Masleniza: Pfannkuchen, wohin das Auge reicht

Rund um den Roten Platz und auf der Flaniermeile zum Arbat in Moskau ist die Hölle los. Menschenmassen drängen sich um Fressbuden und Souvenirstände. Es sind Touristen aus aller Welt, Einheimische aus der Nachbarschaft oder anderen Teilen des Landes.

Manche sind verkleidet, als Clown oder Sonne. Doch in erster Linie dreht sich bei der Moskauer Masleniza alles ums Essen. Dazu wird getrunken, eingekauft. Und all das im Kreise der Liebsten.

Gegen den Winter und Vorbereitung auf die Fastenzeit: Die Masleniza

Zehntausende finden sich jährlich zu den Feierlichkeiten der Masleniza in Moskau ein, Tendenz steigend. Die sogenannte Butterwoche ist das liebste Fest der Russen. Zum Winterende, zwischen Ende Februar und Anfang März, wird mit einem einwöchigen Fest der Winter endgültig vertrieben und die anstehende Fastenzeit eingeläutet.

Wichtigste Tätigkeit während der Buttwerwoche: sich den Bauch mit Blinis vollschlagen.

Bei der Butterwoche wird sich noch einmal so richtig der Bauch vollgeschlagen. Da der Genuss von Fleisch bei den orthodoxen Christen kurz vor der Fastenzeit schon verboten ist, kommen dabei hauptsächlich Mehl- und Milchspeisen auf den Teller. Das heißt: Pfannkuchen, wohin das Auge reicht. Die „Blinis“ gibt es mal mit Kondensmilch, mal mit Käse oder auch edel mit Kaviar, diese Variante ist besonders beliebt.

Das Zubereiten der Eierpfannkuchen folgt dabei klaren Regeln. Wenn man in Russland Blinis macht, dann richtig! Für die Pfannkuchen braucht man eine Pfanne aus Gusseisen, in etwa so groß wie eine Untertasse.

Damit der Teig nicht kleben bleibt, muss die Pfanne gut gesäubert sein. Dies geschieht traditionell so, dass man Salz in der Pfanne erhitzt, die Pfanne dann auswischt und mit einer halben, ölgetränkten Kartoffel ausreibt. Die aus Buchweizenmehl hergestellten Blinis werden mit Butter bestrichen, aufeinandergestapelt und an einem warmen Ort gelagert.

Die Zubereitung der Eierpfannkuchen folgt ganz bestimmten Regeln und Traditionen.

Die kleinen runden Pfannkuchen sind der Star auf der Moskauer Masleniza und gleichzeitig das Symbol für das Fest an sich. So hartnäckig der Winter die Strahlen der wärmer werdenden Sonne verdeckt, so verschlingt der Pfannkuchen das Licht und die Wärme des Ofens.

Zu den Blinis gibt es Honigwein und Wodka. Schließlich muss die Kehle stets schön feucht sein, um die Massen an Teigspeisen hinunterzuschlingen zu können.

Zwischen heidnischen Bräuchen und Verbot

Die Masleniza geht bis in heidnische Zeiten zurück. Durch das Verbrennen von Strohtieren sollte dem Winter der Garaus gemacht werden. Bis ins 16. Jahrhundert war die Butterwoche gleichzusetzen mit Silvester, denn das neue Jahr in Russland fing erst im März an.

Im Laufe der Zeit eigneten sich die orthodoxen Christen das Fest an und ergänzten es um religiöse Bräuche. Der erste Tag der Woche galt im religiösen Sinn als „Tag des Treffens oder der Begrüßung“. Kinder hießen die Butterwoche mit lauten Rufen willkommen. An diesem Tag zogen die Ehefrauen für einen Tag wieder ins Haus ihrer Eltern. Hier mussten sie bei den Vorbereitungen für den Abend helfen, denn am Abend waren die Schwiegereltern dort zum Essen eingeladen.

Winter, hau endlich ab! Damit er das auch versteht, werden überall große Strohpuppen verbrannt.

