Rubrik Fremd gelesen im DERSTANDARD.de

„Weil’s immer schon so war“ ist meistens keine befriedigende Erklärung. Manchmal trifft sie aber zu: etwa wenn es darum geht, warum das Rad in Dänemark und in den Niederlanden eine ganz andere Rolle spielt als in Österreich. Räder sind leise, verursachen keine Abgase – und man steht mit ihnen nicht im Stau: Im urbanen Raum sind sie eigentlich so etwas wie das ideale Fortbewegungsmittel. Trotzdem gibt es eklatante Unterschiede: In Amsterdam oder Kopenhagen wird viermal so viel Rad gefahren wie in Wien. Die Emissionen im Verkehr müssen in Österreich rapide sinken. Das Rad senkt sie sofort auf null. Schauen wir uns das deshalb genauer an.

Warum fahren in manchen Städten mehr und in anderen weniger Menschen Rad? Das ist keine Raketenwissenschaft. Die Forschung zeigt: Wer Straßen für Autos baut, erntet Autoverkehr, wer gute Radinfrastruktur baut, Radfahrer. Autostädte wie in den USA haben häufig de facto null Radverkehr, New York City kommt auf einen Anteil an den Wegen, die mit dem Rad zurückgelegt werden, von einem Prozent. Amsterdam kommt mit seiner fantastischen Infrastruktur auf 38 Prozent. Wien hat eine mittelmäßige und liegt bei neun Prozent. So weit, so einfach. Nur: Warum ist das so? Weil es eben immer schon so war.

Sándor Békési arbeitet im Wien-Museum. Bevor das Auto seinen Siegeszug antrat, war das Rad in vielen Städten Europas das Massenverkehrsmittel schlechthin, sagt er. Nicht aber in Wien, so Békési. Das von den Sozialdemokraten dominierte Wien habe nie Geld in den Ausbau der Radinfrastruktur investiert. Die 1920er wirken bis heute nach. Das Rad wurde für die breite Masse leistbar. In den USA begann man, das Auto am Fließband herzustellen, die Kosten begannen stark zu sinken. Die Benutzung der Straße wurde neu verhandelt.

Entscheidende Jahre

Wer darf wann über die Straße? Lange begegneten sich Autos, Kutschen, Straßenbahnen, Fußgänger und Radfahrer gleichberechtigt, der Augenkontakt regelte den Verkehr. Mit dem Auto tauchte nun ein Verkehrsmittel auf, das die Straße für sich beanspruchte. Und ob in den 1920er-Jahren das Rad bereits breit etabliert war oder eben nicht, wirkt in Teilen bis heute nach. In den Niederlanden wurden im Jahr 1923 74 Prozent der Wege mit dem Rad erledigt. Für Wien gibt es keine Zahlen, sagt der Historiker Békési. Aber auf Fotos vom Alltag seien sie kaum präsent, nur auf dem Weg zum Praterstadion oder zum Baden an die Donau.

Warum wurde das Rad in Wien so wenig benutzt? Darüber lässt sich nur mutmaßen, sagt Békési. Klar ist, dass das Rad auch einmal ziemlich „in“ war. Wohlhabende, Intellektuelle wie Theodor Herzl oder Arthur Schnitzler fuhren Rad, es war ein Statussymbol. Mit der Zeit wurde es in Wien aber „out“, es wurde von Postlern verwendet, von Förstern. Die Politik, also die Sozialdemokratie, schrieb sich den öffentlichen Verkehr auf die Fahnen. Das prägt Wien bis heute, die Stadt hat ein hervorragend ausgebautes Netz an U-Bahnen, Straßenbahnen und Bussen. Bis in die 1950er-Jahre wurden aber noch viele, kilometerlange Wege zu Fuß zurückgelegt, sagt Békési. Dann begann der Siegeszug des Autos.

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Titelbild: © Depositphoto – Алексей Скрейделев