
Bolschoi-Theater: © Depositphotos.com/Andrey Omelyanchuk
Hochhäuser: © Depositphotos.com/Maxim Solovyov

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