Am Dienstag, dem Tag der Spiele, geht es auch heute noch fröhlich zu. Schlitten fahren, verkleiden, im Schnee spielen und die Annäherung zu potentiellen Heiratspartnern standen und stehen im Fokus.

Im Laufe der Woche gibt es Verwandtenbesuche, viele Leckereien und allerhand traditionelle Bräuche. Auch wenn die Tradition nicht mehr im Zentrum des Festes steht, geht es vor allem familiär und gesellig zu.

Vor allem der letzte Tag der Festlichkeiten ist wichtig. Am Sonntag dreht sich alles um Vergebung. Man bittet sich gegenseitig um Vergebung für alle im letzten Jahr begangen Fehler und Kränkungen.

Das war vor allem früher angebracht, nicht selten arteten die Feste in Schlägereien aus. All die angestaute negative Energie und Sorgen des Winters brachen aus den Leuten hervor.

Damit der Winter nun endlich Auszug hält, werden große Feuer entfacht und eine Strohpuppe verbrannt. Obwohl das Fest auf heidnische Bräuche zurückgeht, war der religiöse Hintergrund den führenden Politikerin in der UdSSR ein Dorn im Auge. Kurzerhand wurde die Butterwoche 1917 abgeschafft, zum Leidwesen der Bevölkerung. Erst 2002 wurde das liebste Fest der Russen wieder offiziell in Moskau gefeiert. Und wie!

Zwischen Tradition und Kommerz

Die lange Zeit des Masleniza-Verzichts zu Zeiten der UdSSR muss wohl aufgeholt werden. Immer mehr, immer größer, immer kommerzieller wird die Moskauer Masleniza. Es ist ein regelrechter Boom um das Volksfest entstanden, der seinen vorläufigen Höhepunkt in den Feierlichkeiten 2017 fand.

Masleniza – gleichbedeutend mit dem Karneval in Rio oder dem deutschen Oktoberfest, so stellen sich die Russen den Erfolg ihres Festes vor. Ob das erstrebenswert ist?

Die Reiseanbieter profitieren vom Zulauf und verkaufen in dieser Zeit besonders viele Touren durch Russland.

Auch die Lebensmittelgeschäfte merken einen deutlichen Anstieg beim Verkauf der typischen Blini-Zutaten. Zu keiner anderen Zeit im Jahr wird mehr Mehl, Honig oder Kaviar gekauft wie kurz vor der Masleniza. Davon profitieren in erster Linie nicht die Bauern, sondern die großen Supermarktketten, die extra zum Fest Sonderartikel rund ums Thema Butterwoche unters Volk bringen.

Masleniza: Volksfest, Spektakel, Karneval? Wahrscheinlich von allem ein bisschen.

So sehr sich die Russen über den Hype freuen, so wichtig der wirtschaftliche Faktor auch ist: Mit Rio kann das Volksfest lange nicht mithalten – und das nicht nur wegen der Temperaturen.

Und das ist auch gut so. Statt massenhaft gefertigter Souvenirs und Blini-Backmischungen im Supermarkt sollte die Tradition des Festes im Mittelpunkt stehen. Wichtig ist der eigentliche Sinn hinter dem Fest, das mehr ist als kommerzielles Volksfest: Das Zusammensein mit der Familie, die Dankbarkeit für den nahenden Frühling und die Vergebung der Sünden.

In der Butterwoche nimmt man sich die Zeit, in sich zu kehren und sich einzugestehen, was am eigenen Verhalten falsch war. Mehr noch: Man bittet um Entschuldigung. Dieser Grundgedanke macht das Fest zum Ende des Winter so schön und wertvoll.

Wenn die Russen es schaffen, den Grundgedanken zu bewahren, dann muss sich die Masleniza überhaupt nicht mit Rio messen, sondern ist genau so gut, wie sie ist.

Bildnachweis:

Titelbild: © Depositphotos.com/Kateryna Debela
Mädchen mit Blinis: © Depositphotos.com/Ирина Бекулова
Pfannkuchen backen: © Depositphotos.com/Игорь Сорокин
Strohpuppe brennt: © Depositphotos.com/Ryhor Bruyeu
Karnevalfiguren: © Depositphotos.com/Svetlana Dikhtyareva

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